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StartseiteInterview"Verschwörungen entkommen ihren Verschwörern irgendwann"09.06.2019

Illuminaten und Weltverschwörung"Verschwörungen entkommen ihren Verschwörern irgendwann"

Für manche seien geheime Strippenzieher einfacher zu akzeptieren als eine Gesellschaft, die auf Zufällen basiert, sagt der Literaturwissenschaftler Michael Butter im Dlf. Verschwörungstheorien hätten für viele einen hohen Sinngehalt. Dabei gibt es klare Unterschiede zwischen echter Verschwörung und Theorien.

Michael Butter im Gespräch mit Anja Reinhardt

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Junge besorgte Frau mit Aluhut schaut nach oben. (imago / Photocase/PolaRocket)
Verschwörungstheorien wurden in der Wissenschaft oft als Religionsersatz gesehen (imago / Photocase/PolaRocket)
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Die CIA habe die Anschläge vom 11. September selbst geplant, Angela Merkel sei ein von außerirdischen gesteuertes Reptil, die Mondlandung habe es nie gegeben, die sogenannte Flüchtlingswelle werde von Finanzeliten gesteuert, um Europas politische Systeme zu unterwandern. Selbst die abstrusesten Theorien haben Anhänger.

Der Literaturwissenschaftler Michael Butter betreut ein europäisches Forschungsprojekt zu Verschwörungstheorien und hat ein Buch mit dem Titel "Nichts ist, wie es scheint" zum Thema geschrieben.

Er sagt: "Verschwörungstheorien machen ein ganz starkes Sinn- und Erklärungsangebot." Sie beruhten auf der Annahme, dass nichts aus Zufall passiere und alles von einer geheimen Gruppe geplant worden sei. Verschwörungstheoretiker schlössen Chaos, Kontingenz und Zufall aus.Michael Butter, Professor für Amerikanistik an der Universitaet Tuebingen und Autor des Buches "Nichts ist, wie es scheint - Über Verschwoerungstheorien" (imago images / Reiner Zensen)Michael Butter, Professor für Amerikanistik an der Universitaet Tuebingen und Autor des Buches "Nichts ist, wie es scheint - Über Verschwoerungstheorien" (imago images / Reiner Zensen)

"Es scheint leichter zu ertragen zu sein, für einer ganzen Reihe von Menschen, dass es im Geheimen eine Gruppe von Bösewichten gibt, die die Strippen zieht, als zu akzeptieren, dass niemand die Strippen zieht, dass die Dinge manchmal einfach so passieren", sagt Butter.

Dabei gäbe es Verschwörungstheorien schon sehr lange. Nur durch das Internet sei es Verschwörungstheoretiker einfacher einander zu kontaktieren und sie sind ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Sie würden nur jetzt als Problem wahrgenommen.

"Verschwörungen entkommen ihren Verschwörern"

Zwar gebe es laut Butter sowohl Verschwörungstheorien von Rechts als auch von Links, dennoch rede man stärker über rechte Verschwörungstheorien. Das liege daran, dass diese tendenziell gefährlicher seien, da sie sich oft explizit gegen Minderheiten richteten und oft rassistisch und antisemitisch aufgeladen sein. Linke Verschwörungstheorien richteten sich hingegen meistens allgemein gegen Finanz- und Wirtschaftseliten.

Zwar habe es immer wieder echte Verschwörungen gegeben, aber "die Geschichte zeigt, dass eine Gesellschaft sich nicht so perfekt kontrollieren lässt, wie es Verschwörungstheorien vorgeben", sagt Butter. Denn zwischen historisch belegten Verschwörungen und zwischen Verschwörungstheorien gebe es drei entscheidende Unterschiede.

Butter erklärt, dass an echten Verschwörungen meiste nur wenige Menschen beteiligt sind. Er vergleicht den Mord von Julius Caesar oder den Anschlag auf das österreichische Thronfolgerpaar in Sarajevo, wo jeweils nur eine Hand von Menschen involviert gewesen sein, mit den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York oder der Mondlandung. Wenn diese von den USA inszeniert worden wären, hätten dort Hunderte oder gar Tausende beteiligt gewesen sein müssen.

Zudem seien echte Verschwörungen meist singuläre Ereignisse. Verschwörungstheorien vermuten jedoch Machenschaften, die seit vielen Jahre, oder gar Jahrhunderte, laufen.

Aber Butter kommt zum Schluss: "Verschwörungen entkommen ihren Verschwörern meistens irgendwann, weil dann etwas passiert, was sie nicht vorhergesehen haben, weshalb sie dann nicht die Früchte ihrer Verschwörung ernten können."

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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