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StartseiteWissenschaft im BrennpunktNeues zur gleichgeschlechtlichen Liebe16.05.2016

Homo, Sex und DNANeues zur gleichgeschlechtlichen Liebe

Frau liebt Mann und Mann liebt Frau. So einfach ist es nicht mit der sexuellen Orientierung. Jeder kann jeden lieben, doch die Biologen haben die Realitäten lange ignoriert. Dann sorgte Dean Hamer für Schlagzeilen. 1993 identifizierte er die Wurzel der Homosexualität auf dem X-Chromosom.

Von Volkart Wildermuth

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Ein Demonstrant hält in Rom ein Gleichheitszeichen als Symbol für die Gleichberechtigung homosexueller Partnerschaften hoch. (imago stock / Pacific Press Agency)
Ein Demonstrant hält in Rom ein Gleichheitszeichen als Symbol für die Gleichberechtigung homosexueller Partnerschaften hoch. (imago stock / Pacific Press Agency)

Die Bedeutung der Region Xq28 wurde kürzlich bestätigt, doch nur als ein Faktor in einem weitaus vielschichtigeren Geschehen. Inzwischen gibt es einen bunten Strauß neuer Theorien. Danach entscheidet sich der Fokus des Begehrens wahrscheinlich noch im Mutterleib. Die Gene spielen eine Rolle, vor allem aber Ihre Steuerung, die Epigenetik. Eine biologische Erkenntnis, die zumindest in den USA Beachtung in der Politik findet. Wissenschaft im Brennpunkt fragt, wie das Begehren seine Richtung findet.


Wenn das Blut so in mir rinnt,
fühl ich, dass in meinen Gliedern
Lüste sind, die toll und blind
Tanzen möchte ich mit den Brüdern.

Friberg: "Nach der Evolutionstheorie sollten Eigenschaften sehr selten sein, die die Zahl der Kinder verringern. Homosexualität gehört ganz sicher in diese Kategorie. Trotzdem ist Homosexualität bei Menschen verblüffend häufig. Das ist ein evolutionäres Rätsel."

Dass im Schlaf der Tod doch käme
Und mich in das Dunkel nähme,
dass ich nie den Tag mehr sehe,
denn in meiner Seele sind
Dinge, die ich nicht verstehe.
(Armin T. Wegner)

Ulrich: "Die Ursachen haben in der Geschichte der Lesben und Schwulen immer eine große Rolle gespielt, weil Homophobie und Transphobie legitimiert wurde mit dem Vorwurf, unnatürlich zu sein und deswegen grundsätzlich abzulehnen sei. Interessanterweise wurde halt nie nach den Ursachen von Heterosexualität gefragt."

Männer und Frauen haben Sex. In jeder Konstellation. Überall auf der Welt und zu jeder Zeit. Aber nicht jede Liebe ist vor dem Gesetz und der Gesellschaft gleich.

"Ich bin selbst schwul. Ich wollte schon immer wissen, warum bin ich so, wie ich bin? Warum mag ich, was ich mag? Was unterscheidet mich von anderen Menschen?"

Tuck Ngun stammt aus Malaysia. Toleranz wird dort nicht unbedingt großgeschrieben. Als er als Kind einen Film über das Schwulenviertel von San Franzisco sah, weiß er: da will ich hin. Heute, mit 31 Jahren, lebt er in Los Angeles. Er forscht an einem Eiweiß der Hefe: solide Wissenschaft. Als er aber das Thema seiner Doktorarbeit festlegen muss, entscheidet er sich, diesen einen Aspekt seines Privatlebens mit den Augen des Wissenschaftlers zu betrachten: seine sexuelle Orientierung.

"Zum Teil lag das an dieser Vorstellung, die besonders in den USA verbreitet ist: wenn es eine biologische Basis gibt, dann ist dieses Verhalten akzeptabler. Denn dann ist es nicht deine Schuld."

Tuck Ngun, Karohemd, Seitenscheitel, wirkt eher bodenständig. Wissenschaftlich geht er ein Risiko ein: Er wählt nicht nur ein heikles Forschungsfeld, er verwendet auch einen aufregend neuen Ansatz: Die Epigenetik.

"Ok, wir glauben, die Biologie spielt eine Rolle in der sexuellen Orientierung, aber in den Genen findet sich nichts Konkretes. Deshalb war unsere Idee, vielleicht geht es um die Kontrolle der Gene und der DNA."

