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StartseiteKalenderblattWeltfrieden schaffen durch soziale Gerechtigkeit11.04.2019

ILO vor 100 Jahren gegründetWeltfrieden schaffen durch soziale Gerechtigkeit

Bis ins 20. Jahrhundert hinein wehrten sich die Staaten gegen internationale Vereinbarungen und Standards für die Arbeitswelt. Mit dem Versailler Vertrag 1919 wurde dann die ILO geschaffen, die Internationale Arbeitsorganisation. Ihre Aufgabe: weltweit gültige Arbeits- und Sozialnormen durchsetzen.

Von Monika Köpcke

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält bei der Veranstaltung zu 100 Jahre Internationale Arbeitsorganisation (ILO) die Festansprache (dpa/Wolfgang Kumm)
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"Wenn Sie sich die Welt anschauen, wie inter- und multinationale Unternehmen weltweit produzieren, und zwar dort, wo man am billigsten produziert, muss es innerhalb einer Globalisierung der Weltmärkte eine internationale Organisation geben, die sich um die Bedürfnisse der Menschen, der arbeitenden Menschen international kümmert. Und das ist die IAO", sagt Ullrich Flechsenhar

Er leitete zehn Jahre in der Genfer Zentrale der International Labour Organisation das Büro für Arbeitnehmeraktivitäten. Die Internationale Arbeitsorganisation, kurz ILO, ist heute eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, ihre Geschichte aber reicht weiter zurück. Am 11. April 1919 entstand sie als Teil des Versailler Friedensvertrags. In ihm heißt es:

"Da der Völkerbund die Begründung des Weltfriedens zum Ziele hat und ein solcher Frieden nur auf dem Boden der sozialen Gerechtigkeit begründet werden kann; und da ferner Arbeitsbedingungen bestehen, welche für eine große Zahl von Menschen Ungerechtigkeit, Elend und Entbehrungen mit sich bringen, wird eine ständige Organisation begründet."

Arbeits- und Sozialnormen weltweit durchsetzen

Eine Organisation, deren Aufgabe es sein sollte, Arbeits- und Sozialnormen durchzusetzen, die weltweit Gültigkeit haben. Damit betrachteten Regierungen zum ersten Mal sozialpolitische Fragen nicht mehr ausschließlich als die innere Angelegenheit eines Staates. Dieses Umdenken beruhte auch auf den Erfahrungen der russischen Oktoberrevolution 1917: Den Alliierten und der Wirtschaft saß die Angst vor der kommunistischen Weltrevolution im Nacken. Mit der Gründung der ILO sollte nicht zuletzt die internationale Gewerkschaftsbewegung in demokratische Gremien eingebunden werden.

"Zwölf Personen als Vertreter der Regierungen, sechs Personen, die von den Vertretern der Arbeitgeber in der Konferenz gewählt sind, sechs Personen, die von Vertretern der Angestellten und Arbeiter gewählt werden."

Erste Sonderorganisation der Vereinten Nationen

Eine internationale Organisation, in der Unternehmer und Arbeiter paritätisch vertreten sind, war auch für die Gewerkschaften etwas völlig Neues. 1920 bezog die ILO ihren Hauptsitz in Genf. Mit der Auflösung des Völkerbundes nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie 1946 die erste Sonderorganisation der Vereinten Nationen.

"Die Organisation, die damals zwar formell international, aber doch in wesentlichen Punkten europäisch ausgerichtet war, ist nunmehr eine Konferenz geworden, die völlig internationalen Charakter trägt", erläutert Maximilian Sauerborn. Er nahm 1950 als Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium als Beobachter an ILO-Sitzungen teil: "Wo alle Erdteile, alle Länder und alle Menschen aller Art vertreten sind und in gemeinsamer, ernster Arbeit an dem Fortschritt der Welt und an der Hebung des Lebensstandards der arbeitenden Bevölkerung auf das Eifrigste und auf das Ernsteste arbeiten."

"Wir haben nur den moralischen Zeigefinger"

1951 wurde die Bundesrepublik in die ILO aufgenommen, die seit ihrer Gründung rasant wuchs: Aus den anfänglich 45 sind heute 187 Mitgliedsländer geworden. Nahezu 400 Resolutionen und Empfehlungen hat die Internationale Arbeitsorganisation bisher verabschiedet. Regeln zum Beispiel zur Kinderarbeit, zu Mindestlöhnen, Arbeitszeiten oder Gesundheitsschutz mit verbindlichem Charakter. Allerdings - über Zwangsbefugnisse zur Durchsetzung dieser Regeln verfügt die ILO nicht:

"Wir haben ja keine Armee, und wenn wir eine Armee hätten, würde es wahrscheinlich auch keinen Unterschied machen, weil wir weltweit eingreifen müssten. Wir haben nur den moralischen Zeigefinger, den wir international auf Länder richten können, die sich den Normen, die sie selbst akzeptiert haben, nicht willens sind zu beugen", sagt Ullrich Flechsenhar. 

Prinzip der Dreigliedrigkeit gilt bis heute

Einmal im Jahr, bei der dreiwöchigen Arbeitskonferenz in Genf, kann dieser moralische Zeigefinger erhoben werden - in aller Öffentlichkeit. Der Prangereffekt, vor dem Weltarbeitsparlament öffentlich kritisiert und zur Rede gestellt zu werden, ist nicht zu unterschätzen. Zumal die theoretische Akzeptanz der Resolutionen groß ist.

Denn noch immer, und das ist einmalig in der UN, gilt das Prinzip der Dreigliedrigkeit: Jedes Land schickt Regierungs-, aber auch Gewerkschafts- und Arbeitnehmervertreter zu den Sitzungen - und alle sind mit gleichem Stimmrecht ausgestattet. Das macht Entscheidungsprozesse oft schwerfällig, aber der ausgehandelte Kompromiss erleichtert in vielen Staaten die Akzeptanz der ILO-Konventionen, - die auf der Erkenntnis beruhen, dass der Weltfriede dauerhaft nur auf sozialer Gerechtigkeit aufgebaut werden kann.

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