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StartseiteKalenderblatt"Ich bin kein Reformfanatiker"21.05.2009

"Ich bin kein Reformfanatiker"

Vor 40 Jahren wurde Heinz Oskar Vetter DGB-Chef

Der Gewerkschafter Heinz Oskar Vetter gehört zur Generation, die nach Kriegsdienst und Gefangenschaft in der Bundesrepublik den Wiederaufbau trug. Der ehemalige Luftwaffenoffizier ging 1946 in den Bergbau. 20 Jahre später wählte ihn der DGB-Kongress zum Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Von Wolfgang Stenke

"Ich glaube, die Urteile über die Gewerkschaften wie 'stabilisierender Faktor' und 'angepasst' usw., das sind nicht die Auffassungen, die die Gewerkschaften von sich selber haben. (...) Wenn man Reformen als eine Treppe ansieht, die möglicherweise breite Stufen auch der Ruhe hat, aber sich nach oben weiterentwickelt, dann ist das so die Zielsetzung der Gewerkschaften, ihre Aufgabe zu erfüllen."

Er war nicht gerade ein glänzender Redner, dieser Heinz Oskar Vetter, der am 21. Mai 1969 in München mit knapper Mehrheit zum Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes gewählt wurde. Vetter, damals 51 Jahre alt und stellvertretender Vorsitzender der IG Bergbau, galt als "Mann aus der zweiten Reihe", der den Chefs der mächtigen Einzelgewerkschaften gut ins Konzept passte. Kurt Gscheidle von der Postgewerkschaft, der den DGB-Vorsitz eigentlich hätte übernehmen sollen, hatte sich nämlich nach der Nominierung bei den gewerkschaftlichen Stammesfürsten unbeliebt gemacht: Er wollte die Stellung der Zentrale durch Reformen stärken. Dass Gscheidle im März 1969, ausgerechnet am Vorabend der Bundespräsidentenwahl, im Berliner Rotlichtmilieu unter die Räuber fiel, war ein willkommener Vorwand, ihm den DGB-Vorsitz zu verweigern. - Die "Zeit" schrieb damals:

"Vetter gewann mit dem schlichten Bekenntnis: 'Ich bin kein Reformfanatiker. (...) Seine Wähler wissen, dass der neue DGB-Vorsitzende nicht ausgezogen ist, um am Besitzstand des gewerkschaftlichen Establishments zu rütteln."

6,5 Millionen Mitglieder hatte damals der DGB. Als Vetter 1982 den Vorsitz wieder abgab, waren es 7,8 Millionen. Eine 13-jährige Amtszeit hätte ihm, den manche anfangs als "Heinz Null Vetter" verlästerten, kaum jemand zugetraut. Doch der gebürtige Bochumer, der sich vom Grubenschlosser zum Gewerkschaftssekretär und dann in den Vorstand der IG Bergbau hochgearbeitet hatte, gewann schnell an Profil. Nachdem in Bonn die sozialliberale Koalition unter Brandt und Scheel angetreten war, kämpfte er zäh für die paritätische Mitbestimmung und die Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivvermögen. Auf die Verfassungsbeschwerde der Arbeitgeber gegen das Mitbestimmungsgesetz antwortete Vetter 1977 demonstrativ mit dem Ausstieg des DGB aus der "Konzertierten Aktion" – eine Art runder Tisch aus Vertretern von Politik, Kapital und Arbeit. Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes, das 1979 die Beschwerde der Arbeitgeber abwies, kommentierte Vetter auf seine etwas gewundene Art:

"Wenn die Unternehmer begreifen, dass hier eine gemeinsame Betrachtung dieses Komplexes möglich und notwendig ist, dann glaube ich, dann können wir auch im Sinne der Funktionsfähigkeit der Unternehmen, die das Gericht ja verlangt, geradezu eine Garantie geben."

Heinz Oskar Vetter verkörperte die gewerkschaftliche Seite des "Modells Deutschland": ein pragmatischer sozialstaatlicher Kompromiss, der den Konflikt zwischen Kapital und Arbeit zu entschärfen versuchte. Angesichts von Globalisierung, stetiger Rationalisierung und wachsender Arbeitslosigkeit geriet dieses Modell ab den 1980er-Jahren immer mehr unter Druck. Kurz bevor Vetter 1982 aus Altersgründen den DGB-Vorsitz abgab, waren zudem die genossenschaftlichen Unternehmen, die traditionell die wirtschaftliche Säule des deutschen Arbeiterreformismus bildeten, in die Krise geraten. Im Wohnungsbaukonzern "Neue Heimat" hatte der Vorstand sich Millionen in die eigene Tasche gesteckt und durch Spekulationsgeschäfte 17 Milliarden DM Schulden gemacht. Vetter, als DGB-Chef zugleich Vorsitzender des Aufsichtsrates, hatte davon nichts bemerkt. Unmittelbar nach Aufdeckung des Skandals durch den "Spiegel" entließ er den Chef der neuen Heimat, Albert Vietor:

"Zur Aufrechterhaltung der laufenden Geschäfte wird ein Interimsvorstand bis zur Klärung der Vorwürfe unverzüglich berufen."

Die "Neue Heimat" musste unter Milliarden-Verlusten liquidiert werden. Vetter, der persönlich nicht in den Skandal verstrickt war, widmete sich nach dem Abschied vom DGB-Vorsitz als Abgeordneter im Straßburger EU-Parlament der Europa-Politik. Er starb am 18. Oktober 1990.

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