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StartseiteAls stünde die Zeit still …"Ich habe versucht, es zu verdrängen"27.04.2005

"Ich habe versucht, es zu verdrängen"

Friedrich Nowottny über die chaotischen Monate nach Kriegsende

Friedrich Nowottny, geboren am 16. Mai 1929 in Oberschlesien, kam noch in den letzten Kriegsmonaten als Jugendlicher an die Ostfront. Das Deutsche Reich lag in Agonie. Im Herbst 1944 hatten sowjetische Truppen den Weichselbogen erreicht. Am 12. Januar 1945 begannen sie den entscheidenden Vorstoß Richtung Berlin. Mit Durchhalteparolen hatte die NS-Führung bis zuletzt die Evakuierung der deutschen Zivilbevölkerung im Osten verboten. Beim Heranrücken der Roten Armee ergriffen nun Millionen Menschen die Flucht. Auch Friedrich Nowottnys Mutter und Schwester verließen die Heimat, die nun unmittelbar an der Front lag.

Von Käthe Jowanowitsch und Stephanie Rapp

Der ehemalige WDR-Intendant Friedrich Nowottny
Der ehemalige WDR-Intendant Friedrich Nowottny

"Und ich natürlich als Offiziersbewerber des Heeres bin mit meinem Vater und den anderen Männern, die waffenfähig waren, da geblieben. Und wir waren dann plötzlich und unerwartet beim Volkssturm. "

"15, 20 bewaffnete junge Männer, zwischen 15 und 18 Jahre alt, standen in eisigem Wetter bei scharfem Wind in einem Bauernhof und wollten etwas zu trinken haben, nach Möglichkeit auch einen Kanten Brot. Ich war einer davon. Da kam der Bauer und sagte: was steht ihr hier noch rum mit euren Gewehren, mit euren Panzerfäusten, der Krieg ist aus, Hitler ist tot. Ich hab das nicht geglaubt, meine Kameraden haben es auch nicht geglaubt, da brachen Welten zusammen. Da standen wir Bengels herum und heulten Rotz und Wasser, weil wir dachten, mein Gott, die große Vaterfigur ist weg. "

Rekrutenvereidigung: "Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des großdeutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will…"

"Ich als 15-Jähriger empfand das alles wohl mehr als Geländeübung, die man ja im Wehrertüchtigungslager der HJ gemacht hatte. Als man selbst im Schützenloch saß, fühlte man die Angst, die sich mit Krieg verbindet. Und diese Angst hat mich begleitet, lange, lange bis nach dem Krieg. "

Wenige Tage vor Ostern erhielt Friedrich Nowottny den Marschbefehl. Sein Vater hatte versucht, ihn vor dem Einsatz an vorderster Front zu retten. Auf abenteuerlichen Wegen gelangte er in die Nähe von Braunau am Inn. In Hitlers Geburtsort schloss er sich einer Gruppe junger Wehrmachtsangehöriger an – weiter bereit, für das Deutsche Reich zu kämpfen. Bis die Nachricht vom Tode Hitlers sein Weltbild zerstörte.

BBC-Meldung zu Hitlers Tod: "This is London calling. Here is a news flash. The German radio has just announced that Hitler is dead.…”

"Als unsere beiden Anführer sagten, nun seht zu, dass ihr Eure Waffen loswerdet, erst dann begannen sich in unseren Köpfen die neuen Realitäten abzuzeichnen. Es wurden Konturen scharf und verwischten sich: Hitler tot. Das Dritte Reich zu Ende, Fragezeichen. Oder: Welche Perspektiven, welche Möglichkeiten bieten sich noch? Das wusste man ja nicht. Wir wussten nichts. "

Am 2. Mai 1945 marschierten amerikanische Truppen in Braunau ein.

"Also, eines weiß ich ganz sicher, ich habe mich nicht befreit gefühlt. Ich habe mich möglicherweise als besiegt gefühlt, aber ganz sicher bin ich nicht. Ich wusste nur, dass hier eine Zäsur geschehen war, ein Einschnitt auch in mein Leben geschehen war, von dem ich nicht wusste, was aus ihm werden würde. "

Mit der Gefangennahme durch die Amerikaner war für Friedrich Nowottny der Krieg zu Ende.

Werwolf-Aufruf im Radio: Hier spricht der Sender Werwolf, der Sender der deutschen Freiheitsbewegung in den vom Feind besetzten Gebieten. Wir sind die Stimme der deutschen Freiheitskämpfer…"

"Die Amerikaner haben uns dann irgendwo im Umfeld von Braunau einkassiert und haben uns da auf den Stadtplatz von Braunau getrieben, um einfach mal zu hören, ob wir von den gefürchteten Werwölfen wären. So hieß die Organisation, die die Hitlerjugend aufgebaut hatte, um die Amerikaner im Hinterland zu bekämpfen. Nachdem sie wohl eingesehen hatten, dass wir nicht dazu gehörten, haben sie nach Englischkenntnissen gefragt. Ich konnte mich melden, denn ich verstand alles, was der Amerikaner sagte. Das war für mich ein unglaubliches Erlebnis, und ich wurde Dolmetscher beim Stadtkommandanten von Braunau am Inn. "

Friedrich Nowottny lernte schnell, nach welchen Regeln die neue Zeit funktionierte.

"Wer Zigaretten hatte, kriegte was zu essen. Wer was zu essen hatte, und zwar mehr als er brauchte, und das eintauschte, kriegte eben was anderes. Es war die große Zeit des Tauschhandels angebrochen. Ich habe zum Beispiel einen schwunghaften Schwarzhandel angefangen mit den Amerikanern. Ich verkaufte ihnen aluminiumgegossene Ringe mit roten Augen, Totenkopfaugen, die sahen fabelhaft aus, und habe den Amerikanern immer gesagt, das waren die SS-Ringe. Dann waren die natürlich toll und ganz scharf drauf. Schon gab es für einen Ring eine Stange Zigaretten, das war ein Vermögen. "

Friedrich Nowottny hatte Glück: In einem Flüchtlingslager in der Nähe von Braunau fand er seine Mutter und Schwester wieder. In den chaotischen ersten Nachkriegsmonaten verschlug es die Familie nach Bielefeld. Vom Tod des Vaters, der noch im April 1945 gefallen war, erfuhr sie erst 1946.

"Ich bin, wenn Sie so wollen, aus diesem Krieg als Beschädigter nach Hause gekommen. Ich habe Jahre gebraucht, um die Eindrücke dieser Monate zu verarbeiten. Und es war niemand da, der gesagt hat, Du musst jetzt das und das machen, sondern, ich habe das getan, was die meisten getan haben: ich habe versucht, es zu verdrängen. Ich habe versucht, es innerlich los zu werden. Ich habe versucht, mich zu entschlacken im Kopf und – wenn es das gibt – in der Seele und im Empfinden, das man mit sich herumgeschleppt hat. Und das ist mir tagsüber ja auch prima gelungen, aber nachts war es wieder da. Das hat mich monatelang, das hat mich jahrelang verfolgt und hat dazu geführt, dass ich auch schreiend im Bett stand. Das hat sich dann erst im Laufe der Zeit gelegt, und wahrscheinlich habe ich es dann irgendwann einmal hinter mir gelassen. "

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