Knackige Frankfurter &
Saftige Hamburger
Süße Berliner &
Knusprige Schusterjungen
Haut rein, Freunde!
Die Fleischer sind auf unserer Seite
Und die Bäcker
(Detlev Meyer)

Zwei bis drei Prozent der Frauen und drei bis vier Prozent der Männer lieben ausschließlich Vertreter des eigenen Geschlechts. Eine Minderheit gewiss, aber eine Minderheit, die überall auf der Welt auftritt, und damit eben auch normal ist. Psychologische Theorien haben im 20. Jahrhundert abwesende Väter oder dominante Mütter verantwortlich gemacht. Es gibt hunderte von Studien, die diese Thesen zu belegen versuchten.  

"Alle Untersuchungen haben kein klassisches Sozialisationsmuster gefunden und schon gar kein Muster, was gezeigt hat, dass durch Erziehung jemand homosexuell würde oder heterosexuell würde. Das spricht eher für biologische Annahmen."

Eltern, Erzieher spielen offensichtlich keine große Rolle, so Hartmut Bosinski, Sexualmediziner aus Kiel. Er hat sich in seiner Zeit als Professor an der Universität intensiv mit Homosexualität beschäftigt und kennt die Studien.

"Entgegen weit verbreiteter Annahmen ist ja eine homosexuelle Orientierung nicht auf den Menschen beschränkt. Sondern es gibt durchaus Tierarten. Das schönste Beispiel sind die Schafe, wo sieben Prozent der Schafböcke stockschwul sind, und zwar präferentiell, wenn sie Zugang zu Weibchen hätten, bevorzugen sie das Männchen."

Nur was genau heißt hier Biologie? Beim Thema Sexualität denken die Forscher schnell an die Hormone. Die schwulen Schafböcke zum Beispiel haben wahrscheinlich im Mutterleib zu wenig männliches Testosteron abbekommen und zeigen deshalb ein eher weibliches Verhalten. Es gibt auch einige Hinweise auf hormonelle Veränderungen bei schwulen Männern und deutlicher noch bei lesbischen Frauen. Aber klar ist auch: die Hormone erklären längst nicht alles. Verblüffend auch ein anderer Befund: Homosexuelle Männer haben besonders viele ältere Brüder. Auch das ein Hinweis auf die Biologie, denn Stief- oder Adoptivbrüder haben ebenso wenig Einfluss auf die sexuelle Orientierung wie ältere Schwestern.

"Das geht so weit, dass man sagte: Jeder ältere Bruder erhöht  - statistisch wohlgemerkt! -  die Wahrscheinlichkeit, dass der Jüngere homosexuell wird, um 33 Prozent. Oder anders gesprochen, rein statistisch würden 13 Prozent aller homosexuellen Männer ihre Homosexualität auf die Tatsache zurückführen können, statistisch, dass sie mehr ältere Brüder haben."

Dieser gut belegte Befund zeigt: entscheidende Weichen werden schon vor der Geburt gestellt. Vielleicht sogar bereits bei der Zeugung. Die Neunziger sind die Jahre des Humangenomprojektes. Kein Wunder, dass das Augenmerk der Forscher jetzt von den Hormonen zu den Genen wandert. 

"Ich würde sagen, der größte Durchbruch in diesem Feld ist damals Dean Hamer gelungen."

Tuck Ngun sitzt in seinem Büro und blickt in die Kamera (Allen Lipson)Tuck Ngun (31) hat sich im Rahmen seiner Doktorarbeit mit sexueller Orientierung beschäftigt (Allen Lipson)

Für Tuck Ngun ist Dean Hamer ein Held. Hamer war aufgefallen, dass homosexuelle Männer oft schwule Onkel auf der mütterlichen Seite der Familie hatten. Wenn es Gene für Homosexualität gab, dann sollten sie über das mütterliche X-Chromosom vererbt werden. Am Nationalen Krebsforschungsinstitut der USA in Bethesda verglich Dean Hamer 1993 die X-Chromosomen von schwulen Brüderpaaren.

"Wir haben entdeckt, dass es eine Verbindung zwischen der Homosexualität und einer Region namens Xq28 gab. Schwule Brüderpaare hatten meistens dieselbe Version dieser Region, während ihre heterosexuellen Brüder eine andere Version hatten."

