Mittwoch, 26.06.2019
 
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Ian Kershaw"Achterbahn"

Vor drei Jahren veröffentlichte Ian Kershaw den ersten Band seiner Geschichte Europas im 20. Jahrhundert unter dem Titel „Höllensturz“. Nun legt der britische Historiker den zweiten Teil vor. In „Achterbahn“ beschreibt er die Entwicklungen von 1950 bis heute. Die Briten kommen dabei nicht gut weg.

Von Otto Langels

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Hintergrund: Ian Kershaw am 15.3.2012;  Buchcover: Achterbahn, Deutsche Verlags-Anstalt (Buchcover Deutsche Verlags-Anstalt/ Hintergrund picture alliance / Arno Burgi)
Der Historiker Ian Kershaw beschreibt in seinem Buch "Achterbahn" das Auf und Ab Europas von 1950 bis heute (Buchcover Deutsche Verlags-Anstalt/ Hintergrund picture alliance / Arno Burgi)
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Ian Kershaw hat das Bild einer Achterbahnfahrt gewählt, um die Geschichte Europas von 1950 bis heute zu veranschaulichen. Der bekannte englische Historiker räumt selber ein, dass er sich damit einer nicht ganz unproblematischen Metapher bedient, fährt doch eine Achterbahn trotz allen Nervenkitzels auf festen Schienen zu einem bekannten Ziel. Passt die Assoziation eines Vergnügungsparks zu den existenziellen Krisen der europäischen Geschichte seit 1950?

"Die Achterbahnfahrt erfasst die Wechselhaftigkeit, die atemberaubenden Augenblicke und das Gefühl, von unbeherrschbaren Kräften mitgerissen zu werden, die, wenn auch auf unterschiedliche Weise, praktisch alle Europäer in diesen Jahrzehnten erlebt haben."

Atemberaubender materieller Fortschritt

Auch wenn Europa im Vergleich zu den vorherigen Katastrophen von zwei Weltkriegen anschließend in ruhigeres Fahrwasser gelangte, so blieben doch die Spaltung des Kontinents und die Angst vor einem Atomkrieg beherrschende Themen der Nachkriegsjahrzehnte. Ian Kershaw, der sich unter anderem mit einer zweibändigen Hitler-Biographie einen Namen als herausragender Geschichtsschreiber gemacht hat, verweist auf den atemberaubenden materiellen Fortschritt und den ungeheuren wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandel, der alles übertraf, was man aus früheren Friedenszeiten kannte. Und doch prägte der Kalte Krieg, der jederzeit in einen heißen Krieg umschlagen konnte, lange Zeit das Bewusstsein der Menschen und das Handeln der Politiker, dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs. Deutschland spielt dabei in den Betrachtungen des Autors eine herausgehobene Rolle.

"In dem Land, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehr als alle anderen dafür getan hatte, den Kontinent zu zerstören, waren die Veränderungen besonders tiefgreifend. Es spielte eine zentrale Rolle bei der wirtschaftlichen Erholung nach dem Krieg, im Kalten Krieg, bei der Ausweitung der europäischen Integration, (…) in der Migrationskrise und bei den noch in den Anfängen steckenden Reformen der Europäischen Union nach den jüngsten ernsten Belastungen."

Während Ian Kershaw die Entwicklung Westdeutschlands mit Wohlwollen verfolgt, geht er mit seinem Heimatland kritisch um. Er beschreibt Großbritannien als störrischstes EU-Mitglied, Boris Johnson als "Schnösel mit einem Gespür für die Massen" und Theresa May als eher passive "Remainerin", die mit dem Eifer einer Frischbekehrten ihr nichtssagendes Mantra "Brexit bedeutet Brexit" wiederholte. Der Brexit, so Ian Kershaw, war der größte Akt nationaler Selbstbeschädigung in der Nachkriegsgeschichte.

"Der langfristige Niedergang Großbritanniens war Folge einer politischen Haltung, die weitgehend von der imperialistischen Tradition des Landes, dessen früherer wirtschaftlicher Vormachtstellung und den Beziehungen zu Amerika und dem Commonwealth, die den Verbindungen zum Kontinent vorgezogen wurden, geprägt war."

