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StartseiteCampus & KarriereHohe Kosten nach dem Studium27.06.2011

Hohe Kosten nach dem Studium

Psychotherapeuten in Ausbildung

Der Bedarf an guten Psychotherapeuten steigt. Trotzdem hat es der Berufsnachwuchs schwer: Nach einem kompletten Studium wird noch die Ausbildung zum Psychotherapeuten an speziellen Weiterbildungsinstituten gefordert – das kostet viel Zeit und Geld.

Von Anja Nehls

Pias werden zum Beispiel in ambulanten Krisenbegleitungen von Städten eingesetzt. (AP-Archiv)
Pias werden zum Beispiel in ambulanten Krisenbegleitungen von Städten eingesetzt. (AP-Archiv)

Julia Walendzik macht sich auf den Weg zu einem Hausbesuch. Die 28-Jährige arbeitet als Pia – als Psychotherapeutin in Ausbildung – in einer ambulanten Krisenbegleitung in Berlin Lichtenberg. Sie möchte eine psychisch erkrankte Dame besuchen, die sich von den Nachbarn verfolgt fühlt.

"Ich führe selber Gespräche, auch Krisengespräche, entweder alleine mit den Klienten oder auch mit der Familie, dann allerdings zusammen mit Kollegen."

Julia wird dabei von ihren fertig ausgebildeten Kollegen unterstützt und angeleitet. Nach einem Studienabschluss als Diplompsychologin wollte sie die Ausbildung als Psychotherapeutin noch dranhängen. 1800 Praxisstunden sind in eineinhalb Jahren dafür abzuleisten. Julia arbeitet 25 Stunden in der Woche – und bekommt 300 Euro im Monat. Damit geht es ihr im Vergleich zu anderen Pias gut. Darüber hinaus wird sie von ihren Eltern unterstützt.

"Andere sind gezwungen einen Nebenjob zu machen und sind am Rande der Erschöpfung, weil die Arbeit in der Klinik auch sehr anstrengend ist mit Patienten, die nun viele Schwierigkeiten haben, dann teilweise ohne Anleitung, das geht eigentlich nur mit Vermögen, mit Unterstützung der Eltern oder mit höchstem Arbeitseinsatz, der bis zur Erschöpfung geht.

Denn die Ausbildung, die über private Ausbildungsinstitute absolviert wird, kostet auch noch 12 bis 50.000 Euro. Die dafür nötigen Praxisstunden sammeln die meisten Pias in Kliniken. An der Berliner Charite bekommen sie dafür gar kein Geld, beim Klinikkonzern Vivantes immerhin ein bisschen. Eine Neuregelung des Psychotherapeutengesetzes ist dringend nötig. Das sieht man auch bei Vivantes so. Kristina Tschenett:

"Die Vergütungsfrage ist im Gesetz offen gelassen worden. Vivantes zahlt zur Zeit 200 Euro, das ist mehr als andere Ausbilder in Berlin zahlen. Die Thematik ist uns durchaus bewusst, deshalb wird die Geschäftsführung auch in der nächsten Woche einen Termin machen, wo es dann in den Gesprächen dann auch um das Thema gehen wird."

In Hamburg hat ver.di zum Teil wenigstens 800 Euro für die Pias durchgesetzt. Dafür werden sie vielfach wie vollwertige Kräfte eingesetzt, Anleitung und Ausbildung bleiben dann auf der Strecke. In den Kliniken des Theodor-Wenzel Werkes ist das anders, sagt die leitende Psychologin Dr. Sabine Hoffmann:

"Wir haben viele Patienten mit Depressionen, wir haben Patienten mit Angststörungen, Zwangsstörungen, es gibt Patienten mit Schizophrenien oder auch Suchterkrankungen und wir führen hier Einzelgespräche und Gruppentherapien durch und unsere Pias haben die Möglichkeit unter unserem Schutz der angestellten Psychologen all diese Krankheitsbilder sehen zu können und können sich psychotherapeutisch selbst erfahren."

Und dass immer unter Anleitung. Die Pias sorgen ihrerseits dann wieder dafür, dass das Krankenhaus die Patienten besser versorgen kann.

"Weil es selbstverständlich aus menschlichen Gründen schön ist, wenn man noch mehr Menschen hat, die mit kranken Patienten reden, aber man darf es sich hier im Theodor-Wenzel Werk auf keinen Fall so vorstellen, dass ohne die Pias nichts mehr laufen würde, also wir würden dann auch so weitermachen, das ist überhaupt gar keine Frage. Das hat natürlich von unserer Seite auch wieder mit Qualitätssicherung zu tun, wir kriegen durch den engen Kontakt mit den Ausbildungsinstituten sozusagen State of the Art, war immer wieder an neuer Therapie, an neuen Maßnahmen da ist."

Ein neues Psychotherapeutengesetz liegt bis jetzt nur im Entwurf vor. Es sieht eine angemessene Bezahlung für die Pias vor. Was angemessen ist, bleibt noch genauso im Dunkeln, wie die Frage, wer für die Pias künftig aufkommen soll. Dr Sabine Hoffmann:

"Es kann dann aber auf keinen Fall so gehen, dass es heißt, die müssen angemessen bezahlt werden und das müssen die Kliniken machen, eins und eins ist zwei, wenn es auf dem Weg passiert, dann wird es keine Pias in den Kliniken mehr geben, weil sich das keine Klinik erlauben kann."

Bis das geregelt ist, ist Julia Walendzik längst 30 und endlich fertig ausgebildete psychologische Psychotherapeutin. – und hofft, dass die 15.000 Euro, die sie bis jetzt für ihre Ausbildung ausgegeben hat, dann wieder hereinkommen.

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