Xq28 ist ein langer Abschnitt auf dem X-Chromsom, dicht bepackt mit vielen Genen. Welches davon was in Sachen Homosexualität bewirkt, weiß bis heute niemand so genau.

"Vielleicht hat es einfach etwas mit dem Stoffwechsel zu tun. Oder das Gen beeinflusst ein Sexualzentrum im Gehirn. Oder es wirkt noch indirekter. Es könnte dafür sorgen, dass sich die Leute weniger um die Meinung der anderen scheren. Das werden wir erst erfahren, wenn wir das Gen haben." 

Dean Hamer hat nie behauptet "das Homogen" gefunden zu haben. Trotzdem, besonders die amerikanische Schwulenbewegung war begeistert. "Xq28 - Thanks Mom", "Xq28 - Danke, Mama", war auf vielen T-Shirts zu lesen.

Hamer: "Ich glaube nicht, dass unser Ergebnis beeinflusst, wie sich schwule Männer selbst sehen. Die wissen, es gibt hier keine Wahl, das entsteht ganz natürlich früh im Leben. Aber gerade in den USA gibt es viele Menschen mit Vorurteilen über Homosexuelle, die halten das für eine bewusste Entscheidung, eine Sünde, schlecht, gegen die Gesellschaft gerichtet. Wenn die verstehen, dass das nicht stimmt, dass Homosexualität viel tiefere Wurzeln hat, angeboren ist, dann verändert das hoffentlich ihre Einstellung in eine gute Richtung."

Die Befunde von Dean Hamer sind mehr als 20 Jahre alt. Die Genetiker waren sehr fleißig, die Studien wurden immer größer. Neben Xq28 werden inzwischen auch Regionen auf den Chromosomen sieben, acht und zehn mit der Homosexualität in Verbindung gebracht.

Ngun: "Es gab einige interessante Befunde, aber die direkte Verbindung: diese Mutation führt zu jenem Ergebnis, die fehlt immer noch für die sexuelle Orientierung."

Wahrscheinlich, weil es "das Homogen" so gar nicht gibt.

Mathematik-Lehrer ziehen  
Um türkische Stricher  
Konzentrische Kreise und  
Rechnen mit dem Schlimmsten  
Philosophie-Professoren  
Verlassen den Überbau und  
Werfen sich bäuchlings  
Auf den goldenen Boden  
Des Handwerks  
Nur die Tankwarte sind  
Zufrieden mit ihresgleichen  
Und fahren ab auf ihre Kollegen  
(Detlev Meyer)

Hormone und Gene entscheiden nicht alles

Gene sind nicht alles, Hormone ein Teil der Geschichte, die Brüderzahl nur ein weiterer Befund. Tuck Ngun sucht nach einer Schnittstelle, an der die verschiedenen Puzzlesteine zusammenpassen:

"Eineiige Zwillinge haben dieselbe DNA, aber ihre sexuelle Orientierung ist nicht immer gleich."

In jüngster Zeit ist klar geworden, dass sich auf ein und derselben genetischen Klaviatur ganz unterschiedliche Melodien spielen lassen. Jede Zelle eines Menschen besitzt die gleichen Gene. Aber in jeder Zelle ist eine andere Untergruppe dieser Gene aktiv. Markierungen auf der DNA bestimmen, welche dauerhaft abgeschaltet oder dauerhaft aktiv sind. So legen sie die Identität der Zellen fest, verpassen ihnen eine Art Kostüm für die Rolle ihres Lebens. Epigentik heißt das Stichwort.

Ngun: "Ich stelle mir vor, die Epigenetik ist eine Art Dimmer: sie kann die Aktivität von Genen verstärken oder abschwächen."

Liegt hier vielleicht auch die Wurzel der sexuellen Orientierung?

Tuck Ngun wechselt ans Zentrum für Geschlechtsbasierte Biologie in Los Angeles. Dort studiert er, wie sich Hormonspiegel im Mutterleib auf die Kontrolle des Genoms von ungeborenen Mäusen auswirken. Etwa zur gleichen Zeit veröffentlicht ein Trio von Forschern aus den USA und Schweden ein theoretisches Modell zum Zusammenhang von Epigenetik und Homosexualität. Sie setzen dort an, wo ein Fötus die Weichen stellt in Richtung weiblich oder männlich.

