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Hungersnot in AfrikaDie Zeit der "weißen Retter" ist vorbei

Die Hungersnot in Afrika hat sich durch die Corona-Pandemie weiter verschärft. Doch Milliarden-Hilfen sind langfristig keine Lösung, kommentiert Leonie March - und fordert eine Afrika-Politik, die endlich das Wohl der Menschen anstatt nur die Begrenzung der Migration nach Europa in den Blick nimmt.

Von Leonie March

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Ein Mädchen aus Namibia hält eine leere Schüssel in der Hand (imago / Ute Grabowsky / photothek)
Die Angst vor dem Verhungern ist in Afrika vielerorts größer als die vor einer Corona-Infektion (imago / Ute Grabowsky / photothek)
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Eine Heuschreckenplage in Ostafrika, Dürren und Überschwemmungen infolge des Klimawandels im Südlichen Afrika, bewaffnete Konflikte im Sahel – schon diese kleine Auswahl verdeutlicht, wie vielfältig die Ursachen von Hunger und Mangelernährung auf dem afrikanischen Kontinent sind.

All diese Krisen haben sich durch die Corona-Pandemie weiter verschärft. Grenzen wurden geschlossen, Handelsketten unterbrochen, Ausgangssperren verhängt. Millionen Familien, die von der Hand in den Mund gelebt haben, stehen nun vor dem Nichts. Sie sagen: Die Angst vor dem Verhungern sei größer als die vor Corona. Die Not ist überall spürbar und von überwältigendem Ausmaß. Von einer "zweiten Pandemie" ist die Rede.

Wirtschaftsbeziehungen auf Augenhöhe

Keine Frage, viele Länder des Kontinents werden auf absehbare Zeit auf Hilfe angewiesen sein. Doch sie darf nicht nach dem Gießkannen-Prinzip verteilt werden, Milliarden-Beträge allein werden den Hunger nicht stillen. Lebensmittelhilfen sind in akuten Notlagen überlebenswichtig, aber langfristig keine Lösung. Die Zeit der "weißen Retter" ist nach Ansicht vieler Afrikaner vorbei, sie wollen sich selbst helfen. Zurecht. Dabei kann und muss der Westen sie unterstützen.

Das beginnt mit Wirtschaftsbeziehungen, die nicht nur auf dem Papier auf Augenhöhe liegen. Damit, dass Bürger endlich vom Rohstoffreichtum ihrer Heimat profitieren. Mit einem Ende des sogenannten Landgrabbings, bei dem sich internationale Investoren riesige landwirtschaftliche Flächen sichern. Mit weiteren Schuldenerlassen. Mit entschiedenen Maßnahmen gegen den Klimawandel. Mit einem Respekt vor lokalem Wissen. Mit einer Afrika-Politik, die tatsächlich das Wohl der Menschen und nicht allein die Begrenzung der Migration nach Europa im Blick hat.

Zivilgesellschaftliche Organisationen stärken

Und natürlich müssen auch afrikanische Regierungen umdenken und umlenken, ansonsten versickert jede gut gemeinte Hilfe. Misswirtschaft und Korruption tragen vielerorts ebenfalls zur prekären Ernährungslage bei. Geld fließt in die Städte statt in die Provinzen, Landflucht ist die Folge. Infrastrukturprojekte dienen oft dem Prestige statt beispielsweise dem Ausbau lokaler Lieferketten und Lagermöglichkeiten. Denn meist ist nicht die Summe der Lebensmittel das Problem, sondern deren gerechte Verteilung.

So hat sich beispielsweise in Südafrikas Lockdown gezeigt, dass Bürgerinitiativen und zivilgesellschaftliche Organisationen einen wesentlich besseren Überblick über die Ernährungslage der Bevölkerung haben als die Regierung. Sie haben bislang etwa die Hälfte aller Lebensmittelhilfen verteilt, teils auch gegen Widerstände des Staates.

Diese Graswurzel-Bewegungen gilt es zu stärken, die Netzwerke Freiwilliger, die Nachbarschaftshilfe leisten. Es gibt sie überall auf dem Kontinent. Ihr Credo lautet: In Zeiten physischer Distanz sei soziale Solidarität wichtiger als je zuvor. Das gilt auch für die Weltgemeinschaft.

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