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StartseiteInformationen am MorgenWie der Verkauf von Kunstschätzen den Terror mitfinanziert01.08.2020

Illegaler AntikenhandelWie der Verkauf von Kunstschätzen den Terror mitfinanziert

Illegal ausgegrabenes Raubgut wandert über ein Pariser Auktionshaus bis ans Metropolitan Museum in New York. Kein Einzelfall, kritisieren Ermittler. Über den Verkauf antiker Kunstschätze finanzierten sich auch Terroristen. Deutschland spielt dabei offenbar eine Schlüsselrolle.

Von Werner Bloch

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Das antike Weltkulturerbe von Palmyra am 26. März 2016 (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)
Das antike Weltkulturerbe Palmyra nach der Plünderung und Zerstörung durch den sogenannten Islamischen Staat (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)
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Bilder wie aus einer anderen Welt. Mondlandschaften, Krater, Schluchten, geisterhafte Höhlen und Löcher, eins neben dem anderen. Satellitenbilder aus Syrien und dem Irak. Gebiete, die der Islamische Staat ausgeplündert hat – mit Raubgrabungen. Antiken von unschätzbarem Wert. Viele dieser Objekte landen auf dem westlichen Kunstmarkt.

Der New Yorker Staatsanwalt Matthew Bogdanos hat jahrelang im Irak recherchiert: "Der illegale Handel mit Antiquitäten unterstützt den Terrorismus. Er hilft beim Bau von Bomben, um unschuldige Menschen zu töten. Die Terroristen benutzen antike Kunstschätze, um sich über den Verkauf zu finanzieren. Im Irak gibt es eine fast unbegrenzte Anzahl von Antiquitäten, 12.500 Objekte, und die sichern den Terroristen eine solide Einnahmequelle."

Deutschland als illegale Handelsplattform

Vor einigen Wochen klingelte die Polizei beim renommierten Auktionshaus Berger, einer Art französisches Sotheby’s. Festgenommen wurden fünf Größen des Pariser Kunstmarkts, darunter der Geschäftsführer des Auktionshauses Berger, ein bekannter Gutachter und Archäologe, ein Galerist und die ehemalige Abteilungsleiterin des Louvre für die Kunst des Nahen Ostens, Annie Caudet. Der Vorwurf: illegaler Handel mit Raubkunst. Von hier führt eine Spur nach Deutschland.

"Deutschland gilt international als einer der großen Umschlagplätze für illegal ausgegrabenes und illegal verkauftes Raubgut. Da ist natürlich Deutschland ein großes Problem, weil hier Dinge gewaschen werden können" - der Kriminal-Archäologe Michael Müller-Karpe vom Römisch-Germanischen Museum in Mainz ist von den Verhaftungen in Paris nicht überrascht. Der Mann mit dem Schnauzbart, der ein wenig aussieht wie der amerikanische Fernsehdetektiv Frank Cannon, beobachtet seit Jahrzehnten den illegalen Antikenhandel – eine Mafia, wie er sagt, ein organisiertes Verbrechen.

Kriminalarchäologe Michael Müller-Karpe (links) und der Keltenexperte Martin Schönfelder sitzen vor der Kopie einer keltischen Schnabelkanne aus dem 4. Jahrhundert v. Chr.  (Picture Alliance / dpa / Peter Zschunke)Kriminalarchäologe Michael Müller-Karpe (rechts) liegt im Dauerstreit mit der einflussreichen Händlerlobby (Picture Alliance / dpa / Peter Zschunke)

Im Fall des französischen Auktionshauses ging es um einen gestohlenen Goldsarkophag aus Ägypten. Er gelangte über Dubai illegal nach Hamburg. Dort wurde er im Umfeld einer Galerie restauriert – die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelt. 

Über Paris kam der Prachtsarkophag, inklusive Mumie, ans Metropolitan Museum – mit frisch gefälschten Papieren. Doch dann stellte sich heraus: Der Sarg war 2011 bei den Unruhen des Arabischen Frühlings gekidnapped worden. 2019 wurde er von der New Yorker Staatsanwaltschaft beschlagnahmt und nach Kairo zurückgegeben.

Ein seltener Erfolg, der von der ägyptischen Antikenbehörde entsprechend gefeiert wurde. Deutschland spielt offenbar eine Schlüsselrolle als illegale Handelsplattform – und steht dafür im Ausland am Pranger. Über die laxen Geschäftspraktiken in Deutschland, wo man mit getürkten Bescheinigungen angeblich wertvolle Antiken besonders leicht weißwaschen kann, runzeln Ermittler etwa in den USA schon lange die Stirn.

