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StartseiteBüchermarktGrand Hotel Europa28.10.2020

Ilja Leonard PfeijfferGrand Hotel Europa

Ein italienisches Hotel als Schauplatz für Überlegungen über den Verfall der europäischen Kultur. Ein alternder Schriftsteller aus Holland, dessen Geliebte nicht zufällig Clio heißt: "Grand Hotel Europa" von Ilja Leonard Pfeijffer ist eine ironische Hommage an Thomas Manns "Zauberberg".

Von Bettina Baltschev

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Ein Portraits des niederländischen Schriftstellers Ilja Leonard Pfeijffer  (Autorenportrait © Marc Brester  aquattromani.nl)
Ein Portrait des niederländischen Schriftstellers Ilja Leonard Pfeijffer (Autorenportrait © Marc Brester aquattromani.nl)
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Es ist vermutlich kein Zufall, dass der Schriftsteller in diesem Roman denselben Namen trägt wie der Mann, der ihn erfunden hat: Ilja Leonard Pfeijffer. Der Niederländer, der seit langer Zeit in Genua lebt, betont jedoch, dass der Mann im Buch tatsächlich ein anderer sei als er selbst, etwas altmodischer, etwas radikaler in seinen Ansichten. Und auch das "Grand Hotel Europa", in dem sein Alter Ego strandet, sei natürlich der Phantasie entsprungen, genauso wie Clio und Abdul.

"Das Buch erzählt die Geschichte eines Schriftstellers - er ist mir ein bisschen ähnlich, aber ich bin nicht er - und er ist dort im Grand Hotel Europa, um nachzudenken über die Geschichte seiner großen Liebe, zu Clio, die schöne Liebesgeschichte, die sich in Venedig abspielt. Und dann lernt er diesen Abdul kennen, einen Flüchtling aus Nordafrika und der erzählt seine Geschichte."

Die Vergangenheit ist ein schlechter Ort

Abdul, der Piccolo im "Grand Hotel Europa", ist ein schmaler junger Mann, das ganze Gegenteil vom reifen und schwergewichtigen Ilja Leonard Pfeijffer. Und doch kommen sie einander in den Zigarettenpausen näher, die sie gemeinsam vor dem Hotel verbringen. Allerdings erzählt Abdul seine Geschichte nur, weil der Schriftsteller so hartnäckig nachfragt. Denn eigentlich möchte er sich nicht erinnern.

"Abdul spricht nicht gern über die Vergangenheit. Er sagt, dass die Vergangenheit ein schlechter Ort ist, den jeder Mensch am besten so schnell wie möglich vergessen solle. Er hält die Zukunft für wichtiger, weil die sich ja erst einstellen müsse und man dadurch an ihr noch etwas ändern könne. Damit hat er sicher recht, doch ich bin ein neugieriger Mensch. Ich möchte ihn besser kennenlernen und meiner Ansicht nach ist es unmöglich, einen Menschen besser kennenzulernen, wenn man nichts über seine Vergangenheit weiß. Er sieht das anders. Er glaubt, dass man einen Menschen über das Gesicht kennenlernt, und dieses Gesicht ist immer in die Richtung gekehrt, in die er geht, und nicht in die, aus der er kommt."

Dieser zupackende Chinese

Vergangenheit und Zukunft, zwischen diesen gedanklichen Polen bewegt sich der ganze Roman. Denn Europa, das Hotel wie der Kontinent, scheint den Anschluss an die Zukunft zu verlieren, sich immer mehr zum Museum zu wandeln, während andere Kräfte das Ruder übernehmen. Abdul begrüßt zwar am Eingang vom "Grand Hotel Europa" noch jeden Gast persönlich, doch das Haus selbst ist längst im Umbruch. Der "verblühende Luxus und die ächzende Pracht" sind in Gefahr, seit Herr Wang das Hotel übernommen hat. Dieser zupackende Chinese hat eine ganz eigene Vorstellung von Europa.

"Er hat eine ganz andere Mentalität und er möchte das Hotel verbessern, er macht es sogar noch europäischer. Er nimmt das Gemälde von Paganini weg, denn er weiß nicht, wer Paganini ist, und es ist auch ein dunkles Gemälde, das nicht sehr inspirierend ist für ihn, und hängt einen Druck von Paris auf, für ihn ist das viel europäischer."

