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StartseiteEine WeltGuayanas poröse Grenzen17.11.2018

Illegale EinwanderungGuayanas poröse Grenzen

Guayana gehört zu Frankreich - und damit zur EU. Illegale Einwanderung ist Alltag in dem französischen Überseedepartement, das an Brasilien und Surinam grenzt. Frankreich will dem nun einen Riegel vorschieben - doch in Saint-Laurent-du-Maroni erscheint das unmöglich.

Von Bettina Kaps

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Der Maroni bildet die Grenze zwischen Guayana und Surinam - und somit auch die Grenze zwischen Südamerika und Europa (Deutschlandradio/ Bettina Kaps)
Der Maroni bildet die Grenze zwischen Guayana und Surinam - und somit auch die Grenze zwischen Südamerika und Europa (Deutschlandradio/ Bettina Kaps)
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Breit und träge fließt der Maroni an Saint-Laurent vorbei. Ein Sandstrand dient als Hafen. Unablässig legen Holzboote an und ab, Passagiere kommen und gehen, Waren werden über Bord gereicht. Etwa tausend Mal pro Tag pendeln die Pirogen zwischen Saint-Laurent und Albina, so heißt das Städtchen am Ufer gegenüber. Der Maroni bildet die Grenze zum Nachbarland Surinam. Und somit auch die Grenze zwischen Europa und Südamerika. Polizeikontrollen sind so gut wie zwecklos:

"Stellen Sie sich vor, Frankreich hätte eine offen Grenze mit Marokko. So ähnlich ist das hier", sagt Gabriel Carles, Frauenarzt und Geburtshelfer im Krankenhaus von Saint-Laurent-du-Maroni.

Gestörtes Gleichgewicht

"Die illegale Einwanderung bringt Guyana aus dem Gleichgewicht. In allen Bereichen - Gesundheit, Schulbildung, Justiz, Infrastrukturen, Wohnungsbau – muss das Land mit steigenden Bevölkerungszahlen fertig werden."

Das Krankenhaus ist kürzlich in einen hochmodernen Neubau umgezogen. Es liegt nun am Stadtrand - noch. Saint-Laurent wächst. Der Blick aus dem Fenster fällt auf einen Wald. Zwischen Palmen breiten sich Holzhäuser mit Wellblechdächern aus. Illegale Bauten ohne Wasser- und Stromanschluss. Offiziell zählt Saint-Laurent-du-Maroni 44.000 Einwohner. Laut Rathaus leben aber eher 70.000 Menschen hier. Jeder dritte Bewohner hat keine Aufenthaltserlaubnis, so erklärt sich die Differenz.

Eine Mutter trägt ihr Neugeborenes im Arm. In der Klinik werden fast 3.000 Babys im Jahr geboren, so viele wie in einem großen Pariser Krankenhaus. 45 Prozent der Mütter sind Französinnen, 45 Prozent kommen aus Surinam. Er sei froh, dass er so vielen Frauen helfen könne, sagt der Gynäkologe.

Frankreich und Europa helfen

"Wir haben das bestausgestattete Krankenhaus in einem Radius von 1.000 Kilometern. Ja, es kommen Menschen zu uns, die in ihren Heimatländern keine Aussicht auf ärztliche Behandlung haben. Frankreich und Europa leisten hier einen Dienst für die Bevölkerung in der Region, eine Art Entwicklungshilfe. Wir verbessern ihre Gesundheit."  

Großen Andrang verzeichnen auch die Schulen der Stadt. Daniel Deyris leitet ein Collège für Schüler der 6. bis 9. Klasse. Das Gebäude wurde für 500 Jugendliche konzipiert, fast 900 drängen sich heute in den Klassenräumen, sagt der Direktor. 

"Jeden Tag unterzeichne ich Bescheinigungen. Um eine Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen oder aber einen Antrag auf Einbürgerung, brauchen die Eltern den Nachweis, dass ihr Kind in der Schule eingeschrieben ist." 

