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StartseiteKultur heuteHysterie auf der Bühne26.10.2012

Hysterie auf der Bühne

Michael Thalheimer inszeniert "Elektra" von Hugo von Hofmannsthals an der Wiener Burg

Hugo Hofmannsthals "Elektra" ist das Drama zweier in tödlichem Hass verstrickter Frauen: Mutter Klytämnestra und Tochter Elektra trachten einander gegenseitig nach dem Leben. Michael Thalheimer inszeniert das Stück radikal und beklemmend.

Von Günter Kaindlstorfer

Regisseur Michael Thalheimer (picture alliance / dpa - Tim Brakemeier)
Regisseur Michael Thalheimer (picture alliance / dpa - Tim Brakemeier)
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Thalheimers Beuteschema
Die Rache einer Frau
"La forza del destino"

"Allein. Ganz allein. Der Vater: fort."

Da steht sie nun, die rachelüsterne Elektra, und ruft ihren ermordeten Vater Agamemnon an.

"Es ist die Stunde. Unsere Stunde ist’s. Die Stunde, wo sie dich geschlachtet haben: dein Weib und der mit ihr in einem Bette, in deinem königlichen Bette schläft."

Es ist eine radikale, beklemmende Inszenierung, die sich Michael Thalheimer da im Burgtheater realisiert hat. Maßgeblichen Anteil daran hat Olaf Altmanns klaustrophobisches Bühnenbild. Der Bühnenvordergrund ist mit einer schwarzen Wand verriegelt. Eingelassen in die Schwärze ist einzig und allein ein schmaler, schräger Schlitz, eine Art Entlüftungsschacht. In diesem Schacht, einem mehr als gedrängten Ambiente, spielt sich das eineinhalbstündige Geschehen ab, in mörderischer Enge versucht Elektra ihre zaudernde Schwester Chrysothemis zu überreden, die gemeinsame, gattenmörderische Mutter hinzumetzeln, auf dass der Tod des Vaters gesühnt werde.

"CHRYSOTHEMIS: Lass mich!
ELEKTRA: Was du jetzt an Schaudern überwindest, wird vergolten mit Wonneschaudern Nacht für Nacht.
CHRYSOTHEMIS: Ich kann nicht.
ELEKTRA: Sag, dass du kommen wirst.
CHRYSOTHEMIS: Ich kann nicht!"

Es ist eine dionysische, hysterische, exzessive Antike, die Hugo von Hofmannsthal da auf die Bühne bringt, Lichtjahre entfernt von edler Einfalt, stiller Größe. Als der Wiener Ästhetizist sich in der ersten Jahreshälfte 1903 daran wagte, den Elektra-Stoff für die Moderne fruchtbar zu machen, war er von Nietzsche ebenso beeinflusst wie von den Hysteriestudien Freuds, die er kurz zuvor gelesen hatte. Christiane von Poelnitz gibt die Elektra im Burgtheater als Heroine der Dissonanz. Die Schauspielerin bewundert vor allem die archaisierende Modernität des Hofmannsthalschen Einakters.

"Wenn man Euripides, Aischylos, Sophokles und Hofmannsthal vergleicht, finde ich den Hofmannsthal einfach sensationell. Allein die Bilder, die der da entwirft! Die zentralen Hauptworte des Stücks sind ja Auge, Wort, Tat und Blut – ich weiß nicht, was der getrunken haben muss, dass ein solcher Text entsteht. Das ist schon ungeheuerlich, die Kraft, die diese Sprache hat."

Hofmannsthals "Elektra" ist das Drama zweier in tödlichem Hass verstrickter Frauen: Mutter Klytämnestra und Tochter Elektra trachten einander gegenseitig nach dem Leben.

"In dem Moment, wo man auf seine Eltern trifft, oder in dem Fall auf die Mutter, wird man ja automatisch wieder zum Kind. Man spricht eine Terz höher, und natürlich ist immer die Angst im Raum, wer bringt jetzt wen um? Es kann ja sein, dass die Mutter jetzt auf einmal das Messer auspackt. Was mich so fasziniert, ist diese Anspannung: Die Figur Elektra lässt einfach nie los. Und dann, wenn sie einmal loslässt, und die Augen schließt am Schluss, dann ist es eben vorbei."

"Sausend fällt das Beil, und ich steh da und seh dich endlich sterben!"

Christiane von Poelnitz als Elektra zieht alle Register. Eineinhalb Stunden lang hasst, flucht, überredet und verführt sie, eineinhalb Stunden lang spreizt, verrenkt und windet sie sich in dem ihr zugedachten Entlüftungsschacht, mit weiß geschminktem Gesicht und Kajal geschwärzten Augenrändern. In rachedurstiger Raserei drängt sie ihren Bruder Orest zum Muttermord. Am Ende, nachdem die blutige Tat vollbracht ist, überbringt Schwester Chrysothemis die frohe Botschaft.

"Überall, in allen Höfen, liegen Tote. Alle, die leben, sind mit Blut bespritzt und haben selbst Wunden, und doch strahlen alle."

Michael Thalheimer ist eine straffe, in jeder Hinsicht überzeugende Inszenierung gelungen. Dass uns Hofmannsthals Elektra in ihrem monomanischen Rachedurst doch schon etwas fremd geworden ist, dafür darf man weder den Regisseur noch seine fulminante Hauptdarstellerin verantwortlich machen.

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