Einige sehr deftige Sexszenen

Der Schriftsteller verfolgt die Veränderungen im Hotel mit ungutem Gefühl, schließlich identifiziert er sich als Altphilologe, Kunstliebhaber und Lebemann voll und ganz mit dem alten Europa. Zugleich aber muss er erkennen, dass sein starres Festhalten an dieser Identität auch der Grund dafür ist, dass die Liebe seines Lebens in die Brüche gegangen ist. Und so drehen sich seine Gedanken zwangsläufig immer wieder um Clio. Der fiktive Ilja Leonard Pfeijffer ist ganz vernarrt in die aparte und selbstbewusste Clio, was zu einigen deftigen Sexzenen führt, die das Selbstbewusstsein des Schriftstellers, nun ja, nicht eben schmälern. Als Clio eine Stelle in Venedig annimmt, zieht der Schriftsteller zu ihr und begibt sich damit in die ambivalente Rolle eines Touristen, der doch eigentlich keiner sein will.

Venedig ist vielleicht das deutlichste Beispiel einer Stadt, die sich völlig hoffnungslos an den Massentourismus ausgeliefert hat. Und das ist ein Problem. Das hat auch zu tun mit der Vergangenheit. Ein Kontinent, der an der Vergangenheit hängt, kommt auf die Idee, die Vergangenheit zu verkaufen und da beginnt Massentourismus.

"Der Besucher besucht Venedig im Angedenken an frühere Besucher, langsamen Schrittes fahndet er nach den Erinnerungen an die Erinnerungen der Toten. Sieh mal, da ist das Gefängnis "I Piompi", aus dem Giacomo Casanova geflohen ist. Und hier, zwischen den Rattanstühlen auf dem Lido, da hat Thomas Mann Tadzio gesehen. Dort drüben befindet sich das Caffé Lavena, wo Gustav Mahler Dauergast war. Und dahinten, in der schmalen Straße, die früher eine Sackgasse war, ist Harry’s Bar, Ernest Hemingways Stammkneipe."

Das ganze Problem mit dem Tourismus

Es sind diese zwei ungleichen, auf Europa gerichteten Bewegungen, die den echten wie den fiktiven Ilja Leonard Pfeijffer umtreiben, Flüchtlingsströme und Touristenströme. Doch während die Touristen hier die Vergangenheit suchen und die Flüchtlinge die Zukunft, sind sich die Europäer leider längst nicht einig, als was sie ihren Kontinent selber sehen. Als Museum, als Zukunftswerkstatt, als Zukunftswerkstatt in einem Museum? Bei dieser Frage gewinnt der echte Ilja Leonard Pfeijffer dann doch die Oberhand über den fiktiven. Denn alle Themen, die in "Grand Hotel Europa" behandelt werden, sind natürlich auch seine.

"Für mich ist das sehr lehrreich, in Italien zu wohnen. Denn diese Sachen sind viel sichtbarer in Italien, sowohl die Flüchtlingssituation als auch das ganze Problem mit dem Tourismus. Hier im verwöhnten Norden ist es leicht, darüber hinweg zu denken, in Italien ist das unmöglich. Und ich muss sagen, dass Italien sehr viel tut für die Flüchtlinge und dass ein bisschen mehr europäische Solidarität angebracht wäre."

Der Weltenverlauf ist nicht aufzuhalten

Massentourismus, Flüchtlingsströme, die europäische Kultur zwischen gestern und morgen: neu sind die Geschichten nicht, die Ilja Leonard Pfeijffer verhandelt und auf den ersten Blick auch nicht sonderlich originell. Originell ist jedoch die Perspektive eines in Italien lebenden niederländischen Schriftstellers. Der ist ein nachdenklicher und kunstvoll fabulierender Autor, dem sein alter Kontinent sichtlich am Herzen liegt, obwohl oder gerade weil er sich dessen ambivalenter Position im Weltgetriebe bewusst ist. Entsprechend schwankt der Erzählton Ilja Leonard Pfeijffers auch ständig zwischen hoffnungsvoll, fatalistisch und ironisch-distanziert.

Wobei es durchaus hilfreich ist, dass sich der Erzähler des Romans selbst nicht allzu ernst nimmt, besonders und vor allem in seiner Beziehung zu Clio. Sonst würde man den altklugen und etwas altmodischen Macho irgendwann zum Teufel wünschen. Doch der echte Ilja Leonard Pfeijffer zeichnet den fiktiven Ilja Leonard Pfeijffer differenziert genug, um ihm seine Allüren doch immer wieder zu verzeihen. Man kann das Buch durchaus als ironische Hommage an Thomas Manns "Zauberberg" lesen. Denn auch hier muss der Versuch, den Weltenlauf anzuhalten, am Ende scheitern.

Ilja Leonard Pfeijffer: "Grand Hotel Europa"
Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm
Piper Verlag, München, 560 Seiten, 25 Euro.

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