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StartseiteInterview"Ich war nie direkt von der SED überzeugt"13.11.2009

"Ich war nie direkt von der SED überzeugt"

Ehemaliges Mitglied der DDR-Volkskammer über die Machenschaften der SED

In der Endphase der DDR war sie Fraktionsvorsitzende der SED. Dennoch macht Käthe Niederkirchner (gleichnamige Nichte der Widerstandskämpferin im Dritten Reich) die Partei für alle schlimmen Vorfälle in dem totalitären Staat verantwortlich.

Käthe Niederkirchner im Gespräch mit Christoph Heinemann

"Ich liebe doch alle, alle Menschen", hatte Erich Mielke, früheres Mitglied im  DDR-Politbüro, wenige Tage nach Mauerfall öffentlich gesagt. Für Käthe Niederkirchner war das eine Farce.   (AP Archiv)
"Ich liebe doch alle, alle Menschen", hatte Erich Mielke, früheres Mitglied im DDR-Politbüro, wenige Tage nach Mauerfall öffentlich gesagt. Für Käthe Niederkirchner war das eine Farce. (AP Archiv)

Christoph Heinemann: 13. November 1989: die Volkskammer der DDR tagt und es spricht Erich Mielke, der Minister für Staatssicherheit.

O-Ton Erich Mielke: Wir haben, Genossen, liebe Abgeordnete, einen außerordentlich hohen Kontakt mit allen werktätigen Menschen in überall. Ja, wir haben einen Kontakt! Ja, wir haben einen Kontakt! Ihr werdet gleich hören, ihr werdet gleich hören, warum. Wir haben den Auftrag erst mal gehabt als allerwichtigstes, alles aufzudecken, was gegen den Frieden sich richtete, und wir haben hervorragende Informationen geliefert, die die Entwicklungen jetzt so weit brachten, wie wir sie heute haben, Genossen. – Ein Moment mal bitte!

O-Ton Zwischenruf: Zur Geschäftsordnung. Ich bitte, doch endlich dafür zu sorgen: in dieser Kammer sitzen nicht nur Genossen.

O-Ton Erich Mielke: Ich bitte um Verzeihung. Das ist doch nur eine natürlich menschliche Frage. Das ist doch eine formale Frage. Ich liebe doch alle, alle Menschen. Ich liebe doch! Ich setze mich doch dafür ein!

Heinemann: Hinter Erich Mielke saß damals Käthe Niederkirchner, ehemaliges Mitglied im Präsidium der Volkskammer, Nichte der vor allem in der DDR bekannt gewordenen gleichnamigen Widerstandskämpferin, nach der in Berlin unweit des früheren Verlaufs der Mauer eine Straße benannt ist. Wir erreichen die Nichte, Käthe Niederkirchner, in Berlin in ihrer Praxis. Sie sind Kinderärztin. Guten Tag!

Käthe Niederkirchner: Guten Tag!

Heinemann: Frau Niederkirchner, Mielkes Liebeserklärung endete im Gelächter. Haben Sie über Ihren Parteifreund damals auch gelacht?

Niederkirchner: Ich kann mich erinnern, dass mir vor Schreck das Herz stehen blieb über das, überhaupt was er dort gesagt hat. Und als er diesen Satz gesagt hat, der natürlich eine Farce war, und das haben natürlich alle gemerkt und ich glaube er auch. Deshalb blieb mir vor lauter Schreck hier das Herz fast stehen. Diese Bemerkung, diese Bewegung kann man ja auch im Fernsehen sehen, dass ich da sehr, sehr schockiert war über das, was er da von sich gegeben hat.

Heinemann: Wie befreiend war das Lachen in der Volkskammer?

Niederkirchner: Ich denke mal, für die Abgeordneten und insgesamt war es schon gut, dass man darüber lachen konnte, weil ansonsten war das wirklich eine sehr, sehr traurige Angelegenheit. Aber darüber lachen zu können, ermöglicht dann auch, sich über diese Dinge, die damit verbunden waren und die auch mit dem Menschen Mielke verbunden waren, der ja Repräsentant für einen Teil, eben gerade für die Staatssicherheit war, der ja nicht besonders anerkannt war und wo sich viele auch belastet fühlten und auch belastet waren, darüber lachen zu können, denke ich mal, war schon eine große Befreiung auch für den Moment, der gerade hier insgesamt da war und wo sich viele eben diese Hoffnung machten, dass diese Freiheit einfach dann auch ihr ganzes Leben in Anspruch nehmen könnte.

Heinemann: Für die Opfer des SED-Regimes war es gut, den Stasi-Chef als Hans Wurst zu erleben?

Niederkirchner: Ja!

Heinemann: Waren Sie damals noch von der SED überzeugt?

Niederkirchner: Ich war überzeugt davon - ich war nie direkt von der SED überzeugt, weil was ist das? Das ist nichts Menschliches, es ist eine Institution -, ich war davon überzeugt, dass es notwendig ist, Dinge zu verändern und Dinge zu tun und Dinge besser zu machen. Davon war ich überzeugt. Ich war nicht mehr davon überzeugt, dass die SED dazu in der Lage war. Ich gehörte, wenn man so will, zu den Abwicklern nachher der SED. Ich bin in den Parteivorstand, in den Fraktionsvorstand der SED gekommen und habe den Fraktionsvorsitzenden gemacht worden und habe in dem Rahmen dafür zu sorgen gehabt, dass hier meine Fraktionsmitglieder, die ganzen Politbüromitglieder nicht mehr an den Sitzungen teilnehmen, das heißt abgewickelt.

Heinemann: Frau Niederkirchner, ich sprach eben von den Opfern des SED-Regimes. Die Stasi war ein Geschöpf der SED, Schild und Schwert, sagten Sie selber. Besteht die Gefahr einer Bewertung heute, böse Stasi, gute SED? Muss man unterstreichen, dass die SED letztendlich für alles das, was in der DDR passiert ist, die Verantwortung trägt?

Niederkirchner: Richtig!

Heinemann: Und wird das ausreichend gemacht?

Niederkirchner: Ich denke mal, das wird unterschiedlich gemacht und das wird auch von den Gremien und von den Leuten, aber auch von den - - ich denke, von den Menschen wird es so gemacht. Aber ich denke mal, auch in der SED gibt es eben unterschiedliche Menschen und da waren welche, die sich wirklich eingesetzt haben, und das war eben die SED als Gremium, die hier für diese ganzen Dinge verantwortlich waren, und ich denke mal, das ist auch wichtig, diese Differenzierung zu machen. Nicht jeder Mensch, der in der SED war, war dann auch ein - viele davon waren auch Opfer.

Heinemann: Ganz kurz zum Schluss. Glauben Sie, dass die Deutschen von Diktaturen endgültig die Nase voll haben?

Niederkirchner: Theoretisch ja, aber ich habe das Gefühl und die Erfahrung, dass man unter bestimmten Umständen dann ganz plötzlich wieder nach einer neuen Diktatur ruft, wenn es dann wieder mal nicht so richtig klappt und man nach dem starken Menschen ruft, wenn dann irgendwas nicht so richtig klappt und schiefgeht und man sozusagen ein Stückchen Verantwortung von sich selbst abgeben möchte.

Heinemann: Die Ärztin Käthe Niederkirchner, ehemaliges Mitglied im Präsidium der DDR-Volkskammer. Danke schön für das Gespräch.

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