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StartseiteComputer und Kommunikation"Ich glaube, wir werden drei Arten von digitalen Archiven haben"06.10.2012

"Ich glaube, wir werden drei Arten von digitalen Archiven haben"

Die Deutsche Digitale Bibliothek steht im Schatten der Europeana

Auch wenn die Deutsche Digitale Bibliothek noch immer große Schwierigkeiten hat, glaubt Wissenschaftsjournalist Maximilian Schönherr daran, dass sie sich irgendwann etablieren wird. Allerdings wird es das Projekt schwer haben – nicht zuletzt aufgrund von Alternativen wie Google Books oder der Europeana.

Unter Archivaren umstritten: Google Books (google)
Unter Archivaren umstritten: Google Books (google)

Manfred Kloiber: Eigentlich wollte doch Kulturstaatsminister Bernd Neumann schon jetzt im Herbst einen prächtigen Start verkünden und keine Betaversion präsentieren, Maximilian Schönherr.

Maximilian Schönherr: Ja. Das Ministerium hat sich krass verschätzt. Und ich glaube, es war geblendet von den großen semantischen "Versprechungen" des Fraunhoferinstituts. Aber, Manfred Kloiber, ich denke mir: Wie soll die semantische Suche im großen Stil von so einem kleinen Forschungsinstitut aus klappen, wenn Google es nicht einmal hinkriegt. Abgesehen davon ist die Deutsche Digitale Bibliothek unterfinanziert. Es werden dann vergleiche mit anderen Nationalbibliotheken herangezogen, die aber nicht so richtig greifen, also Deutsche Nationalbibliothek für den Aufbau der digitalen Bibliotheken – ein paar Millionen. Während die Franzosen gleich ein paar hundert Millionen bereitstellen. Aber es ist wirklich nicht vergleichbar, weil unsere Nationalbibliothek aus dem föderalen System kommt. Ich glaube, es ist ein bisschen wie bei der Lkw-Maut – die funktionierte ja auch anfangs nicht und dann mit ziemlich vielen Fehlern und heute ziemlich gut. Die Deutsche Digitale Bibliothek wird kommen. Als Teil der Europeana muss sie nun darauf achten, dass sie nicht unter dem europäischen Dach unauffällig wird. Denn was die Europeana inzwischen anbietet, ist schon beeindruckend.

Kloiber: Es wird viel Kunst gescannt, Texte werden gescannt: Wie sieht eigentlich die Rechtelage dabei aus? Ich kann ja nicht einfach alles scannen und ins Internet stellen.

Schönherr: Genau. Also die Rechtelage ist bei staatlichen Behörden ganz klar das strenge Gesetz, das Grundgesetz, das Strafgesetzbuch, das Urheberrecht. Und es ist in allen EU-Ländern bibliotheksmäßig im Prinzip gleich. Wenn der Autor eines Werks lange genug tot ist, erlischt das Urheberrecht daran. Pi mal Daumen ist also alles, was vor 1920 veröffentlicht wurde, frei. Das ist der Grund, warum die Deutsche Nationalbibliothek, die ja auch erst 100 Jahre alt ist, praktisch nichts digitalisiert hat. Ich war selber erschrocken, als ich dort war, als ich das hörte. Aber es ist einleuchtend. Online kann man bei der Nationalbibliothek die Bibliotheksbestände sehr gut recherchieren, aber um einzelne Dokumente zu lesen, muss man dann hingehen. Und das ist eine lange Fahrt mit Risiken, weil man dann vielleicht ja doch nicht das findet, was man eigentlich lesen wollte.

Kloiber: Die EU hat ja eine Richtlinie zum Umgang mit "verwaisten Werken" herausgegeben. Worum geht es da?

Schönherr: Es geht um das gesamte 20. Jahrhundert Literatur. "Verwaist" heißen diese Werke, weil sie zwar in den Bibliotheken liegen, aber man die Autoren, von denen viele ja noch leben, persönlich ansprechen müsste, um die Rechte für die Internet-Veröffentlichung zu klären. Dass wir heute ein historisch tolles Grundlagenbuch über sagen wir mal Turbopascal aus den 1980er-Jahren nicht online lesen können, liegt daran, dass es ein verwaistes Werk ist. Der Verlag hat damals keine Veröffentlichungsklausel fürs Internet eingebaut.

Kloiber: …weil es das World Wide Web eben damals noch nicht gab.

Schönherr: Genau. Und weil es heute keiner Bibliothek zuzumuten ist, an jeden einzelnen Autor heranzutreten, um diese Rechte einzuholen. Und mit dieser neuen Richtlinie über verwaiste Werke wird das wesentlich einfacher gehen. Ich habe manchen Medienwissenschaftler und Archivar von einer Revolution reden hören. Und diese Leute sprechen ja nur ganz selten von Revolutionen.

Kloiber: In diesem Zusammenhang: Welche Rolle hat eigentlich Google mit seinem Google Books? Das ist ja auch ein riesiges digitales Archiv.

Schönherr: Also, da ist die Community der Archivare und Dokumentare sehr gespalten. Die einen sagen, ohne Googles Vorpreschen wären wir bibliothekarisch noch in der Steinzeit. Andere, wie die Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek, Elisabeth Niggemann, mit der ich sprach, hält vieles, was Google hier veröffentlicht, nicht für urheberrechtlich korrekt. Vor allem aber ist ihr die Monopolstellung von Google nicht geheuer.

Kloiber: Wohin geht es denn Ihrer Meinung nach auf dieser digitalen Reise mit den Archiven?

Schönherr:
Also wir werden in Zukunft immer mehr online recherchieren können. Da ist die Europeana ein wunderbares Zeichen dafür. Ich glaube, wir werden drei Arten von digitalen Archiven haben. Das eine sind Privatfirmen, nämlich die sozialen Netze. Google Books gehört dazu, Bing Bilder, YouTube-Videos. Aber die kann man quasi nicht recherchieren. Das ist ein Chaos. Das zweite ist die Wikipedia für seriöse Quellenfindungen. Und die dritte Säule sind unsere Archive, die immer mehr ins Internet strömen und wo wir einen reichhaltigen Rechercheaufwand betreiben können und die Früchte auch im Internet ernten können. Und wichtig ist, dass wir wissen, dass diese Bibliotheken sozusagen immer lokal sitzen und es nur ins Internet einspeisen. Also es gibt da die lokalen Bibliotheken nach wie vor.


Weiteres zum Thema:

"Deutschlands kulturelles Gedächtnis auf dem Weg ins digitale Zeitalter" (Wissenschaft im Brennpunkt vom 29.4.12)

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