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StartseiteEuropa heuteSchmiergeld für ein neues Knie18.05.2018

Hoffnung auf ein neues Rumänien (5/5)Schmiergeld für ein neues Knie

Früher waren es Eier und Schweinehälften, heute sind es Geldscheine. Bestechung von Ärzten und Schwestern hat in Rumänien Tradition. Es gibt viele Versuche, dagegen vorzugehen. Initiativen von Ärzten und NGOs zeigen bisher vor allem, dass niemand auf schnelle Besserung hoffen kann.

Von Leila Knüppel und Manfred Götzke

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Auf der Webseite "Marktplatz des Schmiergelds" können Rumänen eintragen und nachsehen, wann wo für was wie viel Schmiergeld gezahlt wurde (Deutschlandradio / Knüppel/Götzke)
Auf der Webseite "Marktplatz des Schmiergelds" können Rumänen eintragen und nachsehen, wann wo für was wie viel Schmiergeld gezahlt wurde (Deutschlandradio / Knüppel/Götzke)
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Kinder fahren Schlangenlinien auf lärmenden Mini-Autos, Jogger und Rennradfahrer überholen einen Pulk Spaziergänger. An den Buden ploppen Popcorn und Kronkorken. Die Stimmung nach Feierabend im Bukarester Park "Titan".

"Gerade noch gearbeitet? – Ja, ich komme direkt aus dem Krankenhaus. Habe bis 16 Uhr operiert."

Bogdan Tanase ist direkt nach der Arbeit hierher gekommen. Eben hat der Oberarzt noch operiert. Seit zehn Jahren arbeitet er am staatlichen onkologischen Institut in der rumänischen Hauptstadt. Dorthin wollte er allerdings keine Journalisten einladen.

"Ja, die Leitung  meiner Klinik will das nicht, alle Krankenhäuser sind sehr zurückhaltend gegenüber der Presse, dabei gibt es keine Geheimnisse, wir haben nichts zu verbergen."

Stattdessen erzählt er lieber hier, im Feierabend-Trubel, was in den Krankenhäusern falsch läuft. Vor drei Jahren hat Tanase die "Ärzteallianz" gegründet, eine Organisation, die Reformen im Gesundheitswesen voranbringen möchte.

"Ich bin eigentlich gar nicht der Typ, der gerne in der Öffentlichkeit steht, aber niemand anders wollte es machen, viele Ärzte haben Angst, etwas zu verlieren, nicht zuletzt ihren Posten. Aber jemand muss die Probleme, die wir haben, halt auch aussprechen."

Fiktive Patienten

In Hemd und Jeans sitzt der Oberarzt  am Biergartentisch im Park. Seinen weißen Kittel hat er im Krankenhaus gelassen. Schade, sonst ließe sich überprüfen, ob das, was einem jeder Rumäne erzählt, wirklich wahr ist – oder nur ein Witz: Wer hier als Arzt kein Bestechungsgeld haben wolle, so heißt es, der müsse sich die Taschen seines Kittels sehr fest zunähen.

"Jeder Zweite versucht, mich zu bestechen, immer noch! Aber ich lehne das stets ab und erkläre es den Patienten, dass es nicht nötig ist. Früher war das vielleicht anders, weil die Gehälter sehr niedrig waren. Doch die Gehälter der Ärzte sind in den letzten drei Jahren sehr stark gestiegen. Ich zum Beispiel verdiene jetzt 2.000 Euro. Für rumänische Verhältnisse ist das gut. Vor drei Jahren habe ich weniger als 1.000 Euro verdient."

Schmiergeld werde trotzdem oft noch gezahlt. Auch an seine Kollegen im Krankenhaus. Klar: Wer möchte schon riskieren, dass er aus der Narkose nicht mehr aufwacht, weil er dem Anästhesisten zu wenig "Trinkgeld" gegeben hat.

"Das hat sich seit der Zeit des Kommunismus so entwickelt und ist aus den Leuten so schnell nicht wieder rauszukriegen. Aber diese Ärztebestechung, das ist ja nur Korruption in kleinem Ausmaß, viel schlimmer ist die größere Korruption. Wir hatten vor zwei Monaten einen Skandal, da haben Mitarbeiter der staatlichen Krankenversicherung, inklusive deren Präsident, fiktive Patientenakten erstellt und die Kosten für die "Behandlungen" dieser fiktiven Patienten kassiert, da geht es um Milliarden von Euro."

Die Schmiergeld-Selbstauskunft im Internet

Am nächsten Tag geht es zum Bummel über den "Marktplatz des Schmiergeldes" - den "Piata de spanga". Virtuell, versteht sich. Denn der Marktplatz ist eine Internetseite.

"Vorne, auf der ersten Seite kannst du aktuelle Schmiergeld-Meldungen sehen. Der hier kommt aus dem Bereich Gesundheit, wo im Durchschnitt 188 Euro gezahlt wird."

Alina Calistru und Codru Vrabie sitzen vor dem Laptop – darauf ist eine Landkarte von Rumänien zu sehen.

