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StartseitePolitische Literatur (Archiv)"Ich bin der Idiot, der mit Zettel und Stift durch die Gegend läuft"04.09.2006

"Ich bin der Idiot, der mit Zettel und Stift durch die Gegend läuft"

Denis Johnson berichtet von blutigen Konflikten in Afrika

Auf dem afrikanischen Kontinent haben sich blutige Konflikte entwickelt, die in den westlichen Medien kaum noch wahrgenommen werden. Einer, der sich in einige dieser Höllen vorgewagt hat, ist der US-amerikanische Schriftsteller Denis Johnson. Als er von US-amerikanischen Magazinen 2001 gebeten wurde, nach Liberia und Somalia zu reisen, dürfte ihn auch die existenzielle Gefahr dieser Reisen gereizt haben. Dass ihn Joseph Conrads 'Herz der Finsternis' beeinflusst hat, ist in seinem jetzt erschienen Buch "In der Hölle" nicht zu überlesen. Jochen Stöckmann stellt es vor.

Kriegsherr, dann Staatspräsident: Charles Taylor (AP)
Kriegsherr, dann Staatspräsident: Charles Taylor (AP)

Seine Reisen durch Afrika, ins Innere Somalias und nach Liberia, sie müssen Denis Johnson wie ein einziger schlechter Drogen-Trip vorgekommen sein - auch wenn der einstige Junkie zum Zeitpunkt dieser Reportagen längst ein erfolgreicher und vom renommierten New Yorker unter Vertrag genommener Schriftsteller war. Johnson trifft 1992 nach wochenlanger Irrfahrt durch das von Bandenkriegen und nigerianischen Bombenangriffen verwüstete Liberia auf Charles Taylor, einen der Kriegsherren, der sich zum Staatspräsidenten hat ausrufen lassen. Inmitten seiner Kindergarde, bis an die Zähne bewaffneter und ihrem "chief" treu ergebener Vollwaisen, gewährt Taylor dem US-Journalisten ein Interview - und lässt dazu erst einmal einen Gefangenen, einen angeblichen Bomberpiloten aus Nigeria vorführen:

"Seine Schultern waren ausgekugelt, die Ellbogen hinter seinem Rücken mit einem Gummiriemen zusammengebunden, den sie ihm außerdem um den Hals geschlungen hatten, um seinen Kopf möglichst weit nach hinten zu ziehen.

Ich sagte: "Wann wurde er gefangen genommen?" Gott helfe mir. Das habe ich gesagt.

Sein Gesicht und sein Kopf waren voll blutiger Schrunden und eiternder Fleischwunden, ein paar seiner Zähne waren ihm ausgeschlagen und beide Lippen gespalten. Eigentlich war sein ganzer Körper geschwollen; die Haut glänzte gelblich und platzte an manchen Stellen auf wie die Schale einer Frucht."


Das sind düstere, grausame Szenen, die aber durch Johnsons surreale Schilderung eine ganz eigene, irrsinnig-morbide Anziehungskraft entwickeln. Und damit jene Voraussetzung für wirkungsvolle, also abschreckende Kriegsreportagen erfüllen, die der deutsche Autor Ernst Kreuder 1946 einforderte, als nicht Afrika, sondern Europa in Schutt und Asche lag:

"Ich glaube, von allen Kriegsschilderungen, die ich je gelesen habe, hat mich das Kapitel aus der "Reise bis ans Ende der Nacht" von Céline am meisten begeistert. Es ist unübertrefflich desillusionierend. Man kann das Kotzen kriegen dabei, und so soll es sein."

Will der Schriftsteller sich behaupten im stetig quirlenden Strom der Nachrichtenbilder, der ewig gleichen Schockfotos, dann muss sein Text eigene Sogwirkung entfalten. Das gelingt Johnson, und er zerstört darüber hinaus jene tröstliche Gewissheit, dass es sich hier ja nur um ein fiktives Grauen handele. Man sieht dem Autor beim Verfertigen des Textes förmlich über die Schulter, steht als Leser - im Gegensatz zum Fernsehzuschauer - direkt neben dem Reporter, teilt dessen Hilflosigkeit nach einem Bombenangriff:

Überall lagen blutige Gegenstände herum, und die Blutspuren im Gras sahen aus, als wären geschlachtete Schweine über den Rasen gezerrt worden. Ein paar Dutzend Leute beobachteten mich die ganze Zeit, während ich so tat, als hätte ich irgend etwas zu untersuchen, und auf meinen Notizblock schrieb: "Und ich bin der Idiot, der mit Zettel und Stift durch die Gegend läuft, und es gibt nichts, nichts, nichts anderes, was ich tun kann."

Da ist nichts mehr zu spüren von jener selbstgefälligen Gewissheit eines Ernest Hemingway, der sich 1936 in Spanien und danach im Zweiten Weltkrieg allzeit auf der richtigen Seite wusste. Johnson macht sich aber auch los vom Pop-Idol Hunter S. Thompson und dessen beißend-ironischen Persiflagen auf Starreporter, die nur gekonnt große Gesten und glanzvolle Attitüden ihres Metiers kopieren. Johnsons Geschichte vom "Anarchisten-Führer durch Somalia" allerdings basiert noch auf der mittlerweile fast klassischen Brechung des auktorialen Blicks, die Hunter S. Thompson virtuos beherrschte: Der Reporter figuriert als dritte Person, als gemäßigt tumber US-Amerikaner namens Mike. Er gibt sich für einen deutschen Brunnenbauer aus, um mit schwerbewaffneten, vom Rauschgift Khat benebelten Somalis durch die Wüste nach Mogadischu zu kommen und an ein Interview mit dem Warlord Aidid zu gelangen.

