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StartseiteTag für TagQuer durch die Stille10.07.2014

IgnatiuswegQuer durch die Stille

Für Sinnsucher, denen der Rummel auf dem Jakobsweg zu viel geworden ist, gibt es eine Alternative: den historischen Pilgerweg des Ignatius von Loyola. Auch er führt quer durch Nordspanien - aber in die entgegensetzte Richtung: vom Baskenland, über La Rioja, Navarra und Aragón bis nach Katalonien.

Von Constanze Alvarez

Eine Person hat ihre Wanderschuhe ausgezogen, daneben steht eine Blechtasse (AFP / Andrew Burton)
Auf Pilgerschaft kann sich eine seelische Wandlung einstellen (AFP / Andrew Burton)
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Wer sich auf die Spuren des Ignatius quer durch Nordspanien macht, muss vor allem auf eines gefasst sein: auf viele einsame Stunden und - auf Stille. Anders als auf dem überfüllten Jakobsweg geschieht es hier, dass einem kein einziger anderer ignatianischer Pilger begegnet, und das über vier Wochen lang. Felix Schmidt hat es so erlebt. Mit Rucksack, Zelt und Gaskocher ist der 25-jährige Medizinstudent die rund 600 Kilometer zwischen dem baskischen Loyola und dem katalonischen Manresa zu Fuß gegangen:

"Man ist sehr allein, läuft so vor sich hin, hängt stundenlang seinen eigenen Gedanken nach, man beschäftigt sich mit extrem vielen Themen, die im eigenen Leben so passieren, mit vergangenen Sachen, und man hat nach ein paar Wochen schon das Gefühl, dass man sich geordnet hat. Wobei ich nicht sagen kann, dass ich aus einer persönlichen Krise gekommen wäre und diesen Weg gemacht habe, um mich ins Leben zu stürzen."

Anders bei Ignatius: Hier steht eine persönliche Lebenskrise am Anfang der Wallfahrt. Ausgelöst wird sie durch eine schwere Verletzung: Als junger Ritter kämpft Ignatius 1521 gegen die Franzosen und wird von einer Kanonenkugel getroffen. Er überlebt wie durch ein Wunder, seine Karriere als aufstrebender Höfling ist jedoch vorbei.

Ignatius beschließt, sein Leben zu ändern, die Waffen niederzulegen, nach Jerusalem zu pilgern und nur noch Gott zu dienen. Unterwegs erlebt er eine tiefe seelische Wandlung. Seine Erfahrungen und Erkenntnisse schreibt er in einer Höhle in Manresa auf: Sie bilden den Grundstein seiner berühmten Exerzitien. Mit der Reaktivierung des in Vergessenheit geratenen Pilgerwegs möchten die Jesuiten heute ihrem Gründer ein Denkmal setzen. Txema Vicente, Ordens-Obere in Loyola:

"Im Jahr 2022 wird dieser Weg 500 Jahre alt. Da haben wir Jesuiten gedacht: Wir müssen etwas tun. Nicht nur, um an Ignatius den Pilger zu erinnern, sondern an sein Vermächtnis an die Kirche, an die Exerzitien. Wir haben ganz klein angefangen, mit einer Webseite. Wir haben mit Rathäusern und kommunalen Regierungen gesprochen, manche Wege sind besser ausgeschildert, andere weniger. Überraschenderweise sind von Anfang an Pilger gekommen. Nicht viele, man kann das nicht mit dem Jakobsweg vergleichen, aber es werden mehr."

Ihren "Camino Ignaciano" betrachten die Jesuiten vor allem als spirituellen Weg. Auf der Webseite mit den Wegbeschreibungen findet sich auch eine Anleitung zu ignatianischen Exerzitien. Da sie auf vier Wochen angelegt sind, lassen sie sich gut auf den Pilgerweg übertragen, der zu Fuß ebenso lange dauert. Durch regelmäßige Gebete, Meditationen und Gespräche soll der Pilger zu sich und damit zu Gott zu finden. Der Weg sei aber auch ohne religiöse Suche ein Erlebnis, meint Felix Schmidt:

"Den inneren Katholiken in mir habe ich noch nicht entdeckt, aber der existiert vielleicht auch nicht. Ich fand die Historie ziemlich interessant, mit dem Heiligen Ignatius, der in der Schlacht verwundet wird und sich dann überlegt, er läuft Richtung Jerusalem um sein Leben zu ändern und diesen Wandel hinlegt, wo man sagt, für ihn war das wohl einer der bestimmendsten Punkte in seinem Leben. Und dann sagt man sich: Voll cool, man hat da ein Weg, der geht quer durch das Land, man kann da langlaufen und in völlig verschiedene Regionen kommen und so war´s dann auch: Ich hatte häufig das Gefühl, wie auf einer Traverse durch das Leben dieser ganzen Leute zu laufen und das kennenzulernen, poco a poco. Das war das Spannende, da habe ich viel mitgenommen."

Zunächst führt der Weg auf beeindruckende baskische Bergketten und durch neblige, verwunschene Buchenhaine. Dem Wanderer begegnen halbwilde Pferdeherden, Kühe und Schafe. Später, Richtung Rioja, wird die Landschaft immer karger, der Himmel immer blauer. Endlose Weinberge säumen den Weg. In Navarrete dann, nahezu ein Wunder: War es bisher schwierig, eine günstige Unterkunft zu finden, machen sich hier die Herbergen gegenseitig Konkurrenz. Denn hier überkreuzt sich der Camino Ignaciano mit dem Jakobsweg.

Abends erzählen sich die Jakobspilger vor der Kneipe auf dem Kirchplatz von ihren körperlichen Schmerzen und ihren spirituellen Einsichten. Anderntags um fünf Uhr früh beginnen die Ersten, im Licht der Taschenlampe emsig den Rucksack für die nächste Etappe zu packen.

"Ich habe diese Etappe auch gemacht, von Navarrete nach Logroño, wo man den französischen Jakobsweg auf der Inversen läuft, und ich fand's ehrlich gesagt, ein bisschen anstrengend. Man hat so den Eindruck man läuft so einem Touristenstrom entgegen, alle 100 Meter will einen jemand grüßen. Auch in dieser riesigen Herberge in Logroño, 100 Leute, alle in so einer anderen Stimmung."

Im kommenden Jahr wollen die Jesuiten ihren Weg der Öffentlichkeit präsentieren. Ein erster Reiseführer auf Spanisch soll erscheinen, dann ein Englischer. Und auch wenn der Orden den spirituellen Charakter des Weges hervorhebt, verfolgt er doch ehrgeizige Ziele. Hier dient der Jakobsweg durchaus als Vorbild. Der katalanische Pater José Luis Iriberri betreut das Projekt. Für das große Jubiläum 2021/22 rechnen er und sein Team mit 100 000 Pilgern.

"Das ist viel. Aber wenn wir uns anschauen, wie es mit dem Jakobsweg gelaufen ist, stellen wir fest: 1992 haben ihn ungefähr 9000 Pilger gemacht. Im Jahr darauf, wurde das erste "Heilige Jahr" ausgerufen und da waren es 100 000. Wenn wir also im Jahr 2020 auf 9000 kommen, dann werden es im Jahr darauf auch 100 000 sein."

Bis dahin bleiben noch acht Jahre. In dieser Zeit wird sich der Weg ohne Zweifel verändern. Es werden Herbergen, Kneipen, Restaurants und Supermärkte am Wegesrand entstehen. Dass es derzeit noch anders ist, mag das Pilgern etwas beschwerlich machen. Aber auch: still, schön und abenteuerlich.

 

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