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StartseiteInterviewDeutsche Umwelthilfe fordert weiter Fahrverbote20.04.2020

Hohe Schadstoffwerte trotz CoronakriseDeutsche Umwelthilfe fordert weiter Fahrverbote

Obwohl wegen der Corona-Maßnahmen auch der Verkehr zurückgegangen ist, bleibt die Schadstoffbelastung in den Städten hoch. Das liege am Wetter, sagte Umweltexperte Jürgen Resch im Dlf: Wenig Regen und Wind ließen die Werte ansteigen. Bei Lockerungen befürchtet er einen größeren Anstieg als sonst.

Jürgen Resch im Gespräch mit Martin Zagatta

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Luft-Messstation des Landesamt für Natur Umwelt und Verbraucherschutz NRW, an der Kardinal-Gahlen Straße in Duisburg (imago stock&people / Jochen Tack)
"Das Wetter entscheidet, ob sich zwischen den Häusern die Schadstoffe anreichern. Wenn Sie eine gute Durchlüftung in den Städten haben, sind die Werte auch niedrig", sagte Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe im Dlf (imago stock&people / Jochen Tack)
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Martin Zagatta: Wegen der Corona-Krise sind in den Städten auch deutlich weniger Autos unterwegs. Das müsste – sollte man jedenfalls meinen – folglich auch zu weniger Schadstoffausstoß und besseren Luftwerten führen. Doch das ist offenbar nicht der Fall, wie Messungen der Umweltbehörden ergeben haben sollen. Deshalb wird jetzt auch der Nutzen von Dieselfahrverboten angezweifelt. Und da können wir gleich nachfragen, ob die Deutsche Umwelthilfe, die ja die Dieselverbote bundesweit in Städten durchsetzt, ob die jetzt auch Zweifel hat, dass diese Fahrverbote überhaupt etwas bringen, denn Jürgen Resch, der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe ist jetzt am Telefon. Guten Tag, Herr Resch!

Jürgen Resch: Einen schönen guten Mittag!

Zagatta: Herr Resch, deutlich weniger Autoverkehr, und dennoch nimmt die Schadstoffbelastung in den deutschen Städten offenbar nicht ab. Hat Sie das auch überrascht?

Resch: Nein. Wir hatten im Monat Februar den zweitnassesten Monat seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, und wenn es stark windet – das kam noch dazu – und sehr viel regnet, dann ist es wie in einer Küche: Wenn ein Schnitzel anbrennt und Sie machen das Fenster und die Tür auf, dann ist der Gestank schnell draußen. Wenn Sie die Tür zu lassen und das Fenster, dann springt relativ schnell der Rauchmelder an.

Stuttgart: Eine Anzeige weist auf ein Fahrverbot für Euro 5-Dieselautos auf Abschnitten der B14 und B27 hin. Zum Jahreswechsel wird das Fahrverbot für Dieselautos in der baden-württembergischen Landeshauptstadt ausgeweitet.  (dpa / Marijan Murat) (dpa / Marijan Murat) Neuer Streit über Fahrverbote in Stuttgart
In Stuttgart wird über weitere Diesel-Fahrverbote gestritten. Jetzt hat ein Ingenieur offenbar festgestellt, Diesel-Fahrzeuge seien gar nicht die Hauptverursacher von hohen Stickstoffdioxid-Werten in der Stadt.

Zagatta: Also das Wetter ist wichtiger als der Autoverkehr da?

Resch: Das Wetter entscheidet einfach, ob sich zwischen den Häusern die Schadstoffe anreichern oder nicht. Wenn Sie eben eine gute Durchlüftung in den Städten haben, dann sind die Werte auch niedrig. Wir hatten eben mit Beginn der Corona-bedingten Bewegungsbeschränkungen plötzlich einen Wetterwechsel. Wir haben seit fünf Wochen fast keinen Regen, sehr wenig Wind, und damit steigen die Werte einfach sehr stark an. Sie wären sehr viel höher angestiegen, wenn wir eben nicht diese Verringerung der Verkehre hätten. Deswegen sagen die Fachleute …

Fachleute widersprechen Politikern

Zagatta: Aber weniger Verkehr, wenn Sie mich da vielleicht einhaken lassen, weniger Verkehr ist also kein Garant für bessere Luft?