Bei männlichen Feten sorgt ganz früh in der Entwicklung ein Gen auf dem Y-Chromosom für die Bildung der Hoden und damit für die Produktion von viel Testosteron. Dieses männliche Hormon organsiert dann die Ausbildung eines männlichen Körpers und Gehirns. Gibt es dieses Gen nicht, entsteht nur wenig Testosteron und es entwickeln sich ein weiblicher Körper und ein weibliches Gehirn. 

"Unser Modell geht auf die Beobachtung zurück, dass Testosteron allein die Geschlechtsentwicklung nicht erklären kann, weil sich die Hormonwerte von  männlichen und weiblichen Feten zu überlappen scheinen."

Urban Friberg, Mitentwickler des neuen Modells  von der Universität im schwedischen Linköping. Der Testosteronspiegel, folgert er, ist selbst kein eindeutiges Signal. Es gibt weibliche Feten mit ziemlich hohen Testosteronwerten und männliche Feten mit vergleichsweise niedrigen Werten. Woher wissen dann aber die Zellen, ob sie das weibliche oder männliche Entwicklungsprogramm anwerfen müssen? Friberg:

"Deshalb schlugen wir vor, dass die sexuelle Entwicklung durch epigenetische Effekte stabilisiert wird."

Die Epigenetik, so die Idee, sollte in einer Art Rückkopplungsschleife wirken: ein erster Testosteronschub setzt Markierungen, sorgt also über die Epigenetik dafür, dass die Zellen sensibler auf das Hormon reagieren. Spätere Schwankungen in den Testosteronspiegeln können die Entwicklung dann gar nicht mehr stören. Was auch passiert, ein Mann entsteht. Bei weiblichen Feten ist es umgekehrt, ihre Zellen werden immer unempfindlicher für Testosteron, so dass sie klar Kurs Richtung Frau nehmen.

Friberg: "Normalerweise werden diese Epimarkierungen zwischen den Generationen gelöscht. Aber manchmal ist diese Löschung nicht vollständig. Kein Problem, wenn die Epimarks zum Geschlecht des Kindes passen. Aber wenn beispielsweise eine Mutter ihre weiblichen Epimarkierungen an einen Sohn weitergibt, dann kann das seine Entwicklung Richtung Homosexualität steuern."

Das Hormonsignal ist das Gleiche, wie bei anderen männlichen Feten. Aber es wird von einigen Zellen unterschiedlich interpretiert. Ein Teil des Gehirns entwickelt sich nach dem weiblichen Muster und so richtet sich das Begehren viele Jahre später auf Männer. Umgekehrt wenn die männlichen Epimarkierungen des Vaters versehentlich die Tochter erreichen. Dann werden ihre Zellen überempfindlich für das wenige Testosteron und das lenkt einen Teil der Entwicklung in eher männliche Bahnen. Und vielleicht liebt diese Frau dann später andere Frauen. Den Ansatz findet Tuck Ngun sehr plausibel.

"Bei der Epigenetik ist es so, dass kleine Unterschiede der Umwelt im Mutterleib zu Unterschieden in der Steuerung der Gene führen können und später im Leben zu Unterschieden im Verhalten. Egal, ob es sich dabei um Homosexualität oder etwas anderes handelt."

Zwei weibliche Ampelmännchen leuchteten zum CSD 2015 in München. (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)Zwei weibliche Ampelmännchen leuchteten zum CSD 2015 in München. (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)

Das Modell von Urban Friberg und seinen beiden Kollegen kann eine Vielzahl von Varianten der geschlechtlichen Identität und des Begehrens erklären. Aber letztlich ist es eben nur das: ein theoretisches Modell. Es hängt sozusagen in der Luft.

Bei seinen Mäuseexperimenten hat Tuck Nugn erste Hinweise auf epigenetische Markierungen gefunden. Aber Mäuse sind keine Menschen. Und so suchen er und seine Kollegen nach einem direkteren Weg zur Epigenetik der menschlichen Homosexualität. 2013 starteten sie eine Zwillings-Studie

"Wir studierten 40 Paare von eineiigen Zwillingen. Einer der Brüder war jeweils schwul, der andere hetero. Als erstes haben wir das Muster einer bestimmten epigenetischen Markierung bestimmt, nämlich die DNA-Methylierung. Und dann haben wir einem Computerprogramm gesagt, ok, das sind zwei Gruppen von Leuten, kannst Du sie anhand der DNA-Methylierung auseinander halten?"