9/11 als Zäsur auch für Europa

Europa blieb - im Gegensatz zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts - nach 1945 von verheerenden Kriegen verschont. Zwar gab es dramatische Einbrüche und Wendepunkte wie den Mauerbau 1961, die Ölkrise 1973 oder den Mauerfall 1989, aber nach 1990 schien der Kontinent einer neuen, friedlichen Ordnung entgegenzusteuern.

"Die Erleichterung darüber, dass Europa seine eigene katastrophale Vergangenheit überwunden hatte und jetzt – wobei man Jugoslawien geflissentlich außer Acht ließ – von solchen Ereignissen verschont blieb, war ein verbreitetes, wenn auch zumeist unausgesprochenes Gefühl. Diese Selbstzufriedenheit sollte bald erschüttert werden. Hatte Europa in vorangegangenen Jahrhunderten, insbesondere im Zeitalter des Imperialismus, Gewalt auf andere Kontinente exportiert, bekam es nun zu spüren, wie es ist, wenn die Gewalt zurückschlägt."

9/11, der Anschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001, war nicht nur für die USA, sondern auch für Europa eine Zäsur, gefolgt von der - in den Augen Kershaws - verheerenden Fehlentscheidung der USA, in den Irak-Krieg zu ziehen. Was dann kam, ist hinlänglich bekannt: der dschihadistische Terror des sogenannten Islamischen Staates, die Destabilisierung des Nahen Ostens, der syrische Bürgerkrieg und die anschließende Fluchtbewegung Richtung Europa.

Ian Kershaws Darstellung überzeugt nicht nur durch ihren Detailreichtum, sondern auch durch die Einordnung wichtiger Ereignisse in größere Zusammenhänge. Der Autor erweist sich als exzellenter Kenner der historisch relevanten Vorgänge; er bezieht aber auch die Kultur von der Musik über die Literatur bis zum Film in seine Betrachtungen ein, sei doch, so Kershaw, die Kultur ein Fenster zur Seele einer Gesellschaft. So schreibt er über den Jugendkult der 1960er Jahre:

"Eine auf die unmittelbare Gegenwart fokussierte Populärkultur und ein Leben in der Zuversicht, dass die Zukunft eine bessere Welt bereithalte, trugen zu einer Umwälzung der sozialen Werte bei, die sich in einem Tempo vollzog wie wohl nie zuvor in der Geschichte. Mit ihrem Drang nach einem schnelleren und umfassenderen Wandel stellte diese jüngere Generation (…) eine Herausforderung für die bestehende gesellschaftliche und politische Ordnung im Osten wie im Westen des Eisernen Vorhangs dar."

Erschüttertes Vertrauen in friedliche Zukunft

Wenn an Ian Kershaws Darstellung etwas zu kritisieren ist, dann der Vollständigkeitsanspruch. Auf mehr als 800 Seiten skizziert er nicht nur die großen Linien und entscheidenden Phasen der europäischen Geschichte, er beschreibt die historische Entwicklung jedes einzelnen Landes, von Griechenland bis Norwegen, von Portugal bis Russland.

Kershaws Fazit fällt zwiespältig aus: Europa sei ein weitgehend friedlicher Kontinent geworden, zivile Werte hätten militärische verdrängt, eine Rückkehr zu Kriegslüsternheit und Aggression wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seien heute unvorstellbar. Und doch erschütterten der Ausbruch von Gewalt auf dem Balkan und in der Ost-Ukraine das Vertrauen in eine friedliche Zukunft. Europa stehe – wie die übrige Welt - vor gewaltigen Problemen:

"Klimawandel, Demographie, Energieversorgung, Massenmigration, Spannungen des Multikulturalismus, die größer werdende Einkommenskluft und die Gefahr weltweiter Konflikte. Wie gut Europa für die Bewältigung dieser Probleme gewappnet ist, lässt sich kaum sagen."

Am Ende bleibt Ian Kershaw nur die Empfehlung, dass der europäische Konvoi in gefährlichen Gewässern am besten zusammenbleibe und es vermeide, auseinanderzudriften. Die Achterbahnfahrt geht weiter.

Ian Kershaw: "Achterbahn. Europa 1950 bis heute",
aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt, Deutsche Verlags-Anstalt, 832 Seiten, 38 Euro.

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