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StartseiteKommentare und Themen der WocheNicht im Sinne des Sports29.12.2020

Holpriger Start der VierschanzentourneeNicht im Sinne des Sports

Die Vierschanzentournee habe mit Coronafällen, einem Hin und Her um Starterlaubnisse und Einmischungen aus der Politik einen Fehlstart erlebt, kommentiert Matthias Friebe. Hier zeige sich gut, welche Probleme der Spitzensport in der Pandemie habe. Bis hin zur Sinnfrage: Muss das aktuell wirklich sein?

Ein Kommentar von Matthias Friebe

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Ski nordisch / Skispringen: Weltcup, Vierschanzentournee, Großschanze, Herren, 1. Durchgang. Markus Eisenbichler aus Deutschland springt über der leeren Tribüne. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)
Skispringen vor leerer Tribüne: der Beginn der Vierschanzentournee 2020 in Oberstdorf. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)
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Das wollten die Veranstalter der Vierschanzentournee sicher verhindern: eine Hängepartie unmittelbar vor dem Start des ersten Springens. Lange war die Frage ungeklärt, ob die polnischen Springer nach einem positiven Fall im Team starten dürfen oder in Quarantäne bleiben müssen. Ein beispielloses Hin und Her zwischen Mannschaft, Veranstalter und Behörden. Starterlaubnis ja, dann wieder nicht, schließlich wieder doch.

Erst heute, sechs Stunden vor dem Beginn des ersten Springens, war klar, die polnischen Springer um Titelverteidiger Dawid Kubacki dürfen wirklich antreten. Nachdem sie mehrere negative Tests vorgewiesen hatten, wurde die Qualifikation von gestern komplett annulliert. Alles wertlos, die sechs polnischen Springer durften starten und mit ihnen dann gleich alle anderen, auch die schon Ausgeschiedenen.

Warum diese Häufung beim Skispringen?

Für alle Beteiligten unschön und ärgerlich. Mehr als nur eine Randnotiz ist die Einmischung der Politik, das Konsulat fragte beim Veranstalter nach. Ministerpräsident Mateusz Morawiecki twitterte, man dürfe diese schreiende Ungerechtigkeit nicht zulassen. Man stelle sich für einen Moment vor, Bundeskanzlerin Angela Merkel hätte sich öffentlich eingemischt in die Frage, ob Deutschlands beste Skispringer an den Start gehen dürfen oder nicht.

Eine Frage bleibt aber in jedem Fall: Warum hat das Skispringen so ein Problem mit Corona-Fällen? Warum ausgerechnet in dieser Individualsportart, die draußen an der frischen Luft betrieben wird? Eigentlich hat Skispringen doch gemessen an Pandemie-Maßstäben viel bessere Rahmenbedingungen als andere Sportarten. Und doch diese Häufung der Fälle: alleine acht aus dem österreichischen Team, darunter der Trainer und eigentlich alle Topspringer um Stefan Kraft, Karl Geiger, frisch gebackener Skiflug-Weltmeister aus Deutschland, oder auch der Renndirektor des Weltverbands, Sandro Pertile, um nur die prominentesten Fälle zu nennen.

04.01.2020, Bergiselschanze, Innsbruck, AUT, FIS Weltcup Skisprung, Vierschanzentournee, Innsbruck, im Bild FIS Technischer Delegierter Sandro Pertile // FIS Technical Delegate Sandro Pertile during the Four Hills Tournament of FIS Ski jumping, Skispringen, Ski, nordisch World Cup at Bergiselschanze in Innsbruck, Austria on 2020/01/04. Innsbruck *** 04 01 2020, Bergisel Jump, Innsbruck, AUT, FIS World Cup Ski Jumping, Four Hills Tournament, Innsbruck, in the picture FIS Technical Delegate Sandro Pertile FIS Technical Delegate Sandro Pertile during the Four Hills Tournament of FIS Ski Jumping World Cup at Bergisel Jump in Innsbruck, Austria on 2020 01 04 Innsbruck PUBLICATIONxNOTxINxAUT EPfei (imago images / Eibner Europa) (imago images / Eibner Europa)"Wir werden eine komplett andere Vierschanzentournee erleben"
Seit dieser Saison ist Sandro Pertile neuer Renndirektor für das Skispringen im Ski-Weltverband FIS. Im Dlf-Sportgespräch spricht er über die Vierschanzentournee in der Corona-Pandemie, die Ursache der vielen Knieverletzungen und über die Zukunft der Sportart – auch für Frauen.

Die undichte Blase

Eine Erklärung haben die Verantwortlichen nicht, die Vermutung liegt aber nahe, dass die so oft in diesem Jahr bemühte Blase um die Sportler und das Team drumherum längst nicht so dicht ist wie erhofft. Vorbild für alle Sportarten auf der Welt ist wohl die Bubble, wie sie die nordamerikanische Profi-Basketball-Liga NBA im Herbst praktiziert hat. Drei Monate strikt abgeriegelter Campus in Florida, niemand durfte rein, niemand raus, keine Familienbesuche, nichts. Ergebnis: kein einziger Corona-Fall.

Das ist im Wintersport-Zirkus, gerade im Skispringen, unmöglich umzusetzen. Jede Woche eine andere Schanze, meist ein anderes Land, jetzt kulminiert in der Tournee. Vier Springen an vier Orten in zwei Ländern in zehn Tagen, dazu Training und Qualifikationen, Springer, Trainer und Betreuer aus 16 Nationen. Diese Bubble kann gar nicht so abgeschlossen sein wie im Basketball.

Am Beispiel der Vierschanzentournee zeigt sich gut, welche Probleme der Spitzensport in der Pandemie hat bis hin zur Sinnfrage: Muss das wirklich sein aktuell?

Wettkämpfe am seidenen Faden

In den anderen Tourneeorten Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen hat man sicher mit bangem Blick das Chaos von Oberstdorf verfolgt. Im Sinne des Sports ist es auf jeden Fall nicht, wenn Wettkämpfe und die Ergebnisse am seidenen Faden positiver oder negativer PCR-Tests hängen und Starterlaubnisse von behördlichen Genehmigungen oder Verboten abhängen.

Matthias Friebe (Deutschlandfunk – Aktuelles, freier Mitarbeiter)  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Matthias Friebe (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Matthias Friebe, Jahrgang 1987, Journalist, studierte Neuere und Neueste Geschichte, Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Münster und Duisburg-Essen. Volontariat bei domradio.de und Ausbildung an der Journalistenschule ifp in München. Danach arbeitete er als Moderator und Redakteur für WDR, Deutschlandfunk und domradio.de. Heute ist er Redakteur in der Sportredaktion des Deutschlandfunks.

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