Niemand weiß, ob so etwas überhaupt möglich ist. Es gibt Millionen Methylierungsstellen im Genom, das Team konzentriert sich auf 140.000 davon. Ein von Tuck Ngun entwickeltes Computerprogramm namens "Fuzzy Forrest" -  "Wuscheliger Wald" - arbeitet zunächst mit den Daten von 20 Brüderpaaren und identifiziert am Ende fünf epigenetische Markierungen, die etwas mit der sexuellen Orientierung zu tun haben könnten. Zwei von ihnen liegen tatsächlich in Genen, die das Gehirn beeinflussen. Klingt plausibel. Aber wenn so viele Stellen im Erbgut untersucht werden, findet man schnell etwas Plausibles. Deshalb fordert Tuck Ngun sein Programm auf, bei den übrigen Paaren vorherzusagen, welcher der Brüder Männer liebt. 

"Unser Algorithmus konnte die sexuelle Orientierung in 67 Prozent der Fälle vorhersagen. Das ist deutlich besser, als wenn er geraten hätte. Aber natürlich ist es nicht perfekt, OK?"

Es ging um Brüderpaare, bei denen klar war, einer von beiden ist schwul. Bei einem beliebigen Mann vorherzusagen, ob er homosexuell ist oder nicht, ist eine ganz andre Herausforderung. Trotzdem gibt es  wieder Schlagzeilen über einen angeblichen Homo-Gentest. Die Kritik nach der Veröffentlichung 2015 fällt heftig aus, allerdings weniger in offiziellen wissenschaftlichen Kanälen, sondern auf Twitter. Tuck Ngun ist der erste, der zugesteht, dass es sich hier eher um eine Pilotstudie handelt als um einen handfesten Beweis.

"Ganz klar, wir haben viel zu wenige Leute untersucht. Aber das liegt an der Finanzierung. Gerade in den USA ist es praktisch unmöglich, Geld für Studien zur Sexualität zu bekommen, es sei denn, es geht um Krankheiten. Also wir haben wirklich das Beste gemacht, was unter diesen Umständen möglich war."

Viele Fragezeichen, vor allem auch was Ursache und Wirkung betrifft. Spielen diese fünf epigenetischen Markierungen eine Rolle bei der Entstehung der Homosexualität? Oder ist es umgekehrt, und bestimmte Lebensumstände von schwulen Männern führen zu den Veränderungen? Wie auch immer die Antwort lautet, Theoretiker Urban Friberg kann jetzt jedenfalls erstmals auf konkrete Daten zurückgreifen. 

"Diese Studie belegt, dass die Epigenetik an der Homosexualität beteiligt ist. Aber es ist noch zu früh zu sagen, ob Nguns  Befunde wirklich zu unserem Modell passen, oder ob es noch andere epigenetische Mechanismen gibt."

Eine Frage könnte ein epigenetisches Modell in jedem Fall beantworten: Warum sich Homosexualität in der Evolution hartnäckig hält, obwohl schwule Männer nur selten Kinder zeugen. Friberg:

"Es gibt Kosten der Homosexualität und die Evolution registriert das durchaus. Aber die sind verschwindend gering im Vergleich zu den Vorteilen. Die gleichen epigenetischen Mechanismen stabilisieren ja die sexuelle Entwicklung von Mann und Frau."

Eine Studie aus Italien belegt sogar: In den Familien schwuler Männer gibt es auf der mütterlichen Seite mehr Kinder – ein evolutionärer Vorteil, meint auch Hartmut Bosinski:

"Also diese epigenetischen Forschungsansätze sind hochspannend. Sie erklären die Interaktion von Umwelt und Anlage."