Die Somalier mögen Wasser, und sie mögen die Deutschen. Sehr viel lieber als die Amerikaner jedenfalls.

Derartige Klischees und Mystifikationen streut Johnson immer wieder ein. Ein Begleiter, Offizier der Rebellenarmee, ist angeblich vom israelischen Mossad zum Experten für "taktischen Terror" gedrillt worden. Und hinter dem Steuerknüppel der nigerianischen Bomber sitzen - so wiederholen die Liberianer gebetsmühlenartig - US-amerikanische CIA-Agenten. Dieses verwirrende Spiel mit Fiktionen, die als Propaganda und Gerücht den Alltag jedes Bürgerkriegs prägen, weicht in Johnsons literarischer Reportage allmählich der gedankenschweren, fast existentialistischen Suche nach dem, was die Menschen tatsächlich antreibt - und überleben lässt:

Das Leben ist hart im Ogaden, doch im Gegensatz zu all den anderen, die an Krankheiten, vor Hunger, bei Massakern und in Schlachten gestorben sind, haben diese Leute einen weiteren Tag überlebt. Sie sind in eine Zufriedenheit getaucht, die in diesem Augenblick ewig erscheint. Vielleicht, denkt der Schriftsteller bei sich, liegt der geheime Weg zum Glück darin, eine Menge toter Menschen zu kennen.

Über dieses "Denken" gelangt Johnson selten hinaus. Denn nicht die aktive Recherche, sondern das melancholische Sichtreibenlassen scheint ihm das angemessene Verhalten auf seine abenteuerliche Reisen ins "Herz der Finsternis", zu Prince Johnson, Charles Taylor oder General Aidid, den einzig identifizierbaren Akteuren in einem blutigen Krieg ohne sichtbare Fronten. Apokalyptische Gestalten kreuzen Johnsons Weg, mal mit knallrotem Barett, dann mit blonden Kunsthaarperücken ausstaffiert, stets ausgerüstet mit Kalaschnikow oder Raketenwerfer. Von "Guerillas" schreibt der US-amerikanische Autor, "Partisanen" heißen sie durchgängig in der deutschen Übersetzung. Keine Rede von Terroristen oder Banden, von Söldnern oder Freischärlern. Und auch keine Frage danach, für welche Sache diese einstigen Stammeskrieger nun ihren Kopf hinhalten. Johnson sucht statt dessen Orientierung in der Bibel:

Es fällt mir nicht leicht, darin zu lesen, denn im Augenblick lebe ich selbst in einer Welt der Krüppel und Monster, einer Welt der verzweifelten Hoffnung auf einen wütenden Gott. Aber auch einer Welt der Wunder und der Erlösung. Man nehme die Erfindung der Kalaschnikow im Jahre 1947 hinzu, und das Leben wird spannend. Es ist schwer, die Apostelgeschichte zu lesen, wie ich es getan habe, und sich dabei zu vergegenwärtigen, dass die Dinge seit Anbeginn der Schöpfung so sind. Es rüttelt an den Grundfesten des Glaubens - meines Glaubens jedenfalls.

Wenn ein Schriftsteller - im Gegensatz zum Journalisten - laut und vernehmlich "ich" sagt, dann beglaubigt er damit seinen subjektiv gefärbten Text als besondere Synthese von Recherche und Reflektion, ganz gleich, ob man das nun einfach eine "Geschichte" nennt, ein "Feature" oder eine "Story". Die literarische Technik spiegelt eine Art, die Welt zu sehen und zu begreifen. Wenn etwa der somalische Schriftsteller Nuruddin Farrah "Stimmen eines zerstreuten Volkes" sammelt, dann beginnt auch er sein Buch mit einem autoritativen "ich" - aber nur, um sich selbst im Verlauf des Textes zurückzunehmen, die eigenen Beobachtungen und Vermutungen im Dialog mit seinen Landsleuten zu entwickeln, zu korrigieren.

Denis Johnson hat sein Panoramabild von Afrika am Ende zwar mit einigen individuell gut getroffenen Porträts angereichert, im Großen und Ganzen aber ist es beim einmal fixierten Klischee des "dunklen", von Kriegen wie von einer Naturgewalt heimgesuchten Kontinents und seinen von der Gewalt als quasi anthropologischer Ur-Konstante erschütterten Stammesgesellschaften geblieben:

Das Vergewaltigen, Plündern und Morden war hier nicht schrecklicher als in anderen Bürgerkriegen; insofern jedoch die Gräuel dieses Krieges durch die Fäden des Aberglaubens mit gewissen dunklen Mächten verknüpft waren, bekamen sie etwas Unergründliches und umso grausigeres.


Es ist diese Faszination für das düster Romantische, die den Schriftsteller daran hindert, in den Kriegs- und Krisenphänomenen das Wesen, die grundlegende Problematik von afrikanischen Gesellschaften zu erkennen. Denis Johnson spricht diesen Gesellschaften jede Zukunft als demokratischer Nationalstaat rundweg ab - mit brillanten Formulierungen und in kraftvoll ausgemalten Bildern:

Da und dort grasen kleine Ziegenherden, ja sogar Kamele, mit denen die Lebensweise der Nomaden wie der ewige Sand, aus der Wüste, den Dünen, dem Mittelalter wieder in die Stadt zurückweht, als wäre das urbane zwanzigste Jahrhundert nur ein Flimmern auf dem Bildschirm der Hitze, eine sonderbare, gespenstische Fata Morgana ...

Denis Johnson: In der Hölle. Blicke in den Abgrund der Welt
Tropen Verlag 2006, 186 Seiten, Euro 16,80

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