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StartseiteKultur heuteVerehrt als Aufklärer und Revolutionär19.02.2019

Humboldt-Gedenken in LateinamerikaVerehrt als Aufklärer und Revolutionär

Der Aufstieg auf den Antisana war eine einzige Strapaze für Alexander von Humboldt: Teilweise barfuß und mit blutigen Füßen versuchte sein Team, auf den Vulkan zu klettern. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war zum Glück bei seiner Tour in Ecuador besser ausgerüstet - und entdeckte Humboldts Aktualität.

Von Christiane Habermalz

Bundepräsident Steinmeier und Elke Büdenbender in Ecuador  (imago stock&people)
Auf Humboldts Spuren: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender vor dem Vulkan Antisana in Ecuador (imago stock&people)
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Sehr wahrscheinlich hat Alexander von Humboldt auch genau an dieser Stelle gestanden bei seinem Aufstieg zum Vulkan Antisana. Eine Steilwand in den Hochanden, hier lassen sich noch die letzten Kondore beobachten. Zu Humboldts Zeiten müssen es noch Zigtausende gewesen sein, die ihre Kreise am Himmel zogen. Heute leben in ganz Ecuador noch 150 Exemplare. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schaut durch ein Fernglas, lässt sich die imposanten Vögel zeigen.

Humboldt wurde von Vulkanen magisch angezogen. Er bestieg sie, wann immer er ihrer habhaft werden konnte. Er war der erste, der erkannte, dass Vulkane keine Einzelphänomene waren, sondern unterirdisch miteinander und mit dem Erdkern verbunden waren und dass Erdbeben mit ihnen zusammenhingen. Und er war ein besonderer Vulkan-Glückspilz. 

"Wo Humboldt hinkam, gab es einen Vulkanausbruch." Der Literaturwissenschaftler Ottmar Ette ist einer der bedeutendsten Humboldt-Forscher, er reist mit im Tross des Bundespräsidenten auf seiner Reise durch Kolumbien und Ecuador, ebenso wie die Humboldt-Biografin Andrea Wulf, und viele andere Wissenschaftler und Kulturschaffende. Auf Humboldts Spuren soll es gehen im Jahr 2019, dem 250. Geburtstag des großen Naturforschers. Wofür Humboldt freilich drei Jahre brauchte – von der kolumbianischen Hafenstadt Cartagena, durchquerte er die Anden von Nord nach Süd, um sich schließlich am 4. Januar 1803 in Guayaquil, Ecuador, Richtung Mexiko einzuschiffen –, das absolvierte Steinmeier in vier Tagen.

In Quito eröffnete er mit einer Rede in der Katholischen Universität das hiesige Humboldt-Jahr: "Seine Reisen in Lateinamerika, gemeinsam mit seinem französischen Kollegen Aimé Bonpland, haben ihn erkennen lassen, was er schließlich uns gelehrt hat. Dass der Mensch eine Bedeutung in der Natur hat und eine Verantwortung für die Natur. Und dass wir als politische Wesen auf eine humane Weise nur koexistieren können, wenn wir uns nicht über den Anderen und nicht über die Natur erheben."

Aufklärer und Revolutionär

In Lateinamerika wird Humboldt in vielfacher Hinsicht verehrt – und anders als in Europa, wo er lange Zeit nahezu in Vergessenheit geraten war, nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Aufklärer und Revolutionär.

"Man geht davon aus, dass Humboldt auf die Unabhängigkeitsbewegung gegen die spanische Kolonialherrschaft durchaus Einfluss genommen hat. Er stand mit vielen Freiheitskämpfern in Kontakt, auch mit Simón Bolivar. Ja, Humboldt war hier eine wichtige Referenz, sozialpolitisch und natürlich wissenschaftlich", erklärt Alberto Gómez Gutiérrez, Humangenetiker an der Universität Javeriana in Bogotá und einer der wichtigsten Humboldt-Experten Lateinamerikas.

Ette geht sogar noch einen Schritt weiter: "Wenn man sich heute zum Beispiel in Mexiko die historische Malerei anschaut, die die Unabhängigkeit darstellt, dann kommt Humboldt sehr häufig in dieser Malerei vor. Und erscheint dann geradezu als Ikone dieser Unabhängigkeit. Und man kann auch seinen Reisebericht sehen als eine Art Geburtsurkunde der Unabhängigkeit." 

Höhenkrankheit und zerrissene Schuhe

Humboldt war seiner Zeit weit voraus – auch in der Anerkennung der indigenen Kulturen und ihrer Bedeutung, die er auf eine Stufe stellte mit den europäischen. Er war in intensivem Kontakt sowohl mit Vizekönigen und Encomenderos, die die Indios wie Leibeigene hielten, als auch mit einfachen Bauern und vor allem seinen indigenen Lastenträgern, die ihn fast die ganze Reise über begleiteten. Auch hierher zum Antisano.

Der Aufstieg mit seinen wissenschaftlichen Geräten und schlechter Ausrüstung war eine einzige Strapaze, erzählt Humboldt-Biografin Andrea Wulf. "Die Schuhe waren das größte Problem. Also immer wieder sind die Sohlen zerrissen, die sind teilweise barfuß hier durch den Schnee gelaufen, also mit blutigen Füßen. Und hier am Antisana haben sie besonders eben auch an der Höhenkrankheit gelitten. Das war der Grund dann auch, warum sie umdrehen mussten."

Als Humboldt später unter noch schlimmeren Bedingungen den Gipfel des 6.000 Meter hohen Chimborazo zu erklimmen versuchte, musste er an den Tag am Antisana zurückdenken. In sein Reisetagebuch schrieb er:

"Unser Aufenthalt in dieser ungeheuren Höhe war äußerst traurig und düster. Kein lebendes Wesen, kein Insekt, nicht einmal der Condor, der am Antisana über unseren Köpfen schwebte, belebte die Lüfte."

Es hätte ihn gefreut, dass für die letzten Kondore am Antisana jetzt ein Schutzgebiet eingerichtet wurde.

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