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StartseiteEine WeltHungersnot im Schwellenland Mexiko21.04.2012

Hungersnot im Schwellenland Mexiko

Tarahumara-Indios kämpfen um ihre Existenz

Anfang dieses Jahres ging eine erschütternde Schlagzeile um die Welt: In Mexiko sollten sich 50 verzweifelte Indios kollektiv umgebracht haben. Es war eine Falschmeldung. Doch die Lebensbedingungen sind tatsächlich katastrophal.

Von Anne-Katrin Mellmann

Tarahumara-Indios warten auf Lebensmittellieferungen  (picture alliance / dpa / Alejandro Bringas)
Tarahumara-Indios warten auf Lebensmittellieferungen (picture alliance / dpa / Alejandro Bringas)

Manchmal kommen die Tarahumara, die verstreut in den übrig gebliebenen Waldgebieten leben, zu Fuß zur Kirche des Dorfes San Ignacio. So wie heute: Sie wollen feiern und gemeinsam mit dem Priester zum Gott der Christen beten. Das gehört mit zu ihrer Kultur. Manchmal übernimmt auch der siríamé die Funktion des Priesters. Er ist eine Art Landrat für mehrere Familien. Siríamé Juan Martínez glaubt, dass sie zu wenig gefeiert hätten. Auf ihren fiestas geben sie Gott Essen und Trinken, damit er Regen schickt.

"Manche wollen unsere alten Zeremonien nicht mehr. Aber ohne Feste wird es nicht regnen und alles wird noch mehr vertrocknen. Früher war es nicht so schlimm, aber jetzt gibt es nichts mehr. Unsere Ernte ist verdorrt. Wir essen nur noch zweimal am Tag: Mais, Bohnen - Fleisch eigentlich nie. Viele sind wegen des Hungers krank geworden, viele Kinder, und die stecken dann andere an."

Juan Martínez' Spanisch klingt holprig. Seine Muttersprache ist raramuri. Javier Ávila predigt in der Kirche von San Ignacio auf raramuri. Der Jesuitenpriester ist der einzige Mestize weit und breit, der die Sprache der Tarahumara spricht, die sich selber Raramuri nennen - Volk mit den leichten Füßen, weil sie die Felslandschaft des Kupfer-Canyons mühelos in Sandalen überwinden. So viele Kilometer durch das steile Gelände wie sie schafft kein chabochi, kein weißer Eindringling in ihre Welt. Auch Priester Ávila ist ein chabochi, dazu noch mit weißem Bart und weißem Haar. Er leitet das Menschenrechtsbüro der nordmexikanischen Region. Immer wieder hat er vor einem Ernährungsnotstand bei den Raramuri gewarnt. Nun bleibt der Regen seit einem Jahr aus:

"Es kommt immer wieder vor, dass es lange nicht regnet. Aber eine so lange und extreme Trockenheit ist nicht normal. Die Wasserstellen der Raramuri sind versiegt. Schuld daran ist u.a. die Abholzung der Wälder. Schau dich doch um: Hier gibt es kaum noch Bäume! Keiner schützt den Lebensraum der raramuri. Ganz im Gegenteil: Die Vernichtung der Wälder geht immer weiter."

Abholzung ist ein lukratives Geschäft der Mestizen. Ebenso der Bergbau: Immer neue Minen zerstören die Wälder. Drogenkartelle lassen in den abgelegenen Schluchten Mohn und Marihuana anbauen. Die Raramuri ziehen sich weiter zurück, betreiben ihre Subsistenzwirtschaft auf weniger fruchtbaren Böden.

In einer zwei Autostunden entfernten kleinen Klinik bekommen mangelernährte Patienten Hilfe. In letzter Zeit seien das mehr und mehr Erwachsene, berichtet die einzige Ärztin Maria Enriquez. Sie untersucht eine 52-jährige ausgemergelte Frau, die nur noch 35 Kilo wiegt.

"Mir tut der ganze Körper weh. Bei mir zu Hause haben wir nicht genug zu essen. Darum bin ich krank geworden."

Fleisch komme so gut wie nie auf den Tisch. Im ausgedünnten Wald leben kaum noch Tiere. Verhungern muss kein Raramuri, aber viele würden durch die mangelhafte Ernährung krank, erklärt Ärztin Enriquez:

"Meistens bekommen sie starken Durchfall und dehydrieren dadurch. Gerade ist uns ein drei Wochen altes Baby gestorben. Das haben wir oft, dass Patienten keinen Tag bei uns überleben. Die Mangelernährung erzeugt auch bei Erwachsenen schwere Krankheiten wie Tuberkulose, die wieder häufiger auftritt."

Viele Patienten haben Fußmärsche von bis zu zehn Stunden in glühender Hitze hinter sich, wenn sie in der Klinik ankommen. Die Ärztin kann manchmal nichts für sie tun. Sie hat keinen OP, nicht einmal ein Röntgengerät. Hilfe aus dem entwickelten, wohlhabenden Mexiko kommt hier kaum an. Erst als vor einigen Monaten eine Falschmeldung über kollektiven Selbstmord von verzweifelten Raramuri kursierte, erinnerte sich Mexiko an das indigene Volk hoch oben im Norden.

Im Touristen-Städtchen Creel, da, wo die weltberühmte Eisenbahn Chepe auf ihrem Weg an den Pazifik hält, wohnt Priester Ávila. Er registriert das Interesse der Besucher an dem indigenen Volk, aber auch ihr Mitleid und wie sie Almosen verteilen an die wenigen Raramuri, die nach Creel kommen. Vom wahren Leben in der verdorrten Sierra Tarahumara wüssten sie nichts, meint Ávila. Er hat zwar gesehen, wie in den weit abgelegenen Dörfern Lebensmittelpakete ankamen, aber die linderten die Not nur für ein paar Tage. Oft kamen Säcke mit Reis - für Raramuri, die vor allem Mais essen. Oder es kamen warme Hosen für Frauen, die nur ihre traditionellen leuchtend bunten Röcke tragen. Ihre Bedürfnisse seien den Mestizen fremd, so der Priester:

"Die Führer der Raramuri befürchten, dass ihre Leute nicht mehr arbeiten und nur noch auf die Hilfe der Regierung warten. Das ist entwürdigend. In Mexiko werden sie oft nur als Folklore gesehen. Im Gegensatz zu uns kennen sie kein Konsumdenken, kein Konkurrenzverhalten, Korruption oder Machtmissbrauch. Trotzdem behandeln wir sie mit einem gewissen Mitleid: 'arme Indiochen', oder ich höre Touristinnen sagen: 'Mach ein Foto mit mir und den kleinen Raramurilein.'"

Das ungleiche Verhältnis manifestiert sich da, wo Touristen sind. An der atemberaubenden Divisadero-Schlucht zum Beispiel, an der die Raramuri bis vor Kurzem ungestört lebten, haben Mestizen ein riesiges Hotel und eine Seilbahn gebaut. Zur Eröffnung wünschten sich die Betreiber tanzende Raramuri als Showeinlage. Aber die Halbnomaden lehnen diese Art der Entwicklung ab. Einige verkaufen heute handgemachte Souvenirs. Denn mit Geld lassen sich schlechte Erntezeiten überstehen. Aber jetzt kommen kaum noch Touristen – aus Angst vor der Gewalt: Zwei Drogenkartelle kämpfen um die Macht in der Region, die seit einigen Jahren zu den gefährlichsten in Mexiko zählt. Die Raramuri leben zwischen vielen Fronten. Dem Hunger können die Leichtfüßigen nicht entfliehen.

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