Resch: Nein, vor allen Dingen, wenn der Verkehr nur so wenig zurückgeht. Es ist so, selbst die Fachleute aus der Stadt Stuttgart widersprechen den Politikern und sagen, das lässt sich ganz eindeutig erläutern. Wenn Sie eben 30 Prozent weniger Verkehr haben an einer bestimmten Stelle und gleichzeitig die Wetterbedingungen so sind, dass die Luft nicht ausgetauscht wird, haben Sie einen höheren Wert. Das sehen Sie über die ganzen 35 Jahre. Nehmen wir mal das letzte Jahr, da hat im Januar der Wert bei 49 Mikrogramm gelegen, Februar bei 75, März bei 53 – das ist immer eine Frage, wie eben die Rahmenbedingungen dafür sorgen, ob die Luft durchlüftet wird und entsprechend besser wird. Deswegen wird umgekehrt ein Schuh draus: Wenn wir jetzt in den nächsten Wochen drauf zulaufen, dass die Wetterlage weiterhin wenig Wind beinhaltet und wenig Regen und gleichzeitig jetzt die Menschen immer stärker wieder zu ihrem alten Bewegungsmuster zurückfinden, dann drohen die Belastungswerte in unseren Städten anzusteigen und möglicherweise sogar stärker als sonst, weil wir gleichzeitig auch sehen, dass wir einen sehr starken Rückgang in der Nutzung von Bahn, Bus, Straßenbahn haben.

Zagatta: Hab ich Sie jetzt da richtig verstanden, Sie sagen, die Experten sehen das, sie legen das auch so aus, und die Politik ist zu doof, oder wie soll man sich das erklären?

Resch: Nein, es gibt ja auch viele kluge Politiker, aber es gibt einige, die immer wieder halt mal meinen, sie müssen die Luftreinhaltung nicht ernst nehmen. Interessant ist doch, dass jetzt gerade vor zweieinhalb Stunden die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg eine Studie vorgestellt hat, die erstmals konkrete Zahlen zu dem Zusammenhang von hohen Todeszahlen infolge von Covid-19-Erkrankungen und eben der hohen Schadstoffbelastung der Luft ziehen.

Schwerere COVID-19-Erkrankungen durch schlechte Luft

Zagatta: Das hatten Sie erwähnt, Herr Resch, also Wissenschaftler sind Ihrer Darstellung nach ja sich dessen durchaus bewusst, aber wie ist das mit der Politik? Das sind ja nicht nur die üblich Verdächtigen, sondern auch Leute, denen es eigentlich sonst um die Umwelt geht. Der grüne Umweltminister in Baden-Württemberg, Herr Untersteller, der sagt ja auch, er nimmt jetzt an, dass sich die Fahrverbote erledigt haben.

Resch: Wir haben innerhalb der baden-württembergischen Landesregierung tatsächlich unterschiedliche Diskussionen. Wir streiten ja auch mit der baden-württembergischen Landesregierung, obwohl sie von den Grünen angeführt wird, und kämpfen für die saubere Luft. Wir sehen eben, wie übrigens der Verwaltungsgerichtshof des Landes, nicht die Voraussetzungen als gegeben an, weil sie müssen im Jahresmittelwert unterhalb des Grenzwertes bleiben. Gerade im Monat April sehen wir, dass wir deutlich über den 40 liegen, und wenn jetzt eben der Verkehr auch noch zunimmt, dann befürchte ich eigentlich für die nächsten Wochen sehr hohe Werte. Deswegen, mich wundert es tatsächlich, dass die verantwortlichen Politiker nicht die Schlüsse ziehen, die jetzt einfach offensichtlich sind, dass man eben, um schwerere Verläufe von COVID-19-Erkrankungen zu vermeiden, alles daransetzt, dass jetzt nicht die Werte wieder hochgehen. Wir haben ja vorgeschlagen, dass beispielsweise auch Verkehrsflächen umgewandelt werden, zumindest mal temporär, in Fahrradstraßen oder Pop-up-Fahrradwege wie in Berlin. Wir haben im Moment eine Zunahme der Fahrradmobilität von 250 Prozent, was ganz wunderbar ist, aber wir müssen diese Menschen auch schützen, dass sie nicht eben zunehmend dann auch verunglücken.