Damit hat der Direktor kein Problem. Ihn sorgt vielmehr, dass 40 Prozent seiner Schüler kaum Französisch sprechen und dadurch stark benachteiligt sind.

Schüler auf dem Schulhof.  (Bettina Kaps)Das Schulgebäude in Saint-Laurent wurde für 500 Jugendliche konzipiert. 900 Kinder drängen sich heute in den Klassenräumen. (Bettina Kaps)

Toleranz hat Tradition

Willy Ranguin ist Polizeihauptmeister und Gewerkschaftsvertreter in der Hauptstadt Cayenne. Für ihn haben Toleranz und Hilfsbereitschaft in Guyana Tradition:

"Guyana ist seit jeher Einwanderungsland und Schmelztiegel. Aber das geht nur, solange es auch wirtschaftlich verkraftbar ist. Die Polizei sucht nicht speziell Familienangehörige, die jenseits der beiden Grenzflüsse leben. Wir fahnden nach Personen, die Guyana Schaden zufügen."

Zum Beispiel illegale Goldschürfer, die mit Quecksilber arbeiten und die Umwelt vergiften. Und Drogenhändler, die das Departement als Tor nach Europa benutzen. Aber auch illegale Einwanderer, die sich ein besseres Leben erhoffen.

Die Grenzen zu Surinam und Brasilien sind porös. Die einzige Verbindungsstraße zur Hauptstadt Cayenne wird jedoch streng kontrolliert. Etwa 100 Kilometer von der jeweiligen Landesgrenze entfernt sind dort Wachposten installiert. Rund um die Uhr überprüfen Gendarmen jeden einzelnen Passanten.

Willy Ranguin, Polizeihauptmeister und Gewerkschaftsvertreter in der Hauptstadt Cayenne (Bettina Kaps)Willy Ranguin, Polizeihauptmeister und Gewerkschaftsvertreter in der Hauptstadt Cayenne (Bettina Kaps)

Keine Weiterreise nach Europa

Auch in den Einwanderervierteln von Cayenne sind Personenkontrollen an der Tagesordnung, sagt Marion Beaufils. Die junge Frau arbeitet für das evangelische Flüchtlingshilfswerk Cimade:

"Im Jahr 2017 wurden über 5.000 Ausländer aus Guyana ausgewiesen, 2018 dürften es noch mehr sein. Guyana ist, abgesehen von der Insel Mayotte, das französische Departement, aus dem die meisten Menschen abgeschoben werden."

Die Antragssteller kommen überwiegend aus Haiti, ihre Chancen auf Asyl sind minimal. Guyana sei zu attraktiv für Menschen, die offensichtlich nicht schutzbedürftig seien, sagte Staatspräsident Macron daher vor einem Jahr. Um das zu ändern, hat Frankreich nun Sonderregeln für Guyana erlassen: Asylbewerber müssen ihre Anträge dort innerhalb von sieben Tagen abgeben, im übrigen Frankreich haben sie 21 Tage Zeit. Die Ausländerbehörde soll dann ihrerseits innerhalb von nur zwei Wochen entscheiden. 

Zehn Menschenrechtsvereine kritisieren diesen, wie sie sagen, "Wettlauf gegen die Zeit". Sie haben geklagt – ohne Erfolg. Die Sonderregelung gilt vorerst nur versuchsweise für 18 Monate. Die Gegner befürchten, dass sie danach sogar auf ganz Frankreich ausgeweitet werden könnte.  

Doch ganz egal, wie viele Ausländer versuchen, sich in Guyana ein besseres Leben aufzubauen – für die EU hat das keine Konsequenzen, sagt Marion Beaufils vom Flüchtlingshilfswerk CIMADE:

"Es handelt sich fast ausschließlich um Einwanderer aus der Region. Sie suchen eine Kultur und ein Klima, das ihnen vertraut ist. Diese Menschen kommen gar nicht auf die Idee, nach Europa zu ziehen."

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