Tag für Tag 20.11.2020

Homophobe ÄußerungenPfarrer Olaf Latzel wegen Volksverhetzung vor GerichtVon Mechthild Klein

Beitrag hören Olaf Latzel, Pastor der evangelischen St.-Martini-Kirche in Bremen, zu Beginn eines Strafprozesses am Amtsgericht Bremen (imago/Eckhard Stengel)Olaf Latzel, Pastor der evangelischen St.-Martini-Kirche in Bremen, zu Beginn eines Strafprozesses am Amtsgericht Bremen (imago/Eckhard Stengel)

Der evangelische Pastor Olaf Latzel steht wegen Verdachts auf Volksverhetzung von heute an in Bremen vor Gericht. Es geht um seine Äußerungen über Homosexuelle. Seine Fangemeinde ist groß. Einblicke in eine Gedankenwelt voller Sünde, Strafe und Männerherrlichkeit.

Pastor Olaf Latzel: "Das ist eine unfassbare Sünde und Schuld. Ich wiederhole das immer wieder. Das sind die ganz großen ethischen Verfehlungen: die Frage der Frauenordination. Die Frage der Abtreibung und vor allen Dingen: die Frage der Homosexualität. Da muss sich eine Kirche nicht wundern, wenn‘s den Berg nur noch bergab geht, wenn klar gegen Gottes Wort gehandelt wird. Wenn das, was Gräuel genannt wird, von uns gesegnet wird, geht nicht, funktioniert nicht."

Eine Bibelstunde vom 10. August 2019. Wer dem Bremer Pastor Olaf Latzel in seinen Predigten und Bibelstunden zuhört, wittert überall Schuld und Sünde. Moralisch gehe es abwärts, vor allem in der Sexualität lauert Gefahr, wenn sie außerhalb der Ehe von Mann und Frau gelebt wird. Damit trifft er den richtigen Ton in einem bestimmten Teil des evangelikalen Lagers. Der Pastor stellt alle seine Predigten und Bibelstunden ins Internet. Seinen Youtube-Kanal haben 24.000 User abonniert. Latzel beschreibt nicht nur das seiner Ansicht nach sündige Treiben, er liefert auch Schuldige. Feministinnen zum Beispiel:

"Dass überall Frauen reindrängen. Überall. Vor 50 Jahren war das noch die absolute Ausnahme, wenn irgendwo eine Frau Pfarrerin war. Mittlerweile sind bei den Studierenden, die anfangen, sind über zwei Drittel Frauen – eine von Frauen beherrschte Kirche. Und seit das allgemein zugelassen ist, seit den 1970er-Jahren geht das mit der evangelischen Kirche dramatischst bergab. ,Dramatischst bergab. Wenn die Ordnung Gottes gelten, so wie es in der Bibel geschrieben werden, wer die Kirche zu leiten hat, [Anmerkung der Redaktion: hier verheddert er sich] dann ist die Frage tatsächlich…, ist das, was wir gebrochen haben, erlaubt?" 

dpa/picture alliance/imageBROKER (dpa/picture alliance/imageBROKER) (dpa/picture alliance/imageBROKER) Rechte Christen
Genderforschung gilt als Irrsinn, Homosexualität wird bekämpft, mehr als zwei Geschlechter gibt es nicht: Solche Thesen werden im Namen des Christentums vertreten.

Es geht um mehr als persönliche Frömmigkeit

Die göttliche Ordnung war vor 50 Jahren noch intakt, zumindest im Weltbild des evangelikalen Pastors. In der Bibelstunde am 4. September 2019 skizziert er die Unordnung, die der Feminismus ausgelöst habe:

"Es führt auch der Feminismus zu einer Verweichlichung der Männer. Dann ist das ja nicht nur so, dass Frauen mehr männliche Funktionen annehmen. Sondern die Männer, die werden auch immer weicher. Die dürfen dieses und jenes nicht. Es wird in allen Bereichen durchgezogen, unsere ganze Gesellschaft ist davon durchdrungen."

"Eine deutliche Herabwürdigung von Homosexuellen"

Klingt so, als seien Männer Opfer. Olaf Latzels theologische Aussagen zu Männern und Frauen, Sünde und Ordnung kann man glauben oder auch nicht. Allerdings geht es nun um deutlich mehr, als um persönliche Frömmigkeit. Nun entscheidet ein Gericht darüber, ob er mit seinen abwertenden Aussagen über Homosexuelle die Grenze zur Strafbarkeit überschritten hat und ob das Konsequenzen für seine Arbeit als Pfarrer hat. Das Originalzitat, können wir aus rechtlichen Gründen nicht wiedergeben, denn es könnte Volksverhetzung sein. Die Publizistin und Juristin Liane Bednarz hat sich das Original angehört und kommt zu folgendem Schluss:

"Das ist natürlich eine deutliche Herabwürdigung von Homosexuellen. Er hat wörtlich gesagt, überall laufen diese Verbrecher vom Christopher Street Day herum. Er hat sich dann später dafür entschuldigt und behauptet, damit habe er nur bestimmte militante Leute gemeint, die ihn und die Gemeinde attackierten. Aber wenn er das so gemeint haben will, dann hätte er es auch so sagen sollen. Und das Wort 'Verbrecher' insinuiert ja natürlich, dass es im Grunde eben Homosexuelle auf dem Christopher Street Day per se gesetzesuntreue Leute seien. Und das ist natürlich eine ganz gezielte Verächtlichmachung, die ein Konservativer so natürlich nicht machen würde."

Landeskirche distanziert sich

Die Bremische Evangelische Landeskirche hatte im Mai 2020 ein Disziplinarverfahren gegen ihren Pastor eingeleitet und sich von seinen Aussagen über Homosexuelle distanziert. Laut dem Schriftführer der Landeskirche, Bernd Kuschnerus, schaden die Äußerungen Latzels dem Ansehen der Kirche. Dem Sender Radio Bremen sagte er: 

"Als Kirche wenden wir uns gegen jede Form von Gewalt. Und auch von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Wir haben Äußerungen in einem Audio von Herrn Pastor Latzel gehabt, das auch für Empörung in der Stadt gesorgt hat und das für uns auch unabhängig von einer theologischen Ausrichtung zeigt, dass wir hier eine Form von Beleidigung und Verunglimpfung haben."

Am 20. November 2020 beginnt der Prozess gegen den Bremer Pastor vor dem Bremer Amtsgericht. Wenn es überhaupt eine Verurteilung gibt, könnte es nach Berufung oder Revisionen mit weiteren Verhandlungen, auch in höheren Instanzen weitergehen. Dieser Konflikt erhält so viel Aufmerksamkeit, weil die Bremer St. Martini-Gemeinde keine Freikirche ist, sondern Teil der Bremischen Evangelischen Landeskirche – also Teil der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD). Es ist eine kleine Gemeinde mit 1.200 Mitgliedern. Wäre Olaf Latzel Pastor in einer freien evangelischen Gemeinde, würde wahrscheinlich kein Hahn danach krähen. Viele Aussagen Latzels stehen konträr zu den Positionen der EKD. Das kirchliche Disziplinarverfahren der Landeskirche ist während der Verfahrensdauer vor Gericht ausgesetzt. Und selbst wenn Pastor Latzel wegen Volksverhetzung verurteilt würde, er hätte nicht viel zu befürchten, er könnte in seiner Kirche wohl weitermachen wie bisher.

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