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StartseiteBüchermarktVerheißungsvoll schimmernde Prosa04.06.2020

Hommage an die Surrealistin Unica ZürnVerheißungsvoll schimmernde Prosa

Sie war eine Ikone des Surrealismus und führte ein turbulentes Leben - die deutsche Schriftstellerin und Zeichnerin Unica Zürn. 50 Jahre nach ihrem Tod in Paris begibt sich Natascha Gangl auf Spurensuche quer durch Europa. Ihr "Spiel von der Einverleibung" ist eine Art literarisches Impressionsgewitter.

Von Christian Metz

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Das Buchcover Natascha Gangl: „Das Spiel von der Einverleibung - Frei nach Unica Zürn“ (Buchcover starfruit publications)
Sobald die Spurensuche von Paris bis zur Île de Ré zu insgesamt 17 Lebensorten von Unica Zürn beginnt, entfaltet Natascha Gangls literarische Einverleibung eine faszinierende Dynamik, urteilt unser Rezensent Christian Metz (Buchcover starfruit publications)
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Ständig macht sich irgendein Journalist, Kritiker, Literat oder Wissenschaftler auf den Weg, um die Lebensorte eines jubiläumswürdigen Dichters zu besuchen. Auf Spurensuche gehen, heißt das dann. Wozu diese Originalatmosphären-Beschnupperung gut sein soll, bleibt allerdings meist offen: zur Intensitätssteigerung? Zur Authentizitätsbeschwörung?

Die Spurensuche treibt ihr Unwesen in der literarischen Öffentlichkeit und jetzt hat sie auch die österreichische Autorin Natascha Gangl erfasst, die sich prompt lesend und schreibend auf eine "Spurensuche nach Unica Zürn" macht. Wie Gangl diesem ausgelutschten Konzept dennoch etwas Neues abgewinnen will, sieht man pointiert am Titel ihres Buches  "Das Spiel von der Einverleibung" ruft zum einen auf, dass Literatur aus der Lektüre entsteht, aus der Einverleibung anderer Arbeiten in das eigene Schreiben.

Und tatsächlich verleibt sich Gangl so viel von Zürns literarischen Texten ein, dass man sagen kann, in ihren Zeilen pulsieren Zürns Worte. Sie haben Zürn im Blut. So ist zugleich und zum anderen schon der Titel selbst Zitat aus Zürns "Les Yeux à deux": Einverleibung ist für Zürn ein wichtiges Konzept, das eine phantastische Form der Vereinigung in Aussicht stellt. Anhand ihrer Figur "Norma" beschreibt Zürn das einmal so:

"Norma empfindet ihre Einverleibung durch Flavius wie ein Entweichen ihres Knochenmarks, wie das Verströmen ihrer Adern und das Schwinden ihrer Sinne."

Sexualistisch plump

Mit ihren mystisch anmutenden Auflösungs-, Strömungsphantasien erlaubt eine Einverleibung nach Zürn eine Begegnung jenseits von Geschlechterstereotypen, Beziehungsmustern und Machtverteilungen; die Körpergrenzen lösen sich auf, Bewusstseine verschränken sich am Übergang von der Phantasie zur Wahnvorstellung, zur Halluzination. Natascha Gangl kennt und zitiert diese Passage. Ihre Begegnungen mit Zürn finden im Sinne dieser Einverleibung statt. Gangl weiß, dass "das Spiel von der Einverleibung" nichts mit einem Gesellschaftsspiel zu tun hat. Umso erstaunlicher wirkt, dass sie dennoch zu Beginn ihres Buches glaubt, Spielregeln erläutern zu müssen.

Kaum nachvollziehbar ist, warum sie ihren Band sexualistisch plump in ein "Vorspiel" und ein "Nachspiel" einteilt. Damit scheint eigentlich auch schon das spurensuchende, von ihr so genannte "Hauptspiel" von vornherein verloren. Aber mit diesem Urteil würde man dem Buch Unrecht tun.

Reiseglück und Impressionsgewitter

Rahmung und Beginn sind missglückt. Doch sobald Natascha Gangl  von Berlin, über Paris bis zur Île de Ré ihre Reise zu insgesamt 17 Lebensorten von Unica Zürn beginnt, entfaltet ihre literarische Einverleibung eine faszinierende Dynamik. Gangl erzählt im epischen Präsens, um den Eindruck von Unmittelbarkeit, Rasanz, höchster Beweglichkeit zu erzeugen. Ihr Schreiben gleicht in einzelnen Passagen einem Impressionsgewitter, das zugleich verarbeitet werden will:  

"Auto, OK, Bus, OK, Auslage, OK, Angebot, OK, nicht schlecht, OK, verhandle mit dir, du kommst später wieder, mit der Kreditkarte kommst du wieder. Stopp. DU BRAUCHST NICHTS, Brauch, Schnitt, du, brauch, tuscht, din, brauch, Schutt, Bauchschutt, Staubtuch, CD, Hirn – was soll das für ein Text werden, denkst du dir, der kommt doch nirgendwohin, da flirrt nichts, regt sich nichts, wackelt nichts, brennt nichts, da musst du abwehren, was zu den Augen will –"

"Oh, doch. Diese Prosa beginnt sehr wohl zu flirren. Wobei sie – im Wechsel von Hinsehen, Wegsehen, Augen auf und Augen zu (und durch) – bei Unica Zürn in eine Sehschule geht. Mit Zürns Augen – und das ist exakt in dieser surrealistischen Wendung gemeint – mit Zürns Augen geht Gangl durch Zürns ehemalige Welt."

