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StartseiteKalenderblattIdentität aus dem Islam23.03.2006

Identität aus dem Islam

Vor 50 Jahren wurde die Islamische Republik Pakistan proklamiert

Die Islamische Republik Pakistan definiert sich, so sagt es schon der Name, über die Religion. Sie ist in dem Vielvölkerstaat seit der Staatsgründung die verbindende Identität. Am 23. März 1956 wurde in Karatschi die Islamische Republik ausgerufen.

Von Tobias Mayer

Pervez Musharraf, pakistanischer Präsident. (AP)
Pervez Musharraf, pakistanischer Präsident. (AP)

Im Dezember 1930 traf sich im nordindischen Allahabad die "All India Muslim League" zu einer denkwürdigen Jahresversammlung. Zum ersten Mal formulierte der pakistanische Dichterphilosoph Muhammad Iqbal offen den Wunsch nach einem muslimischen Staat an der Nordwestflanke des indischen Subkontinents.

"Das Prinzip der europäischen Demokratie kann nicht auf Indien angewendet werden, ohne den Faktor der regionalen Bevölkerungsgruppen anzuerkennen. Die Forderung der Muslime nach der Errichtung eines muslimischen Indien innerhalb von Indien ist daher vollkommen gerechtfertigt. Die Formierung eines vereinigten muslimischen Staates scheint mir die finale Bestimmung der Muslime in Nordwest-Indien zu sein."

Die britische Krone teilte diese Ansicht und entließ 1947 zwei getrennte Staaten in die Unabhängigkeit. Pakistan wurde zur "Heimstätte der indischen Muslime". Dem ersten Staatschef des Landes, Muhammad Ali Jinah, schwebte ein liberal-demokratischer Staat nach dem Vorbild Großbritanniens vor. Doch gewannen islamistische Kräfte bald an Einfluss im Land. Sie erreichten, dass die Souveränität Gottes in der Präambel der neuen Verfassung festgeschrieben wurde. Koran und Sunna des Propheten Muhammad sollten zur Richtschnur für die zu erlassenden Gesetze werden. Während die säkularen Kräfte der Muslimliga die islamischen Elemente nur als Kosmetik betrachteten, sah Abu l-Ala al-Maududi, einer der Vordenker des modernen Islamismus, in dieser ersten islamischen Verfassung einen Etappensieg auf dem Weg zu einer vollständigen Islamisierung Pakistans.

Am 23. März 1956 trat die Verfassung in Kraft, die Islamische Republik wurde ausgerufen. Augenzeuge der Zeremonie war der ehemalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen Karl Arnold.

"Am Nachmittag des Tages der Republik fand in Karatschi eine große öffentliche Veranstaltung unter freiem Himmel und bei sengender Hitze statt, auf der der Ministerpräsident Pakistans und die Chefs von 23 ausländischen Sonderdelegationen zu der Bevölkerung sprachen. Für diese Stunden war der Versammlungsort zu einem Weltforum geworden, auf dem die Sprachen Asiens, Europas, Amerikas, Australiens und Afrikas erklangen."

So feierlich die Gründung der Islamischen Republik auch begangen wurde, so unruhig blieben die politischen Verhältnisse. Nach der Verhängung des Kriegsrechts 1958 setzte General Ayyub Khan die islamische Verfassung außer Kraft.

Es zeigte sich allerdings schnell, dass eine Regierung, die nicht ausreichend durch Verfassung und Gesetze islamisch legitimiert ist, in Pakistan nicht würde bestehen können. Nur der Islam hatte die Kraft, die zahlreichen Volksgruppen zu einen. So versuchten fortan alle Machthaber, die Religion für die eigenen Ziele einzuspannen.

1973 machte Präsident Bhutto den Islam zur Staatsreligion. Er ließ die islamische Reformbewegung der Ahmadiyya zu einer nicht-islamischen Religionsgemeinschaft erklären, was verheerende Folgen für das Verhältnis zwischen den verschiedenen islamischen Konfessionen in Pakistan hatte. Seitdem fordern manche sunnitischen Islamisten auch den Ausschluss der Schiiten vom Islam.

Die Opposition warf Bhutto vor, islamische Positionen nur zur Machterhaltung zu missbrauchen, und machte den Koran zum Wahlprogramm - mit dem Ziel, einen echten islamischen Staat zu errichten. Massive Wahlfälschungen der Regierung veranlassten 1977 General Zia ul-Haq, selbst die Macht zu übernehmen.

Zia ul-Haq setzte sich zum Ziel, das islamische System in aller Konsequenz durchzusetzen. Er führte die koranischen Körperstrafen ein wie zum Beispiel Handabhacken für Diebstahl und Straßenraub. Landesweit wurden Schariatgerichte eingeführt. Alle neuen Gesetze mussten mit dem islamischen Recht vereinbar sein. Der Staat erhob selbst das islamische Almosen, den Zakat.

Nach dem Tod Zias folgten elf einigermaßen demokratische Jahre in Pakistan, bis mit General Musharraf wieder ein Militärdiktator die Macht an sich riss. Die Islamisierung der pakistanischen Gesellschaft ist in dieser Zeit vorangeschritten und dauert immer noch an. Musharraf hat zwar den Sturz der Taliban in Afghanistan unterstützt, doch machte er andererseits auch viele Zugeständnisse an die islamistische Opposition im eigenen Land.

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