Jeder Nutzer kann eintragen, wo und wofür er wie viel Schmiergeld gezahlt hat – oder ob es sogar mal eine Dienstleistung ganz ohne "Spanga" gab. Mehr als 1.000 Nutzer klicken die Seite jeden Monat an.

"Das höchste Schmiergeld, was je auf der Seite im Bereich Gesundheit gemeldet wurde, war 4.000 Euro. Für eine Knie-Operation irgendwo in der Region Hundedoara, so weit ich mich erinnere."

Unter einem der Einträge ist ein unglücklicher Smiley zu sehen.

Dieser Kunde war also nicht zufrieden. Auch das lässt sich vermerken.

Den Schmiergeld-Markt transparent machen

"Die Seite soll Bürgern helfen herauszufinden, ob sie Schmiergeld zahlen möchten, wie viel, ob es das wert ist. Denn schau, wir können viele Kampagnen starten, um zu zeigen, dass Schmiergeld zu zahlen falsch ist. Das wird auch helfen, langfristig. Aber man muss leider auch der Wahrheit ins Auge sehen, wenn Leute dazu gezwungen werden, Schmiergeld zu zahlen, tun sie dies auch."

Codru Vrabie und Alina Calistru gehören beide zu den Funky Citizens, einer kleinen NGO, die versucht, Bürgerengagement durch Internetprojekte voranzutreiben. Die beiden sind Profi-Aktivisten, sie sind vor sieben Jahren mit der Schmiergeld-Internetseite online gegangen.

Den ersten Schmiergeld-Eintrag hat Vrabie übrigens selbst gemacht – eine Notfall-Operation seiner Großmutter:

"Der Arzt hat die Operation für den nächsten Morgen eingeplant, ist dann zu mir gekommen und hat gesagt: Bereite dich – ja, so war die Formulierung – bereite dich auf das Treffen mit dem Anästhesisten vor! Du musst sehen, ob du 100 oder 50 Euro zahlst. Aber mach dir keine Gedanken wegen der Krankenschwestern. Und ich dachte, oh nein, was bedeutet das nur? Es war eine der schlimmsten Situationen in meinem Leben, weil ich nicht wusste, wie ich das mache. Und im Nachhinein denke ich, der Arzt hätte auch auf Schmiergeld verzichtet, aber ich dachte: Ich muss mir sicher sein, dass es meiner Oma gut geht. Also habe ich gezahlt."

Webseite sollte Konkurrenz erzeugen und Preise drücken

Vrabie ruft eine Grafik auf, die die durchschnittliche Höhe des gezahlten Schmiergeldes im Laufe der vergangenen Jahre anzeigt.

"Die Idee der Internetseite war es, dass – wenn genug Informationen zusammengekommen sind – der Wettbewerb dazu führt, dass die Preise sinken. Der eine nimmt 100 Euro Schmiergeld, der andere 50. Deswegen gehen alle zu dem, der nur 50 nimmt, so dass der andere letztendlich beschließt, nur noch 45 Euro zu nehmen. Und so weiter. Also Marktwirtschaft, die den Bürgern etwas bringt."

Und hat das funktioniert?

"Nein, bisher nicht. Es braucht wohl sehr viel mehr Zeit oder es geht überhaupt nicht. Das müssen wir noch herauskriegen."

Die Zickzack-Line spiegele dafür ziemlich gut die ökonomische Situation Rumäniens wider, meint Vrabie: Geht es mit der Wirtschaft aufwärts, steigen auch die Schmiergelder, in Krisenjahren sinken sie. Gezahlt werde aber fast immer, gerade im Gesundheitsbereich. Oft auch nur als eine Art "Versicherung", damit der Arzt seinem Patienten wohlgesonnen ist.

Ein schwer zu durchbrechendes System

"Wenn da ein Arzt auf dem Land arbeitet, dann kommt eine alte Omi rein mit einem Korb voller frischer Eier von ihren eigenen Hühnern – und sagt: Guten Morgen, Herr Doktor, hier sind ein paar Eier für Sie und ihre Familie – nur, damit Sie sich auch an mich erinnern. Das ist schrecklich!", sagt Codru Vrabie.

"Meine Mutter ist Ärztin", erzählt Alina Calistru. "Und sie erzählt die gleiche Geschichte: Die alte Omi, die Eier vorbeibringt. Und meine Mutter sagt: Nein, die brauchst du mir nicht geben. - Warum? Sterbe ich etwa? – Und so denken die Leute: Wenn jemand kein Schmiergeld haben möchte, muss irgendetwas nicht stimmen."

Vrabie klappt den Rechner zu, erzählt dann, dass er gerade eigentlich eine Auszeit nehme, vom Aktivisten-Dasein. Nach 20 Jahren wolle er sich noch einmal überlegen, was er erreicht habe – und ob der Kampf gegen das Schmiergeld überhaupt Sinn habe.

Würde er denn selbst heute noch zahlen? So wie damals, als seine Oma operiert werden musste?

"Ich will nicht lügen. Ich denke, wenn es um Leben und Tod meines Vaters ginge: Ja, ich würde zahlen."

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