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StartseiteKulturfragen"Menschen sind Möglichkeitswesen"27.06.2021

Identitätspolitik"Menschen sind Möglichkeitswesen"

Ist die verschärfte Identitäts-Debatte eine Ursache für Hass und Marginalisierung? Oder könnte sie auch eine Chance sein? „Man darf nicht beim Identifizieren stehen bleiben, sondern muss auch dazu übergehen zu imaginieren, zu verbinden“, sagt der Kunstwissenschaftler Jörg Scheller im Dlf.

Jörg Scheller im Gespräch mit Raphael Smarzoch

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der Kunstwissenschaftler Jörg Scheller, im T-Shirt mit Brille (Jörg Scheller)
Lehnt simple Identitätszuweisungen ab: Kunstwissenschaftler Jörg Scheller (Jörg Scheller)
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Twitter, TikTok und Co. – die moderne Medienlandschaft eröffnet marginalisierten Gruppen neue Wege. Sie können sich online organisieren, gewinnen eigene Lobbys und finanzielle Unterstützung. Doch auch Hasskommentare finden sich zuhauf. Eine Folge von radikalen Identitätspolitiken?

Zwischen Bedrohung und Empowerment

Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse kritisierte im Deutschlandfunk die Dynamiken von rechter sowie linker Identitätspolitik: Von einer Seite führe sie zu Gewalt und Ausschließung, von der anderen zur sogenannten Cancel Culture.

Wolfgang Thierse (SPD), ehemaliger Präsident des Deutschen Bundestages, sitzt im Willy-Brandt-Haus anlässlich der Verleihung des August-Bebel-Preis an Malu Dreyer, (picture alliance/dpa /Christoph Soeder) (picture alliance/dpa /Christoph Soeder)"Ziemlich demokratiefremd" 
Identitätspolitik von rechts führe zu Ausschließung, Hass und Gewalt, die aktuelle radikale Identitätspolitik von links zu Cancel Culture, sagte der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) im Dlf. 

Doch die beiden politischen Extreme sollten dabei nicht vorschnell gleichgesetzt werden: Jörg Scheller macht darauf aufmerksam, dass es sich um zwei grundverschiedene Strömungen handelt. Die rechte Identitätspolitik profitiert vor allem vom Narrativ eines bedrohten Großkollektivs, beispielweise durch eine Minderheit. Diese Form der Identitätspolitik gibt es schon immer, besonders fatal brach sie sich im nationalsozialistischen Deutschland Bahn.

Werdendes vs. Bestehendes

Die linke Identitätspolitik formte sich erst in den 1970er-Jahren in den USA, angestoßen durch queere und afroamerikanische Aktivisten und Aktivistinnen. Hier standen Solidarität, Empowerment und die Sichtbarmachung marginalisierter Gruppen im Vordergrund. Jörg Scheller sieht einen entscheidenden Unterschied: "Die linke Identitätspolitik bezieht sich eigentlich auf das Werdende und die rechte Identitätspolitik, die bezieht sich auf das bereits Bestehende." Beides kann problematisch sein, je nachdem in welcher Form die jeweiligen Gruppen aktiv werden und sich Gehör verschaffen. Aufmerksamkeitsökonomische Ausbeutung und demagogische Verzerrung kann es auf beiden Seiten geben.

Identitätspolitik als Chance

Auch Jörg Scheller ist sich bewusst: Über die Kategorisierung des Gegenübers kann verloren gehen, dass der Mensch im Grunde ein mit Fantasie ausgestattetes Möglichkeitswesen ist und simple Einordnungen nicht ausreichen, um dies zu erfassen. Viele Gruppen wurden im Laufe der Geschichte durch andere identifiziert und damit auf- oder abgewertet. Diese Identitäten müssen thematisiert werden, sagt Scheller. Wichtig ist es jedoch, weiterzugehen und den Blick zu schärfen für die Komplexität des Anderen. Anschließend können dann Verbindungen zueinander entstehen. 

Demonstranten in Berlin halten am 10. Juli 2016 ein Transparent mit dem Twitter-Hashtag "#Black Lives Matter". (dpa / picture alliance / Wolfram Kastl) (dpa / picture alliance / Wolfram Kastl)Linke Identitätspolitik - Partikularinteressen versus soziale Verantwortung? 
Kulturelle Anerkennung von Minderheiten gehört zu den Themen linker Politik. Gegenwärtig wird viel über Identitätspolitik diskutiert, sowohl in den USA als auch in Europa.

Den Anderen imaginieren

Dazu ist es ebenso nötig, die eigene Komplexität anzuerkennen - kein leichtes Unterfangen, denn Kategorisierungen bieten Sicherheit. Jörg Scheller nimmt sich den Philosophen John Rawls zum Vorbild: Wenn wir eine gerechte Gesellschaft denken wollen, müssen wir von unserer Identität Abstand nehmen und uns als Andere imaginieren. Mit diesem Hineinversetzen in unsere Mitmenschen birgt Identitätspolitik ein großes Potential, findet Jörg Scheller: "Das brauchen wir. Aber – wie gesagt – wir dürfen nicht dabei stehenbleiben."

Jörg Scheller, geboren 1979, ist ein deutscher Kunstwissenschaftler, Journalist und Musiker. Er lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste. Sein Buch "Identität im Zwielicht. Perspektiven für eine offene Gesellschaft" erschien im Mai 2021.

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