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StartseiteInterview"Das Dringendste ist, dass die Waffen schweigen"22.02.2018

Humanitäre Lage in Ost-Ghuta"Das Dringendste ist, dass die Waffen schweigen"

In Ost-Ghuta verschärft sich nach Angriffen die Lage dramatisch. Dennoch ist der Versuch im UN-Sicherheitsrat gescheitert, eine Feuerpause herzustellen. Jakob Kern, Landesdirektor für Syrien beim Welternährungsprogramm der UN, appellierte weiterhin für eine einmonatige Waffenruhe: "Die Leute haben keine Reserven mehr", sagte er im Dlf.

Jakob Kern im Gespräch mit Christine Heuer

Das von der regierungskritischen Aktivistengruppe Ghouta Media Center (GMC) zur Verfügung gestellte Foto und durch Abgleich mit AP-Berichterstattung authentifizierte Foto zeigt Syrer, die Gebäude inspizieren, die durch einen Angriff der syrischen Luftwaffe zerstört wurden. (AP / dpa / Uncredited/Ghouta Media Center)
Luftangriffe auf syrisches Rebellengebiet Ost-Ghuta (AP / dpa / Uncredited/Ghouta Media Center)
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Christine Heuer: Ein zweites Aleppo sollte es nie wieder geben. 2016 kesselte das Assad-Regime die syrische Rebellenhochburg ein und startete ein flächendeckendes Bombardement. Zig tausende Zivilisten wurden für den Sieg von Damaskus getötet. Jetzt ist es offenbar wieder soweit: Aleppo, das ist jetzt die Region Ost-Ghuta nahe der Hauptstadt. 400.000 Menschen haben Assads Truppen von der Außenwelt abgeschnitten, jetzt wird bombardiert. Und wieder debattiert der UN-Sicherheitsrat über Resolutionen und Waffenruhen.

In Damaskus sind wir am Telefon mit Jakob Kern verbunden, dem Landesdirektor für Syrien beim Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. Guten Morgen, Herr Kern.

Jakob Kern: Guten Morgen, Frau Heuer.

Heuer: Wir haben es gerade gehört: Die Waffenruhe, der Versuch, eine herzustellen, ist heute Nacht im Sicherheitsrat gescheitert. Was bedeutet das für die Menschen in Ost-Ghuta, Herr Kern?

Kern: Das ist sehr frustrierend für alle und vor allem für die Menschen in Ost-Ghuta, die immer noch eingekesselt sind, seit vier Jahren nun, und seit ein paar Wochen wird da sehr heftig gekämpft. Das heißt für die, dass es jetzt eine Sache des Überlebens ist, nicht mehr eine Sache des habe ich genug Nahrungsmittel, habe ich genug Medizin, sondern kann ich den nächsten Tag überleben.

Heuer: Dass die UN sich nicht einigen können, dass der Sicherheitsrat sich nicht einigen kann, das wird Menschen das Leben kosten?

Kern: Es hat schon vielen Menschen das Leben gekostet. Syrien ist ein Krieg, der schon acht Jahre andauert. Die Hälfte der Bevölkerung ist aus ihren Häusern vertrieben worden. Und nach acht Jahren haben die Leute keine Reserven mehr. Sie haben kein Geld mehr, um Lebensmittel zu kaufen. Sie haben keine Häuser mehr.

Und in einer Situation wie Ost-Ghouta, wo sie dann noch eingekesselt sind, wo die Preise von allem, was noch erhältlich ist, ein Mehrfaches sind, verglichen zu Damaskus oder zum Rest des Landes, ist das natürlich eine riesige humanitäre Katastrophe für diese Leute.

"Eltern verzichten auf Mahlzeiten, um den Kindern etwas zu geben"

Heuer: Haben Sie persönliche Kontakte in die Region?

Kern: Wir waren das letzte Mal vor einer Woche in einer Ortschaft. Wir haben Lebensmittel und andere Hilfsgüter für 7000 Leute geliefert. Aber das ist natürlich ein Tropfen auf den heißen Stein und die Leute, die erzählen uns, sie leben im Untergrund, sie leben in den Kellern, um sich vor den Bombardierungen zu schützen. Sie können kaum heraus, um etwas zu kaufen.