Alles aus Leder
Doch nebenbei
Bist du wie jeder
Im einerlei
Das Haar auf der Brust ist doch nur Schein.
Und schreist du vor Lust
Ja dann schlafe ich ein.
Trink deine Milch, Freund,
heul dich mal aus
Und hast du geweint,
dann komm nach Haus!
(Rainer Werner Fassbinder)

Die Rolle der Geschlechter

"Also bis vor Kurzem war immer die Annahme gewesen, dass schwule Männer besonders viele weibliche Hormone haben müssten, dass die Gehirne schwuler Männer mehr aussehen, wie die von Frauen als die von Männern, und umgekehrt bei Frauen natürlich genauso. Und da wurden schon mal auf sehr unwissenschaftliche Art und Weise zwei Sachen miteinander vermischt, die erst einmal nichts miteinander zu tun haben. Die Geschlechtsidentität wie gesagt - fühle ich mich als Frau oder als Mann - hat erstmal nichts damit zu tun, welches Gegenüber liebe ich."

Lieselotte Mahler von der Berliner Charité leitet das Referat "Sexuelle Orientierungen und Identitäten in Psychiatrie und Psychotherapie" der medizinischen Fachgesellschaft DGPPN. Die Vielfalt der sexuellen Wünsche und Vorstellungen ist groß.  Unter den schwulen Männern gibt es die harten Lederkerle, die eher ein Übermaß an Männlichkeit ausstrahlen, genauso wie die femininen Tunten. Eine ebenso breite Auffächerung zeigen Lesben und nebenbei bemerkt auch Heterosexuelle.

"Frauen sind im Vergleich zu Männern flexibler. Lesbische wie heterosexuelle Frauen haben eine größere Variation in dem, was sie begehren oder sich vorstellen können. Während bei Männern viel mehr so eine Ausschließlichkeit ist, also ausschließlich heterosexuell oder ausschließlich homosexuell."

Egal welche Rolle nun die Gene, ihre epigenetische Steuerung oder die Hormone spielen, die Biologie scheint die männliche Sexualität in engeren Bahnen zu halten. Frauen dagegen scheinen einen breiteren Spielraum zu haben. Die amerikanische Entwicklungspsychologin Lisa Diamond von der Universität von Utha nennt ihre Sexualität flüssig, bereit sich zu wandeln, wenn denn ein passendes Gegenüber erscheint. Dass hier für die Geschlechter vielleicht unterschiedliche Spielregeln gelten, will auch Sexualmediziner Hartmut Bosinski nicht ausschließen.

"In Anbetracht der Tatsache, dass die sexuelle Entwicklung von heterosexuellen Männern und heterosexuellen Frauen in großen Teilen grundverschieden ist, wäre es doch irrig anzunehmen, dass das nun bei homosexuellen Männern und homosexuellen Frauen anders sein soll."

So gesehen ist ein schwuler Mann vor allem ein Mann, der sich nur in einem Bereich, seinem Begehren, anders orientiert. Aber dieser eine Bereich steht in vielen Gesellschaften unter genauer Beobachtung.  Deshalb hatte das Studium der Biologie der Homosexualität immer auch eine politische Komponente.

Homosexualität. (picture alliance / Jose Jacome)Homosexualität. (picture alliance / Jose Jacome)

Erst 1990 strich die Weltgesundheitsorganisation die Diagnose Homosexualität aus dem Katalog psychischer Leiden. In den USA, aber auch in Deutschland bieten nach wie vor religiöse Gruppen Therapien für die angebliche Krankheit Homosexualität an. Im Frühjahr 2016 hat die Psychiatrische Gesellschaft von Indonesien solche Behandlungen sogar ausdrücklich empfohlen.

Mahler: "Wichtig war eben deshalb dieses Weltärztekammer-Positionspapier, was wir 2013 verabschieden konnten, wo klar geworden ist, dass es zur normalen menschlichen sexuellen Orientierungsvielfalt dazu gehört, das gleiche Geschlecht zu lieben, und dass jede Art der Therapie, negative Folgen hat. Also die Menschen werden depressiv, suizidal bei dem Versuch, der per se zum Scheitern verurteilt ist, und dass es aus ethischer Sicht nicht zu vertreten ist."

Aufklärung tut Not. Und hier können Fakten durchaus etwas bewirken, weiß Hartmut Bosinski.

"Es wurde zum Beispiel nachgewiesen, dass Menschen, die informiert sind über die biologische Prädisposition der sexuellen Orientierung und die Informationen darüber haben, dass die sexuelle Orientierung keine Frage der Wahl ist, dass die weniger homophob sind, also weniger Ablehnung gegenüber Homosexuellen zeigen."

