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StartseiteForschung aktuellHunger und Einsamkeit26.02.2010

Hunger und Einsamkeit

Forscher untersuchen Zusammenhang zwischen Magersucht und sozial-kognitiven Defiziten

Medizin.- In Aachen findet derzeit die zweite wissenschaftliche Tagung der deutschen Gesellschaft für Essstörungen statt. Dort befassen sich Mediziner auch mit einem bislang vernachlässigten Aspekt der Krankheit: den Problemen, die viele Patienten im Umgang mit anderen Menschen haben.

Von Kristin Rabe

Oft isolieren sich an Magersucht Erkrankte stark von ihrer Umwelt.  (Stock.XCHNG / Ryan O'Connor)
Oft isolieren sich an Magersucht Erkrankte stark von ihrer Umwelt. (Stock.XCHNG / Ryan O'Connor)

"Durch die Magersucht fängt man an, man hat Stimmungsschwankungen, ist öfter gereizt, Wutausbrüche und man zieht sich immer mehr zurück. Dass ich fast immer nur zu Hause war. Man geht so Situationen aus dem Weg, wo man was essen könnte. Mit Freundinnen geht man ja öfter was essen zu McDonalds oder so. Und das wollte ich halt immer vermeiden, deswegen habe ich mich auch zurückgezogen von meinen Freundinnen. Deswegen sind einige Freundschaften auch kaputt gegangen dadurch."

Melanie ist 16 Jahre alt. Große graue Augen, lange braune Haare in einem bildschönen Gesicht. Dass sie sich aus Sorge um ihr Aussehen ihren Körper so malträtierte, ist kaum zu glauben. Vor zwei Wochen kam sie mit extremem Untergewicht in die Jugendpsychiatrische Klinik der Universität Aachen. Dass die Krankheit sie von ihren Freunden isoliert hat, kommt bei Magersüchtigen häufig vor. Melanies Ärztin, Kerstin Konrad, hat das bei vielen ihrer Patientinnen erlebt:

"Häufiger ist es so, dass zum Zeitpunkt der Aufnahme, wenn die Krankheit noch sehr virulent ist, die Patientinnen schon auch im Kontakt nicht so sehr präsent zu sein scheinen und ganz nach innen gekehrt sind und dann auch so soziale Hinweisreize aus der Umgebung häufig nicht mehr so mitbekommen oder dann auch an Gruppenaktivitäten Hinweise von anderen nicht mehr so sehr wahrnehmen, weil sie nicht so gut mehr wahrnehmen, sondern wirklich sehr mit den Themen im eigenen Kopf beschäftigt sind."

Die Frage, warum Magersüchtige Probleme im Umgang mit anderen Menschen haben, beschäftigt auch einige Wissenschaftler. Manche vermuten sogar, dass dahinter Mechanismen stecken, wie sie bislang nur von Autisten bekannt waren. Der Psychologe Martin Schulte-Rüther hat das Phänomen bei beiden Patientengruppen nun erstmals auch bei Magersüchtigen untersucht. Dazu hat er das Gehirn einiger Patientinnen im Kernspintomografen untersucht. Während der Untersuchung zeigte er ihnen einen kleinen Film auf dem geometrische Figuren, beispielsweise Dreiecke, sich bewegten.

"Man gewinnt den Eindruck, dass diese Figuren so interagieren, dass die sich Küssen, dass die miteinander Streiten, dass die voreinander weglaufen, dass die sich fangen wollen. Solche sozialen Situationen entdeckt man da drin."

Die Magersüchtigen Patientinnen hatten keine Probleme damit, dass dargestellte Verhalten richtig zu erkennen. Ihre Gehirnaktivität unterschied sich bei diesem Test allerdings trotzdem von der gesunder Studienteilnehmer. Die Hirnbereiche der Großhirnrinde, mit der Menschen gewöhnlich, Verhaltensweisen anderer deuten, waren weniger aktiv. Ähnliche Muster – nur viel ausgeprägter – haben Hirnforscher bei Autisten gefunden. Unklar ist im Moment noch, ob die betroffenen Hirnareale wieder normal arbeiten, wenn die Patientinnen wieder ihr normales Gewicht haben und sich ihr Stoffwechsel erholt hat.

"Um jetzt wirklich sicher zu sein, ob das jetzt eine Sache ist, die auch noch langfristig zu finden ist, müsste man jetzt noch langfristige Untersuchungen machen, wo über einen längeren Zeitraum das Gewicht jetzt noch gehalten wird."

Bislang konnten die Aachener Forscher um Martin Schulte-Rüther die Patientinnen erst einmal nach ihrer Entlassung untersuchen. Da hatten die jungen Frauen zwar schon wieder Normalgewicht, ihr Stoffwechsel und Hormonhaushalt hatte sich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht vollständig wieder erholt. Hormone aber beeinflussen auch die Aktivität des Gehirns. Deswegen wollen die Wissenschaftler eine weitere Untersuchung, ein Jahr nach der Entlassung durchführen. Kerstin Konrad sieht diesen Ergebnissen mit Spannung entgegen:

"Ich glaube, dass wenn wir da weiterkommen, dass wir das schon auch für die Therapie nutzen können. Das wir uns zum Beispiel überlegen können, ab welchem Stadium ist zum Beispiel eine Gruppentherapie sinnvoll. Ab wann profitiert eine Patientin davon, dass sie Feedback aus der Gruppe bekommt und wann ist sie möglicherweise damit doch noch überfordert, weil sie noch gar nicht soweit ist."

Melanie ist jedenfalls auf einem guten Weg. Sie hat in den letzten zwei Wochen schon 400 Gramm zugenommen. Und das freut sie.

"Bei mir ist es eigentlich so seit ich hier bin und auch schon vorher ein bisschen, dass ich verstanden habe, dass ich krank bin und es hat eigentlich klick gemacht im Kopf und ich weiß, dass ich krank bin und deswegen freue ich mich schon darüber."

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