Wenn jemand krank ist oder verletzt, fehlen die Medikamente, fehlen die Spitäler, die Ausrüstungen, und natürlich sind die Lebensmittel sehr knapp. Die Eltern verzichten auf eine oder zwei Mahlzeiten, um den Kindern etwas zu geben.

Der etwa zehnjährige Junge sitzt in einem Raum auf einer Bahre und hält sein kleines Geschwisterkind im Arm, dessen Kopf verbunden ist.  (Ghouta Media Center / AP / dpa)Zwei syrische Kinder warten nach einem Luftangriff in einer improvisierten Notaufnahme in Ost-Ghuta auf ihre Behandlung. (Ghouta Media Center / AP / dpa)

Heuer: Woran, Herr Kern, mangelt es im Moment denn am allermeisten oder am allerdringendsten? Sie haben die Lebensmittel erwähnt. Wir hören immer wieder, es gibt auch notwendige Basismedikamente nicht. Was ist das Dringendste?

"Eine Erkältung wird lebensbedrohend"

Kern: Das Dringendste ist sicher, dass die Waffen schweigen und den Leuten einmal eine Pause geben. Es sind sicher Lebensmittel. Die sind knapp. Die sind schon noch erhältlich, aber zu sehr hohen Preisen. Und die Grundnahrungsmittel, die fehlen natürlich, Reis oder Bohnen, Linsen, Weizenmehl. Die letzten zwei Bäckereien wurden zerstört. Die hatten Brot für praktisch alle diese 400.000 Leute gebacken. Die sind zerstört.

Medikamente sind knapp. Wir reden schon seit Monaten von Evakuierungen von Patienten. Es wäre einfacher, Medikamente hineinzubringen, als 700 Leute herauszuevakuieren. Und eine Erkältung, die dann in eine Entzündung übergeht, wird lebensbedrohend, weil keine Antibiotika erhältlich sind zum Beispiel.

Heuer: Werden gezielt zivile Einrichtungen bombardiert in Ost-Ghuta?

Kern: Die Berichte sind sehr unterschiedlich, je nachdem wem man glaubt. Es ist ein Krieg und es wird auf beiden Seiten bombardiert. Auch Damaskus wird im Moment mit mehr als 50 Granaten und Raketen beschossen, jeden Tag aus Ost-Ghuta.

Wenn 400.000 Leute in einer Enklave sind und die aus der Luft oder vom Boden bombardiert werden, dann werden Zivilisten getroffen. Das ist nicht zu verhindern und das ist unsere große Sorge, dass Zivilisten in diesen Krieg mit einbezogen werden, wie es in Aleppo war, wie es in Rakka war. Jedes Mal, wenn eine Stadt bombardiert wird mit Kämpfern drin, dann sind auch Zivilisten da, und das ist unsere größte Sorge.

Heuer: Werden die Zivilisten denn ganz bewusst als Schutzschild benutzt, weil wir hören immer, die Rebellen verschanzen sich in Wohnhäusern und das Bombardement schließt zivile Einrichtungen wie Krankenhäuser jedenfalls ganz klar nicht aus?

Kern: Wie gesagt, es ist eine Bombardierung, die sehr wahrscheinlich nicht so gezielt auf die militärischen Einrichtungen geht, sondern flächenmäßig. Die Leute erzählen uns, dass da Bomben fallen, wo Schulen oder Spitäler sind oder Häuser. Es ist relativ undiskriminiert, wo die Bomben fallen. Das ist, was wir hören von Ost-Ghuta.

Ein Syrer sitzt am 5. Februar 2018 klagend auf den Mauern seines durch Luftangriffe zerstörten Hauses in der Region Ost-Ghuta nicht weit der Hauptstadt Damaskus. (AFP / ABDULMONAM EASSA)Ein Syrer sitzt klagend auf den Mauern seines durch Luftangriffe zerstörten Hauses in der Region Ost-Ghouta. (AFP / ABDULMONAM EASSA)

"Die Leute sind sehr mager, sind ausgemergelt"

Heuer: Sie haben gesagt, Sie waren vor einer Woche zuletzt selber dort. Wie haben Sie denn die Atmosphäre dort erlebt, Herr Kern?

Kern: Ich war nicht selber dort, aber mein Team war dort. Sie hatten einen Konvoi von neun Lastwagen mit ein paar von unseren UNO-Leuten da. Die Situation ist sehr schlimm. Die Kinder sind unterernährt. Der Durchschnitt da ist etwa zwölf Prozent, im Landesdurchschnitt sind wir bei zwei Prozent Unterernährung. Das ist sechsmal mehr als der Landesdurchschnitt und das ist natürlich alarmierend.

