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StartseiteKommentare und Themen der WocheEs gibt kein unpolitisches Erinnern29.01.2020

Holocaust-GedenkenEs gibt kein unpolitisches Erinnern

Künftig wird es darum gehen, die Erinnerung an den Holocaust zu weiten und für neue, andere Perspektiven zu öffnen, kommentiert Stephan Detjen. Weniger Kanon, mehr Vielstimmigkeit. Dazu gehört aber auch die Erkenntnis, dass es kein unpolitisches Erinnern geben kann.

Von Stephan Detjen

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Abgeordnete aller Fraktionen applaudieren Historiker Saul Friedländer nach seiner Rede bei der Gedenkstunde des Deutschen Bundestags für die Opfer des Nationalsozialismus. Anlass ist der Jahrestag der Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945.  (dpa/Michael Kappeler)
Der Bundestag bei der NS-Gedenkstunde, nach der Rede von Saul Friedländer (dpa/Michael Kappeler)
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Der Konsens des Gedenkens, der in diesen Tagen in Jerusalem, Auschwitz und schließlich in Berlin zelebriert wurde, ist brüchig. Mit all ihrer höchstpersönlich verbürgten Überzeugungskraft beschworen die höchsten Repräsentanten Deutschlands und Israels heute noch einmal das "Nie Wieder" als gemeinsame Lehre aus der Geschichte. Und dennoch bleibt die Sorge, die Frank Walter Steinmeier mit dem Satz ausdrückte, dass "wir die Vergangenheit inzwischen besser verstehen als die Gegenwart."

Antisemitismus nicht einfach durch Migration importiert

Zu dieser Gegenwart gehört der neue Antisemitismus, der beileibe nicht einfach durch Migration importiert ist. Unter dem Deckmantel vermeintlich staatstragender "Bürgerlichkeit" gärten die Ressentiments, die dieser Tage auch im schnellen und pauschalen Fingerzeig auf Muslime, Flüchtlinge und Migranten als Träger des antisemitischen Übels zum Ausdruck kommen.

Der Hinweis auf die neue Heterogenität der Gesellschaft markiert dabei zugleich jenen Raum der Kommunikation, in dem sich zeigen muss, wie der Holocaust auch in Zukunft ein gemeinsamer Bezugspunkt sein kann. Das wird nur dann möglich sein, wenn mehr als in der Vergangenheit Räume für ein Erinnern jenseits dogmatischer Lehrsätze und zivilreligiöser Rituale geschaffen werden. Dazu gehört die Erkenntnis, dass es kein unpolitisches Erinnern an den Holocaust geben kann.

Rivlin pries Trumps Nahost-Initiative

Unmittelbar nachdem der Bundespräsident davor gewarnt hatte, Erinnerung zu instrumentalisieren und als politische Waffe zu nutzen, pries Staatspräsident Rivlin heute die Nahost-Initiative des amerikanischen Präsidenten, die Donald Trump zielgerichtet in den Tagen des Holocaust-Gedenkens vorgestellt hatte. Man sollte das nicht voreilig als Sakrileg verdammen.

Auch in Deutschland schließlich war Erinnerung stets auch ein Instrument der Geschichtspolitik. Bewehrt mit strafrechtlichen Sanktionen und diskursiven Tabus stabilisierte das historische Gedenken den rechtsstaatlichen Grundkonsens der alten Bundesrepublik. Nicht zuletzt hat auch eine deutsche Bundesregierung Ende der neunziger Jahre den ersten Auslandseinsatz der Bundeswehr mit den Lehren aus dem Holocaust legitimiert.

Weniger Kanon, mehr Vielstimmigkeit

In der Zukunft wird es mehr denn je darum gehen, die Erinnerung an den Holocaust zu weiten und für neue, andere Perspektiven zu öffnen. Weniger Kanon, mehr Vielstimmigkeit. Weniger Dogma, mehr Aushandlung von Lehren, die aus der Geschichte gezogen werden können. Nicht allein dialogisches Erinnern, mehr Inklusion von globalen Geschichtserzählungen, selbst dann, wenn sie daran erinnern, dass der Holocaust nicht der einzige und nicht einmal der einzige von Deutschen begangene Völkermord war.

Ein solches Erinnern erfordert Offenheit, Toleranz und Vertrauen in die Möglichkeit, klüger aus der Geschichte zu werden, indem wir immer Neues aus ihr lernen wollen. Das gemeinsame aber nicht identische Erinnern von Deutschen und Israelis, das die Präsidenten beider Länder heute im Bundestag vorlebten, kann dazu nur ermutigen.

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

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