Ästhetik der Überlagerung und Verschränkung

Und dennoch bleibt Gangl immer auch sie selbst, verliert sich nicht in totaler Mimikry. Seine besten Momente erreicht dieses Widerspiel, wenn Zürns und Gangls verschiedene Sicht-, Erlebnis-, Lektüre- und Schreibweisen ineinanderfließen, ohne ihre Differenz aufzugeben. Besonders eindringlich gelingt dies, als Gangl in Wittenau jene Klinik besucht, in der Zürn Patientin war. Vor Ort gerät Gangl zufällig in eine Ausstellung über die Gräueltaten, die in dieser Psychiatrie während der Nazizeit begangen wurden. Lakonisch berichtet der Ausstellungstext:

"Die Tötung von behinderten Kindern erfolgte außerhalb Aktion T4. Ein Reichsausschuss entschied über das Schicksal der Kinder."

Das Schicksal der Kinder wiederum ruft bei Gangls Erzählerin die Assoziation zu Unica Zürns Kindern auf. Zürn musste diese nach ihrer Scheidung von ihrem ersten Ehemann verlassen. Sofort kommt der Spurensucherin eines von Zürns Anagrammen in den Sinn, das diese ihrem Sohn Christian knapp acht Jahre nach ihrer Scheidung gewidmet hatte. Es lautet:

"Ihr hattet Eure Augen ausgerissen...
Euer Tag heisst: HART. Eure Augen: SEIN
Eure Haut ist GESANG. Euer Rat: SEH EIN.
Euer Haus ist GETARNT. Eure Siege NAH.
Eure Tat: ein Sarg-geeignet Ruhehaus."

Versuch zu atmen

"Eure Haut", der sich Zürn hier widmet, ist eine Haut, die sie seit Jahren nicht berührt hat, und die dennoch ihren Gesang ertönen lässt. "Euer Rat" jedoch ist nicht "Sieh hin", sondern "Sieh ein". Sei einsichtig, dass die Kinder für dich verloren. Gangls Erzählerin haut diese Konstellation vor Ort sprichwörtlich um:

"Versuch zu atmen. Versuch zu gehen. Versuch auf einer – einer Rolltreppe zu stehen."

In akuter Versgefahr besinnt sich die Erzählerin auf basale Fähigkeiten: atmen, gehen, stehen – Imaginationsflucht zu einer Rolltreppe, die für einen die Bewegung übernimmt. Gangls Prosa schimmert verheißungsvoll, wann sie ihr Schreiben für das von Zürn öffnet und zulässt, dass deren Verswellen in das eigene Sprechen überlaufen, um zu interferieren. 

Anagrammatik des Lebens

Unica Zürn hat erst relativ spät in ihrem Leben mit dem Zeichnen und literarischen Schreiben begonnen. Berühmt ist sie heute zu Recht zum einen wegen ihrer eindringlichen, autobiographischen Prosa, zum anderen aufgrund ihrer insgesamt 123 Anagramme, denen Sie enorme künstlerische Aufmerksamkeit gewidmet hat. Anagramme setzen mit einem einzelnen Satz ein. Das kann ein Fundstück, ein Ohrwurm oder auch eine eigene Erfindung sein. Aus dem Buchstabenmaterial dieses einen Satzes kombiniert Zürn dann fortlaufend neue Verse: 

"Ihr hattet Eure Augen ausgerissen...
Euer Tag heisst: HART. Eure Augen: SEIN
Eure Haut ist GESANG. Euer Rat: SEH EIN."

Die Verse sind aus dem jeweils gleichen Buchstabenmaterial gearbeitet. Mit dieser atemberaubenden Kunstfertigkeit schließt Zürn an die Avantgarde der Moderne an. Außer ihr kann da nach 1945 im deutschsprachigen Raum wohl nur Oskar Pastior mithalten, der einst für "Unica Zuern" das schöne Anagramm "Azur in nuce" erfand. Die Anagrammatik nimmt ernst, so hat es einmal Jean Starobinski gesagt, dass:

"die Sprache jene unendliche Quelle ist und daß sich hinter jedem Satz das vielfache Gemurmel verbirgt, wovon sie sich gelöst hat, um sich vor uns in ihrer Individualität zu vereinzeln."

Das Einschlagen von Umwegen

Unica Zürn hatte die Gabe, das Murmeln hinter dem singulären Ausdruck zu hören. Sie sieht das Unsichtbare, das im Sichtbaren verborgen lieg. Aus diesem Sensorium lässt nun auch Gangl ihr eigenes Schreiben entwachsen. Ihre Begegnung mit Zürn besteht aus der Schulung dieser besonderen Wahrnehmungssensibilität. Zur Metaphorik des Einverleibens gehört, dass sich das, was man zu sich nimmt, manchmal auch sperrt.

Solche Sperrigkeit verspürt man auch bei einzelnen Passagen von Gangls Erzählung. Nicht durchgehend kann sie dasselbe hohe erzählerische Niveau halten. Wer direkte Wege schätzt, sollte unbedingt Unica Zürns Arbeiten selbst zur Hand nehmen. Wer eine Vorliebe für Umwege pflegt – und der große Philosoph Hans Blumenberg hat behauptet, dass jede Kultur überhaupt erst mit dem Einschlagen von Umwegen beginne – dem sei Gangls Freispiel nach Unica Zürn ans Herz gelegt. Ihre Einverleibung verströmt ihren eigenen poetischen Reiz.

Natascha Gangl: "Das Spiel von der Einverleibung.
Frei nach Unica Zürn".
Mit Bilden von Toño Camuñas
starfruit publications, Fürth. 232 Seiten, 25 Euro

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