Die Berichte, die sind immer die gleichen: Die Leute sind sehr mager, die sind ausgemergelt, weil sie nur so Sachen essen, die in dieser Gegend noch wachsen. Ost-Ghuta ist eine Landwirtschaftszone mit Städten dazwischen und etwas Gemüse und Früchte wachsen schon noch, aber die Grundnahrungsmittel, die fehlen.

Heuer: Wir hören, dass sich Hilfsorganisationen wie SOS Kinderdörfer jetzt aus der Region verabschieden. Sind denn noch Helfer in Ost-Ghuta?

Kern: Ja, sicher. Es hat sehr viele Organisationen, die innerhalb von Ost-Ghuta arbeiten. Aber die Unterstützung ist natürlich minimal, weil es eine belagerte Stadt ist und ein belagertes Gebiet. Wir haben sehr sporadisch Zugang. Das letzte Mal, als wir wirklich richtig Zugang hatten, war vor fast drei Monaten.

Wie gesagt, letzte Woche konnten wir weniger als zwei Prozent der Bevölkerung unterstützen. Das war eine Stadt ganz an der Peripherie, die nicht so von den Kämpfen beeinflusst war, und wir hatten ein kleines Fenster, was wir benutzen konnten, um diese 7000 Leute zu unterstützen - für einen Monat. Die haben jetzt eine Monatsration.

"Wir brauchen einen Monat Feuerpause"

Heuer: Wenn Sie rein könnten, was könnten Sie dann aktuell tun, um den Menschen zu helfen? Oder ist das völlig aussichtslos, dass Sie im Moment in die Region rein können mit Hilfsmitteln?

Kern: Im Moment ist es einfach zu gefährlich für unsere Leute, für die Lastwagenfahrer und auch für die Leute, die in Ost-Ghuta sind. Die müssten ja aus den Kellern rauskommen, um die Lebensmittel abzuholen. Das ist im Moment zu gefährlich mit diesen Kämpfen. Die Intensität ist zu groß. Wenn es eine Waffenruhe gibt, dann brauchen wir mindestens einen Monat, um alle 400.000 Leute zu versorgen.

Deshalb appellieren wir schon seit Wochen, dass eine einmonatige Feuerpause im ganzen Land und vor allem in Ost-Ghuta eingesetzt wird, damit wir alle 400.000 versorgen können. Die Lebensmittel sind bereit, die Hilfsgüter sind bereit, wir brauchen eine Feuerpause und dann einen Monat, um alle diese 400.000 Leute zu versorgen.

Heuer: Diese Feuerpause, da schließt sich der Kreis unseres Gesprächs, Herr Kern, diese Feuerpause kommt ja nicht. 2016 hat man gesagt, ein zweites Aleppo darf niemals passieren. Nun scheint es doch so zu sein. Wie resigniert sind Sie eigentlich?

Kern: Es ist frustrierend, dass wir Wochen für Wochen, Monate, sogar Jahre nach einer Feuerpause fragen, jetzt ganz konkret, und es wird geredet und es wird geredet, aber praktisch hier sehen wir nichts davon. Im Gegenteil: Es geht in die andere Richtung. Die Intensität hat zugenommen. Die Kämpfe sind viel intensiver, als sie vor ein paar Monaten noch waren.

Und es ist frustrierend, dass eine Feuerpause von einem Monat nicht von allen Parteien akzeptiert werden kann, um humanitäre Hilfe zu leisten, ein Grundgesetz, das alle Leute akzeptieren, dass Zivilisten in einem Krieg versorgt werden sollten. Es ist sehr frustrierend, dass das nicht passiert und vor allem seit Monaten nicht passiert.

Heuer: Sind das Kriegsverbrechen in Ost-Ghuta?

Kern: Da lasse ich andere darüber urteilen. Ich bin humanitäre Hilfe. Ich bin verantwortlich für die Lebensmittel und habe damit genug zu tun.

Heuer: Jakob Kern, Landesdirektor für Syrien beim Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. Herr Kern, haben Sie vielen Dank, dass Sie uns Ihre Eindrücke geschildert haben heute Morgen. Alles Gute für Sie.

Kern: Okay. Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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