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StartseiteKalenderblattHort der nationalsozialistischen Rassenhygiene12.12.2010

Hort der nationalsozialistischen Rassenhygiene

Vor 75 Jahren veranlasst Heinrich Himmler die Gründung des Vereins "Lebensborn“

Im Rahmen ihrer Bevölkerungspolitik förderten die Nationalsozialisten sogenannten "rassisch und erbbiologisch wertvollen" Nachwuchs. Dazu wurde auf Veranlassung des Reichsführers SS Heinrich Himmler am 12. Dezember 1935 der Verein "Lebensborn" gegründet.

Von Otto Langels

Heinrich Himmler gründete 1935 den Verein "Lebensborn"  (AP-Archiv)
Heinrich Himmler gründete 1935 den Verein "Lebensborn" (AP-Archiv)

"Sie ist in Bayern geboren in einem Kinderheim. Es war ein sehr schönes Haus, ganz modern, im Grünen gelegen."

Sie – das ist die Tochter von Else Röder. Das Kind kam 1941 im Lebensbornheim Steinhöring in Bayern zur Welt. Else Röder hatte im Urlaub einen verheirateten SS-General kennengelernt. Sie wurde schwanger, aber da sie nicht abtreiben wollte, fuhr sie in das Lebensbornheim nach Bayern.

Am 12. Dezember 1935 hatte der Reichsführer SS Heinrich Himmler den Verein Lebensborn gegründet - als formal selbstständige, faktisch aber ihm direkt unterstellte Organisation.

Der Verein sollte unverheirateten schwangeren Frauen diskret Hilfe anbieten, um die hohe Zahl von Abtreibungen in Deutschland zu verringern. Vorrangiges Ziel war es aber, in eigenen, einsam gelegenen Häusern u.a. in Steinhöring, Klosterheide und Wernigerode "arischen" Nachwuchs aufzuziehen und damit die kruden rassenpolitischen Vorstellungen des NS-Regimes umzusetzen. Heinrich Himmler, der sich als oberster Schirmherr persönlich um die Lebensbornheime kümmerte, forderte dazu auf:

"Rassisch und erbbiologisch wertvolle werdende Mütter unterzubringen und zu betreuen, bei denen nach sorgfältiger Prüfung der eigenen Familie und der Familie des Erzeugers durch das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS anzunehmen ist, dass gleich wertvolle Kinder zur Welt kommen."

Die werdende Mutter musste einen "Ariernachweis" und ein Erbgesundheitszeugnis vorlegen und entsprechende Dokumente des Kindesvaters, häufig ein ranghohes SS-Mitglied. Auf Wunsch garantierte Lebensborn eine Geheimhaltung der Geburt und richtete dazu eigene Standesämter ein. In den rund 20 deutschen Häusern wurden insgesamt sieben- bis achttausend Kinder geboren – eine für die hochtrabenden bevölkerungspolitischen Ziele der SS vergleichsweise geringe Zahl.

Die Säuglinge konnten in den Heimen bleiben oder sie wurden zur Adoption freigegeben. Kranke oder behinderte Kinder brachte man in eine Tötungsanstalt. Finanziert wurde die Organisation durch Beiträge der SS-Mitglieder. Familien mit vier und mehr Kindern waren von den Zahlungen befreit.

Sechs Wochen vor der Geburt kam Else Röder in das komfortabel eingerichtete Lebensborn-Heim Steinhöring.

"Und dann konnte man da das Kind bekommen und konnte das Kind da lassen. Ich selber musste ja wieder zurück. Und die Frauen, die da waren, wurden nur mit Vornamen angeredet, aus Gründen der Geheimhaltung glaube ich. Man war da bestens untergebracht. Also für Kinder taten sie alles."

Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs kamen zunehmend auch Ehefrauen von SS-Angehörigen in die Heime, um fernab vom Bombenhagel ihre Kinder zur Welt zu bringen.

Lebensbornheime entstanden zusätzlich in besetzten Ländern wie Norwegen für die einheimischen Frauen, die von deutschen Soldaten ein Kind erwarteten. Um "wertvolles Blut" zu bewahren, wurden außerdem "nordisch" aussehende Kinder aus Osteuropa ihren Eltern weggenommen und nach Deutschland in die Lebensborn-Heime verschleppt.

Die Verantwortlichen saßen 1948 auf der Anklagebank des alliierten Militärtribunals in Nürnberg. Aber sie kamen ungeschoren davon, weil sie den Eindruck vermitteln konnten, Lebensborn sei eine rein karitative Einrichtung gewesen.

Die geheimnisumwitterte Aura der Heime als Orte der Lust oder der Züchtung von Eliten führte dazu, dass Lebensborn-Kinder wie Heilwig Weger nach 1945 stigmatisiert wurden.

"Die haben mich mit Steinen beworfen, die haben mich vertrimmt auf dem Schulweg, die 16-jährigen, 15-jährigen Bauernburschen. Wo ist dein Vater? Nazischwein!"

Die Lebensborn-Kinder erfuhren, wenn überhaupt, oft erst Jahrzehnte später, wo sie geboren wurden und wer ihre Väter waren.

In den letzten Jahren sind verschiedene Bücher zu dem Thema erschienen, die den Mythos von den angeblichen SS-Zuchtanstalten widerlegen, darunter die Autobiografie "Das endlose Jahr" von Gisela Heidenreich. Sie wurde 1943 in einem Lebensbornheim in Oslo geboren.

"Es wurde also überwiegend dieser Gedanke vertreten, es waren solche Art Luxusbordelle, in denen eben SS-Offiziere, denen dann wunderschöne, blonde, blauäugige arische BDM-Mädchen zugeführt wurden – also das war sicher eine Legende, die sich aber bis zum heutigen Tag hält."

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