Kulturgutschutzgesetz – ein reines Placebo?

Zwar betonen die Händler ihre Unschuld und verweisen allenfalls auf ein paar schwarze Schafe. Doch Kriminalarchäologe Müller-Karpe aus Mainz ist überzeugt, dass die allermeisten Objekte aus kriminellen Raubgrabungen stammen. "Ich habe seit vielen Jahren in meinem Keller einen Kasten Bier stehen, den ich demjenigen versprochen habe, der mir ein einziges Objekt ungeklärter Herkunft aus dem Antikenhandel zeigt, das nachweislich legal verkauft wird. Ich habe mehrere Kandidaten genannt bekommen, aber ich habe den Kasten immer noch im Keller und der ist inzwischen ungenießbar."

Ein kleines Goldgefäß, aufgenommen am Montag (29.06.2009) im Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz. Das Goldgefäß im Tresor des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz beschäftigt derzeit Zoll und Staatsanwaltschaft. Nach einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) vom Montag sollen Zollbeamte am Dienstag zur Not den Tresor des Museums aufschweißen, um an das Gefäß zu gelangen und es einem Münchener Auktionshaus zurückzugeben. Das Museum verweigere bislang die Herausgabe. Laut einem Museums-Gutachten ist das etwa sechs Zentimeter große Stück rund 4500 Jahre alt und stammt aus Raubgrabungen im Irak, dessen Regierung ebenfalls Anspruch auf das Objekt erhebe. Foto: Fredrik von Erichsen dpa/lrs (zu dpa 0285 vom 29.06.2009) +++(c) dpa - Report+++ | Verwendung weltweit (dpa)Der Handel mit verbotenen Antiken ist die drittgrößte illegale Einnahmequelle weltweit - neben Drogen und Waffen (dpa)

Und die Politik? Auch gibt es auf Seiten von Archäologen viel Kritik: Die deutsche Regierung tue zu wenig. So habe Deutschland 37 Jahre gebraucht, um eine UNESCO-Vorgabe zum Kulturschutz aus dem Jahre 1970 umsetzen, doch dabei sei nicht ein einziges Objekt zurückgegeben worden. Und auch das neue Kulturgutschutzgesetz, das unter Kulturstaatsministerin Grütters verabschiedet wurde, sei ein Placebo, ja geradezu eine Aufforderung weiterzumachen, meint Müller-Karpe, weil es leicht zu unterlaufen sei: "Ich würde eher sagen, das ist ein Ablenkungsmanöver, ein Sturm vom Wasserglas, um vom eigentlichen Schaden, den das bringt, für gewisse Kreise abzulenken."

"Es macht Sinn dieses Geschäft trockenzulegen"

Mit der einflussreichen Händlerlobby liegt Müller-Karpe im Dauerclinch. Für sie ist er ein notorischer Querulant. Die Händler sehen ihren guten Ruf gefährdet, sind schon dutzende Male juristisch gegen Müller-Karpe vorgegangen. Als der einmal von "Blutantiken" sprach, wurde ihm das gerichtlich untersagt. Doch am Ende setzte er sich durch.

  (imago / Jose Antonio Gallego ) (imago / Jose Antonio Gallego )Schlag gegen illegalen Kunsthandel „Handel mit Raubkunst ist eine regelrechte Industrie“
Mehr als 100 Verhaftete und rund 19.000 mutmaßlich gestohlene Kulturgüter: Das ist das erste Ergebnis einer Polizeiaktion auf mehreren Kontinenten. 

Auch in Brüssel wird das deutsche Verhalten genau beobachtet. Es geht eben nicht nur um Geldwäsche und Hehlerei, betont der Antiterrorkoordinator der EU, Gilles de Kerchove. Es gehe auch um Terrorismus und dafür müsse man Bewusstsein schaffen:

"Wir brauchen mehr Bewusstsein. Früher hat man an Flughäfen auf Plakaten auf den illegalen Handel mit wilden Tieren hingewiesen. Heute könnte man auf den illegalen Handel mit Kunst und Antiken hinweisen. Der Islamische Staat war sehr bürokratisch, er hatte sogar eine eigene Kunstabteilung. Kunsthändler sind erst seit 2020 verpflichtet, auffällige Transaktionen zu melden. Es macht wirklich Sinn, sich das mal genau anzuschauen und dieses Geschäft trockenzulegen."

Der Handel mit verbotenen Antiken ist die drittgrößte illegale Einnahmequelle - neben Drogen und Waffen. Auch wenn sich das nicht immer an jedem Einzelobjekt beweisen lässt.

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