Echter Hass auf Homosexuelle lässt sich dagegen kaum beeinflussen, so die Erfahrung  von Markus Ulrich vom Lesben- und Schwulenverband in Deutschland. Er ist im Grunde froh, dass die Genetiker bislang wenig Konkretes anzubieten haben. Denn wenn wirklich eine biologische Basis identifiziert würde, dann könnten Vorurteile noch auf ganz anderen Wegen wirksam werden.   

"Fragen sie mal Behindertenverbände, wie die sozusagen stehen zu diesen ganzen Gentests vor der Geburt, da geht es massiv auch, ja um eine große Gefahr. Oder auch diese ganzen Abtreibungsraten von Mädchen in bestimmten Ländern, die ganz klar auf gesellschaftlichen Stereotypen, auf gesellschaftlichen Hierarchien und Machtstrukturen beruhen, und damit ist es überhaupt nicht ausgeschlossen dass die nicht reproduziert werden auch gegenüber Lesben und Schwulen nur weil es jetzt ein Homo-Gen gäbe."

Das wäre noch nicht einmal ein Missbrauch von Forschungsergebnissen. Ulrich findet: Schon der Blick der Wissenschaftler ist verzerrt.

"Die formulieren diese Theorien ganz klar als Abweichung immer. Also dass irgendwas nicht richtig gelöscht wurde in der DNA der Mutter und deswegen Leute schwul sind. Also es ist immer irgendetwas schiefgelaufen. Und genau darin besteht ja das Merkmal von Homophobie, dass es ein Defizit ist, es ist nicht gleichwertig, sondern es ist ein Defizit und das wird mit biologischen Erklärungen nicht unbedingt aufgehoben."

Kein Schwuler leidet Schmerzen, keine Lesbe stirbt an ihrer Liebe. So gesehen stellt sich die Frage, warum überhaupt so viel Forschungsaufwand betrieben wird. Lieselotte Mahler wundert das gar nicht: Das Interesse werde bleiben, sagt sie, solange die Frage: Homo oder Hetero? noch eine Rolle spiele in unseren Gesellschaften. Das sei bei der Linkshändigkeit nicht anders gewesen.  Als Linkshänder als krank galten, mit Zwang umerzogen wurden, da floss Geld in die Forschung.

"Jetzt in einer Welt, wo Rechts- und Linkshändigkeit keine Bewertung mehr erfährt, man ist entweder rechts oder linkshändig, und es gibt genug Materialien, Scheren etc. auch für Linkshänder, ist die Ursachenforschung in den Hintergrund gerückt. Es ist ja auch genauso wie man sagen würde: Sollen wir erforschen, warum jemand heterosexuell wird? Ist auch nicht wirklich im Interesse.

Die Seele spricht zum Leib: Du hast gewonnen!
Fleisch wiedersteht nicht mehr, es triumphiert.
Nenn mich gewissenlos, ich sage es allen:
Nur mit der Liebe steh ich und muss fallen.    
(William Shakespeare, übersetzt von Christa Schuenke)

Wissenschaft und Politik

Tuck Ngun wollte seine eigene Homosexualität besser verstehen. Dass es so viel Wirbel um seine Studie geben würde, hat ihn nachdenklich gemacht. Auch sein neuer Ansatz zur gleichgeschlechtlichen Liebe führte nicht zu mehr Toleranz oder Einigkeit: Im Gegenteil: Sein Befund wurde Teil einer politischen Debatte, bei der die Erkenntnis im besten Fall eine Nebenrolle spielt. Auch aus diesem Grund hat Tuck Ngun das Forschungsfeld verlassen. Er arbeitet jetzt in seiner eigenen Softwarefirma für Datenanalyse. Und sein Privatleben ist wieder das: privat.

"Es war einfach nicht mehr so wichtig für mich, ob es eine biologische Erklärung der sexuellen Orientierung gibt. Nach und nach habe ich begriffen, dass es darauf nicht ankommt. Egal ob es um die sexuelle Orientierung geht oder die Geschlechtsidentität oder eine andere Eigenschaft. Ihr moralischer Wert sollte nicht davon abhängen, ob sie angeboren ist, und dann ist es ok. Es kommt darauf an, ob du ein guter Mensch bist, egal ob Homo, Hetero oder Transgender. Deshalb sollten dich die Leute akzeptieren und nicht wegen deiner Genetik oder sonst irgendwas."

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