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StartseiteKultur heuteDer Wörterer22.11.2019

Horst Janssen und die LiteraturDer Wörterer

Horst Janssen war ein begnadeter Zeichner und Grafiker. Daneben gab es für ihn als weiteres Ausdrucksmittel das Wort. Die Oldenburger Ausstellung „Kosmos Janssen – wie er schreibt_" präsentiert Essays, Gedichte, Briefe, Reden und Janssens ganz eigenen literarischen Stil.

Von Änne Seidel

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Ein schwarz weisses Bild auf dem Horst Janssen an einem Tisch mit einem Stift in der Hand sitzt. Er und skizziert und schreibt einen Text. (Horst Janssen und Lemcke bei St. Gertrude © Verlag St. Gertrude)
Bücher waren seine Leidenschaft - der Grafiker Horst Janssen und sein Verleger Dierk Lemcke (Horst Janssen und Lemcke bei St. Gertrude © Verlag St. Gertrude)

Samstag, 9. Juli 1977: "gelesen". Sonntag, 10. Juli: ebenfalls "gelesen". Und auch am darauffolgenden Montag und Dienstag tat Horst Janssen nichts als lesen. Das zumindest legt ein Blatt aus seinem Kalender nahe, das in der Oldenburger Ausstellung hängt. Direkt daneben steht das Bücherregal des Künstlers. Darin Werke von Heidegger, Tolstoj oder Edgar Allen Poe, außerdem ein Stapel Lustiger Taschenbücher und ein Asterix-Band. Schon diese nachgebaute Lesestube zeigt: Horst Janssen und die Literatur, das war was Ernstes. Der Künstler selbst hätte das natürlich niemals zugegeben:

"Meine Profession ist schon fast keine. Meine Schreiberei isses auf keinen Fall. Wenn's überhaupt irgendwann irgendeinen "ernsten" Zweck oder ein vernünftiges Ziel verfolgte, dann war's am Anfang der 60er Jahre, als mich die Missverständnisse der Feuilleton-Schreiberlinge meine Zeichnerei betreffend, nervten. DA fing ich an und schrieb mir meine eigenen Eröffnungsreden und irgendwann auch meine eigenen "Kritiken" unter dem Anagramm "N. Boleige". Das heißt geschüttelt Eigenlob."

Provokationen und Selbstironie

Horst Janssen, immer gut für Provokationen, aber auch für Selbstironie. Hier liest er aus seinem Buch "Hinkepott" - laut Untertitel eine "autobiografische Hüpferei in Briefen und Aufsätzen". Über Kopfhörer können die Ausstellungsbesucher und -besucherinnen der Lesung lauschen.

Auch viele andere Texte von Janssen sind sehr persönlich: Er verfasste Briefe an seine Frauen, außerdem Tagebücher und Essays, in denen er sich mit seiner Rolle als Künstler und dem Wesen seiner Kunst auseinandersetzte. Manchmal schrieb er, um den Kopf frei zu bekommen – zur Gedankenhygiene, damit er sich besser aufs Zeichnen konzentrieren konnte. Janssen gab freimütig zu: Beim Schreiben gehe es ihm in erster Linie um ihn selbst.

"Meine ICH-Geschichten sind mir wirklich zum ergötzen und begötzen meiner selbst. Mich-Liebhaberei! Dilettantismus also, wie die Biedermeierlichen noch sagten."

Assoziativer Gedankenstrom

Letzterem darf aus heutiger Sicht getrost widersprochen werden. Dilettantisch ist das, was Janssen zu Papier brachte, keineswegs. Richtig ist: Er schrieb wie er sprach. Manche seiner Texte gleichen einem assoziativen Gedankenstrom. Sie sind, wie der Künstler war: aggressiv bis liebevoll, schwermütig bis heiter. Authentisch.

Mit dem herkömmlichen Wortschatz der deutschen Sprache allerdings war Janssen nicht so recht zufrieden. Er schrieb dazu: "Und überall, wo man hinkommt, sind die Wörter schon da. An den unpassendsten Gefäßen kleben diese Etiketts."

Um auszudrücken, was er wirklich sagen wollte, erfand der Künstler kurzerhand seine eigenen Wörter. Viele dieser Wortkreationen sind brillant. In der Ausstellung erklärt ein eigens konzipierter "Janssen-Duden" Wörtneuschöpfungen wie "Tolerantist" oder "denkdünn". Sich selbst nannte der Künstler einen "Wörterer".

"Wenn ich meine Autobiographie mit (Ordnungs)Sinn und Verstand schreiben wollte, müsste ich alles, was ich schon geschrieben habe, entweder umschreiben oder vergessen. Ich denk nicht dran! Ich mach das anders. Ich wörtere ein Selbstporträt."

Charakteristische Handschrift

Viele von Janssens Arbeiten kombinieren Bild und Text. In seiner charakteristischen Handschrift ergänzte er seine Zeichnungen um Zitate, kurze Kommentare oder ganze Geschichten.

Besonders schön ist eine Bildergeschichte, die der Künstler seinem verstorbenen Großvater widmete. Der Opa war Schneider und eine prägende Gestalt in Janssens Oldenburger Kindheit. In kurzen Texten und kleinen Zeichnungen erinnert er sich:

"Opa hatte seinen täglichen Mittagsschlaf natürlich auf seinem Schneidertisch. Da lag er dann – der Länge nach, unendlich lang ziemlich lang – und flach wie ein großes, flüchtig hingeworfenes Tuch."

Faszination für Edgar Allen Poe

Auch wenn sich Janssen in erster Linie als Zeichner und Grafiker verstand, so lässt die Oldenburger Ausstellung keinen Zweifel: Das Wort, die Literatur ist essentieller Bestandteil seines Werks. Texte von Thomas Mann oder Ernst Jünger, aber auch Volksmärchen inspirierten ihn zu Illustrationen. Seine Faszination für Edgar Allen Poe fand ihren Ausdruck in einer ganzen Serie von Porträts des Schriftstellers.

Verwunderlich also, dass Horst Janssens literarische Ader bisher nur wenig gewürdigt wurde. Jetzt aber gibt es Gelegenheit, das nachzuholen - in dieser originellen und liebevoll gestalteten Ausstellung zum Janssen-Jubiläumsjahr.

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