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StartseiteInterviewStefan Kaufmann: Homosexualität ist keine Krankheit31.01.2014

HomophobieStefan Kaufmann: Homosexualität ist keine Krankheit

Ein Verein in Sachsen-Anhalt will Homosexuelle "therapieren". Der CDU-Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann betonte im Deutschlandfunk dagegen: "Homosexualität ist angeboren und kann nicht therapiert werden." Der Vorstoß zeige, dass es noch großen Aufklärungsbedarf gebe.

Stefan Kaufmann im Gespräch mit Friedbert Meurer

Der CDU-Politiker Stefan Kaufmann (dpa / picture-alliance / Bernd Weissbrod)
Der CDU-Politiker Stefan Kaufmann (dpa / picture-alliance / Bernd Weissbrod)
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Friedbert Meurer: Es ist gar nicht allzu lange her, ein paar Jahrzehnte, da landeten Homosexuelle in Deutschland im Gefängnis. Wer sich outete, stellte seine bürgerliche Existenz infrage. Das hat sich massiv verändert. Homosexuelle Paare können heiraten und haben jetzt auch einen Anspruch auf das Ehegattensplitting. Aber es bleibt doch die Frage, ob es da nicht eine schweigende Mehrheit gibt, die das ablehnt - nicht nur in Fußballstadien. Nach Recherchen des Mitteldeutschen Rundfunks gibt es in Sachsen-Anhalt einen Verein, der Homosexualität als Krankheit oder Störung behandeln will.

Stefan Kaufmann ist auch CDU-Politiker, sitzt im Deutschen Bundestag als Abgeordneter, ist Kreisvorsitzender der CDU in Stuttgart und hat kürzlich einen Appell an seine Partei unterzeichnet, dem Ehegattensplitting für gleichgeschlechtliche Paare zuzustimmen. Guten Morgen, Herr Kaufmann.

Stefan Kaufmann: Guten Morgen, Herr Meurer.

Meurer: Was denken Sie denn, wenn Sie von so einem Verein hören?

Kaufmann: Ja, das ist natürlich schon sehr irritierend. Denn eines sollte klar sein, bei allem, wie man nun zu dem Thema Gleichstellung steht, dass Homosexualität nichts ist, was man heilen kann, nichts ist, was man therapieren kann, und das ist insoweit irritierend, weil daraus auch ein großer Teil dieser Ängste entsteht, die jetzt gerade in Baden-Württemberg im Rahmen der Bildungsplan-Debatte hochkommen. Deshalb halte ich das für sehr gefährlich, wenn man hier den Eindruck erweckt in bestimmten kirchlichen Kreisen, dass Homosexualität heilbar ist. Das irritiert mich an dieser Debatte und darüber sollte eigentlich Konsens sein, bei allen unterschiedlichen Meinungen zur Gleichstellungsthematik, dass Homosexualität angeboren ist und deshalb auch nicht heilbar ist.

"Es gibt noch einen großen Aufklärungsbedarf"

Meurer: Es gibt vielleicht noch eine Menge Menschen oder sehr viele, die sagen, ja, da hat es irgendwie in der Vergangenheit vielleicht ein gestörtes Vaterverhältnis gegeben. Beleidigt Sie das, wenn Sie so was unter die Nase gerieben bekommen?

Kaufmann: Beleidigt? Es verstört etwas, weil man einfach merkt, dass noch sehr viele Ängste da sind, dass auch noch sehr viel Unaufgeklärtheit da ist, und das Ganze zeigt aus meiner Sicht, auch so eine Äußerung von Jens Lehmann, wie sie vorhin im Vorspann kam, dass es eben doch noch Diskussionsbedarf gibt. Ich bin ja auch öfters mit der These konfrontiert, wir reden zu viel über dieses Thema, es hat einen zu großen Stellenwert in der öffentlichen Diskussion. Sicherlich wird sehr viel diskutiert gerade, aber auf der anderen Seite zeigen diese Diskussionen jetzt über den Bildungsplan, jetzt über Leo, dass es doch offensichtlich auch noch einen großen Aufklärungsbedarf gibt und sicherlich auch noch viele Menschen gibt, gerade im konservativen Lager, aber überhaupt in der Gesellschaft, die wir noch ein Stück weit abholen müssen und auch mitnehmen müssen, um dann wirklich zu Gleichstellung und vollständiger Akzeptanz zu kommen.

"Homosexualität ist angeboren und kann nicht therapiert werden"

Meurer: Zu diesem Bildungsplan bei Ihnen in Baden-Württemberg. Ist es kontraproduktiv, wenn an Schulen schwule, lesbische Paare gezeigt werden wie ganz normale Ehepaare auch?