Zagatta: Ja, jetzt sagt der Verkehrsminister in Baden-Württemberg, Herr Hermann – oder er hat die Verwaltungsgerichte um eine Atempause gebeten, weil man jetzt mal die weiteren Werte deswegen auch abwarten will. Sie haben in Oldenburg, hab ich jetzt gelesen, Ihre Klage gerade zurückgezogen – hat das mit den neueren Werten zu tun?

Resch: Nein, das hat mit den alten Werten zu tun – in Oldenburg war schlichtweg im letzten Jahr der Jahresmittelwert unter 40 heruntergefallen. Ich kann Ihnen weitere Beispiele nennen: Wir haben in Nordrhein-Westfalen eine ganze Reihe von richterlichen Vergleichen abgeschlossen, wir werden möglicherweise diesen Freitag noch eine schöne Überraschung haben für eine weitere elfte Stadt. Wir haben in zehn Städten, unter anderem Essen und Bonn, sehr, sehr weitgehende Maßnahmen zur Verringerung des motorisierten Individualverkehrs, also 20, 21 Prozent weniger Autos insgesamt in der Stadt, Stärkung von Fahrradverkehren, Bus, Tram und so weiter beschlossen, um leichte Überschreitungen sicher auf unter 40 Mikrogramm zu bringen. Wir haben wenige Städte in Deutschland, wie zum Beispiel München und Stuttgart, die so hohe und an vielen Stellen hohe Überschreitungen haben, wo wir leider mit diesen weicheren Maßnahmen nicht hinkommen. Dort werden wir – wir haben ja in Stuttgart schon Dieselfahrverbote für Euro 4 – um ein zonales Dieselfahrverbot auch für Euro-5-Fahrzeuge einfach nicht herumkommen.

Kampf um saubere Luft

Zagatta: Herr Resch, das heißt, Sie werden von Ihrer Politik nicht abrücken und weitere Dieselfahrverbote dort, wo Sie das für notwendig halten, durchsetzen wollen, also auf dem Klageweg dann weiterhin?

Resch: Wir kämpfen übrigens nirgendwo für Dieselfahrverbote, wir kämpfen überall für Maßnahmenpakete, die geeignet sind, die saubere Luft durchzusetzen. In Nordrhein-Westfalen ist es uns bei eben Werten, die so 10 Prozent, 15 Prozent über den Grenzwerten liegen, allesamt gelungen, ohne ausdrückliche Dieselfahrverbote das zu erreichen. Wir haben die Lkws, die natürlich mit Diesel fahren, ausgesperrt, wir haben insgesamt die Verkehrsmenge reduziert – damit treffen wir fast zur Hälfte natürlich auch Dieselfahrzeuge, da reicht dieses. Das heißt, wir kämpfen überall gerade jetzt dafür, dass die Luft sauber bleibt, und ich glaube, das ist auch eine richtige Maßnahme, um eben auch schwere Verläufe von Covid-19 zu verhindern, um zumindest einen Beitrag zu leisten. Und genauso , wie wir uns doch alle sicher sind, dass das Rauchen schlecht für die Gesundheit ist, gerade jetzt, ist das Passivrauchen von Dieselabgaben ebenso zu vermeiden. Deswegen hoffen wir, dass die saubere Luft in Deutschland auch wirklich Eingang findet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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