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StartseiteUmwelt und VerbraucherGeldschneiderei oder Gesundheitsförderung?21.07.2017

IGel-Angebote beim Arzt Geldschneiderei oder Gesundheitsförderung?

Private Zusatzleistungen beim Arzt seien Leistungen, die im Einzelfall sinnvoll, aber nicht notwendig sind, sagte Christoph Kranich von der Verbraucherzentrale Hamburg im Dlf. Da Ärzte damit jedoch zusätzliches Geld verdienen können, sei ein IGel-Boom entstanden. Patienten können sich im Internet informieren.

Christoph Kranich im Gespräch mit Britta Fecke

Eine Augenoperation am Primorje-Zentrum für Augenmikrochirurgie in Wladiwostok. (picture alliance / dpa / Vitaliy Ankov)
"Eine ganz häufige IGeL-Leistung ist die Glaukom-Früherkennung beim Augenarzt", sagt Christoph Kranich von der Verbraucherzentrale Hamburg. Nur bei Verdacht zahlt die Krankenkasse. (picture alliance / dpa / Vitaliy Ankov)
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Britta Fecke: Erlebt hat es wohl jeder schon einmal, der zum Beispiel mit einem Kratzer auf der Hornhaut zum Augenarzt geht und schon im Vorzimmer gefragt wird, ob er nicht dringend den Augeninnendruck messen lassen möchte - zur Früherkennung des Grünen Stars. Für die Kosten dieser Untersuchung kommt die Krankenkasse allerdings nicht auf. Soll heißen: Dafür greift der Patient selbst in die Tasche.

Wie sinnvoll solche Leistungen von der professionellen Zahnreinigung bis zum Haut-Screening sein können, das hat sich auch die Verbraucherzentrale Hamburg gefragt. Sie hat den Ratgeber "IGeL-Angebote beim Arzt" herausgegeben. IGeL - das steht für Individuelle Gesundheitsleistungen.

Christoph Kranich ist Leiter der Abteilung Gesundheit und Patientenschutz bei der Verbraucherzentrale Hamburg. Herr Kranich, gibt es sinnvolle IGeL-Angebote, die ich trotz der Zusatzkosten in Anspruch nehmen sollte?

Christoph Kranich: Ja, das gibt es schon. Aber das ist im Einzelfall zu bestimmen. Jeder muss für sich sagen, was sinnvoll ist. Es sind Leistungen, die nicht notwendig sind. Deshalb werden sie auch nicht von den Krankenkassen bezahlt. Aber sie können im Einzelfall durchaus sinnvoll sein - nicht alle, aber vielleicht viele davon, zum Beispiel ein Attest, wenn ich zum Sportverein gehen will, und ich muss dort nachweisen, dass ich gesund bin. Das ist keine Kassenleistung, aber eine sinnvolle Leistung, die der Arzt extra berechnen kann.

IGeL-Boom bei den Ärzten

Fecke: Sie haben auch Impfungen im Vorgespräch kurz angesprochen.

Kranich: Ja, Impfungen. Wenn ich ins Ausland fahre, in ein Land, wo seltene Krankheiten vorherrschen, und ich dagegen geimpft werden sollte, das ist auch keine Kassenleistung, aber in solch einem Fall sinnvoll, aber eben nur in einem solchen Fall.

Fecke: Was spricht denn gegen diese Individuellen Gesundheitsleistungen? Einmal, dass ich sie selbst zahlen muss. Aber was noch?

Kranich: Ja, das spricht in vielen Fällen dagegen. Es spricht vor allem dagegen, dass sie so massiv beworben und unterstützt werden von den Ärzten, weil sie damit gut zusätzliches Geld verdienen können. Da ist ein richtiger IGel-Boom entstanden. Es gibt Hunderte davon. Seit 20 Jahren schon ist das bei den Ärzten en vogue und die meisten Ärzte igeln auch. Das Wort steht noch nicht im Duden, aber das wird bald reinkommen.

Fecke: Neben googlen kommt dann igeln?

Kranich: Neben googlen kommt igeln, und es ist auch wirklich das stachelige Tier dabei zu beachten, weil man wirklich viele nicht davon braucht. Eine ganz häufige IGeL-Leistung ist die Glaukom-Früherkennung beim Augenarzt. Das hat fast jeder, der über 40 ist, schon mal angeboten bekommen. Und das ist nur dann Kassenleistung, wenn es Verdacht gibt, dass ich ein Glaukom habe. Dann zahlt es die Krankenkasse. Immer wenn Sie so was angeboten bekommen, fragen Sie, ob es einen Verdacht gibt, und dann muss das die Kasse bezahlen. Ansonsten drängen einem die Augenärzte das aber regelrecht auf und versuchen, einen zu bewegen zu unterschreiben, dass man das nicht haben will, und machen einem damit Angst.

Fecke: Anders herum gefragt: Sind vielleicht die Krankenkassen manchmal zu geizig, solche Leistungen zu zahlen, und die sind vielleicht auch sinnvoll?

Kranich: Krankenkassen müssen natürlich darauf achten, dass sie das Geld der Versicherten sinnvoll verwenden und wirtschaftlich. Kann sein, dass sie in manchen Fällen auch zu geizig sind. Aber die IGeL-Leistungen werden nun eindeutig nach Evidenz basierten Kriterien geprüft. Das heißt: Gibt es Studien, die den Nutzen und den Schaden deutlich nachweisen? Für Leistungen, die IGeL-Leistungen sind, gibt es in aller Regel keine Studien, die den Nutzen oder das Überwiegen des Nutzens über den Schaden eindeutig nachweisen.

Portal bietet eine Übersicht

Fecke: Wie wehre ich denn solche Angebote derart ab, dass ich den Arzt nicht gleich gegen mich aufbringe, weil ich brauche ja seine Unterstützung?

Kranich: Erstens müssen Sie immer sagen, dass das Ihre Entscheidung ist und nicht die des Arztes. Der Arzt hat höchstens was anzubieten als Möglichkeit und sollte objektiv informieren. Wenn Sie nicht sicher sind, ob eine IGeL-Leistung sinnvoll ist, untersuchen Sie das beim Igel-Monitor, IGeL-Monitor.de im Internet. Da werden etliche gebräuchliche IGeL-Leistungen bewertet vom Spitzenverband der Krankenkassen, dem MDS.

Das ist zwar ein Portal, was den Krankenkassen nahesteht, was aber eindeutig auf Studien zurückgreift, und wenn es die nicht gibt, dann gibt es auch keine Evidenz. Dann ist die Studienlage schlecht und dann kann man nicht nachweisen, dass der Nutzen so groß ist, dass man diese Leistung unbedingt braucht.

Fecke: Wann braucht man überhaupt IGeL-Leistungen? Das hat mir Christoph Kranich von der Verbraucherzentrale Hamburg beantwortet. Vielen Dank dafür.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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