Kaufmann: Es ist eben nicht kontraproduktiv. Es ist wichtig, weil wir haben viele Kinder natürlich mit Migrationshintergrund, wo das Thema sexuelle Identität zuhause gar keine Rolle spielt, und wenn wir über Toleranzerziehung sprechen, dann ist es wichtig, gerade auch im Bereich der sexuellen Identität aufzuklären. Deshalb ist es meines Erachtens sehr wichtig, dass wir auch solche Beispiele zeigen, und dann ist es gerade notwendig, dann auch zu sagen, dass es eine angeborene Erscheinung ist und dass es nichts ist, was man heilen kann. Das ist ja auch eine Sorge, sage ich mal, derer, die jetzt gegen diese Behandlung in der Schule sind, die uns den Eindruck vermitteln, als könne man schwul werden durch sprechen darüber, durch Aufklärung, und das ist der Punkt, den ich in der Diskussion sehr wichtig finde, dass klar ist, Homosexualität ist angeboren und kann nicht therapiert werden, aber man kann es auch nicht werden, dadurch, dass man darüber spricht.

Meurer: Dass jemand, Herr Kaufmann, wie Christoph Bergner den Verein Leo unterstützt in Sachsen-Anhalt - Bergner war Ministerpräsident, CDU, war Ostbeauftragter der Bundesregierung, im Kuratorium, auch ein ehemaliger und aktueller Fraktionsvorsitzender der CDU -, sollten das diese CDU-Politiker lieber bleiben lassen?

Kaufmann: Ich weiß jetzt von dem Kollegen Bergner, dass er dazu auch eine sehr kritische Haltung hat. Jetzt macht der Verein ja wohl auch noch einige andere Dinge. Ich kenne jetzt nicht im Detail den Leo-Verein. Aber soweit ich das weiß, aus seinem Umfeld auch übrigens selber, distanziert er sich auch davon, dass Homosexualität heilbar ist, hat wohl auch kontroverse Debatten intern geführt mit dem Herrn Ritter. Insofern möchte ich mich dazu jetzt gar nicht weiter äußern. Das muss der Kollege Bergner dann natürlich selber entscheiden, ob er einem solchen Kuratorium dann auch angehört, ob er ihm weiterhin angehört. Aber jedenfalls so, wie ich das sehe, hat er mit dieser Position, Homosexualität sei heilbar, auch ein Problem.

"Kein speziell ostdeutsches Problem"

Meurer: Würden Sie sagen, in der CDU in Ostdeutschland ist Homophobie besonders verbreitet?

Kaufmann: Das kann man, glaube ich, so nicht sagen. Aber ich weiß das jetzt nicht nur von Kollegen aus Ostdeutschland. Sicherlich jeder Kollege hat ein anderes Umfeld, hat einen anderen Wahlkreis. Wir haben in ländlichen Regionen natürlich auch noch eine andere Wirklichkeit. In Stuttgart ist das Thema natürlich, auch in anderen Großstädten, virulenter. Manche Kollegen haben sicherlich weniger Zugang auch zu diesem Thema und müssen sich dann auch erst annähern. Ich würde jetzt nicht sagen, es ist ein speziell ostdeutsches Problem.

Meurer: Das Ehegattensplitting für homosexuelle Partnerschaften hat Ihre Partei geschluckt, Herr Kaufmann, aber auch nur, weil Karlsruhe es angeordnet hat, und trotzdem gab es noch relativ viele Nein-Stimmen im Bundestag. Wünschen Sie sich so wie Guido Westerwelle mehr Initiative von Angela Merkel bei dem Thema?

Kaufmann: Ich glaube, die Kanzlerin hat ein ganz gutes Gespür dafür, dass die Gesellschaft vielleicht in ihrer Breite, jedenfalls was das Thema Adoptionsrecht angeht - da wurde sie ja auch im Wahlkampf dazu befragt -, noch Vorbehalte hat, und deshalb ist es ja so wichtig, dass wir solche Diskussionen führen, weil gerade, wenn es um Kinder geht, die Vorbehalte noch etwas größer sind in der Gesellschaft. Ich würde mir natürlich wünschen, dass die Partei in der Breite den Weg etwas schneller geht, habe aber auch Verständnis dafür, wenn wir den einen oder anderen noch mitnehmen müssen, und deshalb sind diese Diskussionen wichtig, die wir jetzt natürlich in der Öffentlichkeit führen, die wir aber auch in der Partei führen, und da, finde ich, sind wir schon ein gutes Stück vorangekommen und auch die Kanzlerin, denke ich, geht diesen Weg dann am Ende auch mit.

Meurer: Aber nach Ansicht vieler nicht weit genug. Würde es nicht helfen, wenn sie die Fahne in die Hand nähme?

Kaufmann: Sie hat ja in vielen Dingen gezeigt, dass die CDU auf einem Weg ist, wirklich auch jetzt weg von diesen ganz konservativen Positionen, und deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir auch in dieser Frage dann noch weiterkommen.

Meurer: Stefan Kaufmann, CDU-Bundestagsabgeordneter, Kreisvorsitzender der CDU in Stuttgart, zu einem Verein in Sachsen-Anhalt, der Homosexualität als Krankheit behandeln will, und zur Meinung der CDU besonders in Ostdeutschland zum Thema Homosexualität. Herr Kaufmann, danke für das Interview heute Morgen. Auf Wiederhören!

Kaufmann: Auf Wiederhören, Herr Meurer!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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