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Holocaust-GedenkenDas Ziel allen Erinnerns sollten Beziehungen sein

Was nützt kritische Geschichtsreflexion, wenn Juden sich in Deutschland nicht sicher fühlen können, fragt Sebastian Engelbrecht in seinem Kommentar. Die beste, bestgemeinte Erinnerung ist vergebens, wenn sich kein lebendiges Miteinander von nichtjüdischen und jüdischen Deutschen daraus entwickelt.

Ein Kommentar von Sebastian Engelbrecht

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Zwei Personen gehen vor dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust durch das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Der Holocaust-Gedenktag wird am 27.01.2021 begangen. (picture alliance/dpa | Fabian Sommer)
Das Holocaust-Mahnmal in Berlin erinnert daran, dass das nationalsozialistische Deutschland sechs Millionen europäische Jüdinnen und Juden ermordete (picture alliance/dpa | Fabian Sommer)
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Weltweit wird Deutschland für seine selbstkritische Geschichtsreflexion gelobt: Ein wahrer Weltmeister der Erinnerungskultur sozusagen, der sich ein Holocaust-Mahnmal in die Mitte seiner Hauptstadt baut. Aber was nützt dieser nie offiziell vergebene Weltmeistertitel, wenn Juden sich in diesem Land nicht sicher fühlen können? Die beste, bestgemeinte Erinnerung ist vergebens, wenn sich kein neues lebendiges Miteinander von nichtjüdischen und jüdischen Deutschen daraus entwickelt.

Keine Empathie entwickelt

Für dieses Missverhältnis gibt es eine Ursache. Die Psychologin Marina Chernivsky hat kürzlich darauf hingewiesen, über Generationen sei Wissen über die Shoah an deutschen Schulen zwar intensiv vermittelt worden. Das sei aber weitgehend ohne Beziehung geschehen: ohne Beziehung zur eigenen, nichtjüdischen Familiengeschichte, ohne Beziehung zu jüdischen Überlebenden, ohne Beziehung zu der Frage: "Was hat das eigentlich mit mir zu tun?" Das Ergebnis sei etwas "Monströses", sagt Chernivsky. Ein Volk hat seine Lektion gelernt. Die meisten seien dabei aber gefühlskalt geblieben. Als Menschen abgespalten von dieser Geschichte, haben viele, zu viele keine Empathie entwickelt: weder für die Opfer noch für die Überlebenden.

Wachturm und Stacheldrahtzaun am Rande der Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Befreiung des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers Auschwitz. (dpa/picture alliance/dpa-Zentralbild/Britta Pedersen) (dpa/picture alliance/dpa-Zentralbild/Britta Pedersen)"Wir haben uns schuldig gemacht"
76 Jahre nach der Auschwitz-Befreiung haben Volkswagen, Daimler, Deutsche Bahn, die Deutsche Bank und Borussia Dortmund gemeinsam mit dem Freundeskreis der Gedenkstätte Yad Vashem den Opfern des Holocaust gedacht und sich auch zu ihrer eigenen Schuld bekannt.

Deshalb hat die Psychologin recht, wenn sie einen Paradigmenwechsel in der Darstellung und in der Vermittlung der Geschichte der Shoah in Deutschland fordert. Heute, 76 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, ist es dafür sehr spät, aber noch nicht zu spät.

Neuer Zugang zur deutschen Schuldgeschichte

Ein gutes Beispiel für das Bemühen, Geschichte im lebendigen Miteinander zu lernen, geben dieser Tage fünf deutsche Unternehmen: Volkswagen, Daimler, die Deutsche Bahn, die Deutsche Bank und der Fußballclub Borussia Dortmund. Es ist beachtlich, wie sich die Spitzenmanager zur je eigenen Schuldgeschichte ihrer Unternehmen im Nationalsozialismus und zur Verantwortung für das lebendige Judentum im heutigen Deutschland bekannten. Jeder einzelne trat dabei empathisch und authentisch auf. Heute schicken die fünf Unternehmen Auszubildende in die Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz oder finanzieren den Bau eines "Hauses der Erinnerungen" in der Shoah-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Mehr noch: Vor aller Augen und Ohren haben sie die Antisemitismus-Definition der Internationalen Holocaust-Erinnerungs-Allianz angenommen, die auch Israel-bezogenen Judenhass einschließt.

Mit solchen Taten kann er gelingen, der neue Zugang zur deutschen Schuldgeschichte. Und auf der Basis solcher Zeichen können Beziehungen wachsen: persönliche Beziehungen zur Geschichte der Shoah und Beziehungen zwischen Nichtjuden und Juden. Das Ziel allen Erinnerns sollten Beziehungen sein – und eine Gesellschaft, in deren Mitte Jüdinnen und Juden ohne Polizeischutz leben können – sicher und sichtbar.

Korrespondent Sebastian Engelbrecht (Deutschlandradio / Christian Kruppa)Korrespondent Sebastian Engelbrecht (Deutschlandradio / Christian Kruppa) Sebastian Engelbrecht, geboren 1968 in Berlin, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und studierte Evangelische Theologie in Heidelberg, Berlin und Jerusalem. Promotion an der Universität Leipzig. Er war von 2008 bis 2012 ARD-Hörfunk-Korrespondent in Tel Aviv und anschließend Referent des Intendanten von Deutschlandradio. 2017-2018 unterwegs im In- und Ausland als Dlf-Reporter. Seit 2019 ist Sebastian Engelbrecht Korrespondent im Landesstudio Berlin von Deutschlandradio in Berlin-Mitte.

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