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StartseiteKultur heuteIm Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Industrie31.05.2009

Im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Industrie

Aufführung von "Die Unsicherheit der Sachlage" in Bochum

Das jüngste Stück des Dramatikers Philipp Löhle, das er im Auftrag des Bundesverbandes der Deutschen Industrie geschrieben hat, handelt von einem absonderlichen Terroristen. Das Theater unter Tage ist die kleinste Spielstätte des Schauspielhauses Bochum und ein Ort für Bühnenexperimente.

Von Christiane Enkeler

Szene aus "Die Unsicherheit der Sachlage": "Haben Sie mich denn nicht schon längst abgehört? Auf Band aufgezeichnet? Videoüberwacht? (…) Ich bin doch in Eurer Mitte. 321 Ich schade euch doch täglich, immer weiter. (…) Ich mache vor nichts Halt. (…) Ich bin Attentäter. Terrorist."

Jan C. Schmidt kann es kaum fassen: Da denkt er, er habe er endlich begriffen, was mit ihm los ist – und keiner glaubt ihm.

Philipp Löhle, 30 Jahre junger preisgekrönter Dramatiker und für diese Spielzeit Hausautor am Maxim Gorki Theater Berlin, hat bis jetzt mehrere seiner Figuren mit ihren politischen Utopien gegen Windmühlen kämpfen lassen: Der kapitalismuskritische Gospodin zum Beispiel findet in dem Stück "Genannt Gospodin" im Gefängnis Freiheit von allen Geld- und Entscheidungskreisläufen; Mörchen in "Die Kaperer" geht mit seinem für die Sintflut gebauten, ökologischen und nicht ganz so funktionsfähigen Haus am Ende baden.

In "Die Unsicherheit der Sachlage", das jetzt in der kleinen Spielstätte "Theater unter Tage" am Schauspielhaus Bochum uraufgeführt wurde, ist Jan C. Schmidt die Hauptfigur. Jan trägt seine innere Unsicherheit nach dem Rausschmiss durch seine Freundin nach außen: Bei Freunden kann er nicht bleiben, also treibt er sich draußen rum. Da geschehen seltsame Dinge, die mit ihm womöglich im Zusammenhang stehen? Der Mord an einem Bettler, der Brand im Hauptquartier der Landebahn-Gegner, die Explosion in seiner Redaktion und so weiter.

Im Laufe der Zeit wird immer unzuverlässiger, welche Szenen überhaupt nur in Jans Vorstellung stattfinden – obwohl wir sie sehen. Den Stücktext kann man recht offen lesen und sich ein paar produktive Fragen stellen: Was hat Jan tatsächlich getan? Kann Jan ein Terrorist ohne Ziele sein? Inwieweit könnte Jan eine politische Figur sein?

Szene aus "Die Unsicherheit der Sachlage":
" Chor: Cääsar! Gelächter
Jan Cäsar Schmidt, das bin ich. Kein Kfz, nicht vorbestraft. Ich habe zuletzt als Journalist gearbeitet.
Gelächter. "

Philipp Löhle selbst sieht seine Figur zunächst in Größenwahn fallen, indem sie sich für die Ursache von allem Übel hält, und schließlich aus lauter Frust, dass niemand ihr Glauben schenkt, wirklich die ganze Stadt in Brand setzen. Die Regie sieht das genau so und inszeniert einen deutlichen Bruch, als Jan von den Polizisten, denen er sich stellen will, ausgelacht wird.

Mit großer Sicherheit bewegt Regisseurin Anne Lenk ihre Schauspieler konsequent grotesk durch das mini-opulente Bühnenbild von Marc Bausbach: ein Trampolin als Spielfläche, mit einem Mauergang ums hintere Halbrund, der in Richtung Publikum Fenster und Türen öffnen kann: Das ist Peepshow, Arena, Sofa und Wohnzimmer, Krankenhaus, Bar... Jans Begegnungen mit der Außenwelt sind schrill, nur seine beiden Teilzeit-Gastgeber Björn und Robert werden "natürlich" gespielt, bieten damit immer wieder guten Kontrast.

Die geriffelten Fenster verformen Größenverhältnisse und Bewegungen wie Zerrspiegel, links und rechts davon auf den Türen zum Mauergang zwei Bildausschnitte von Caravaggio: ein barocker Amor, ein zweifelndes Wundenberühren – das etwa bildet den Rahmen: Dekadenz, Sich-für-Gott-
Halten und Zweifeln an der Wahrnehmung und dem, was uns für "wahr" verkauft wird.

Szene aus "Die Unsicherheit der Sachlage":
" "Ich versuche, wach zu bleiben. Wenn ich schlafe, ist es ganz aus. Ich muss meine Handlungen kontrollieren. Ich dachte, dass Sie … wir … (Gelächter) "

Die ganze Zeit schwebt über diesem Jahrmarktsspektakel, dem Spiel mit unserer und Jans Wahrnehmung, ein lateinischer Satz: "in girum imus nocte et consumimur igni". Der Satz ist ein Palindrom und lässt sich also auch rückwärts lesen. Guy Debord, führender Kopf der Situationisten, nannte so seinen letzten Film von 1978. Man kann das grob übersetzen mit: "Wir gehen nachts im Kreis und werden vom Feuer verzehrt".

Jan C. Schmidt wird am Ende zu einem Nero, dessen Alter Ego – wenn es denn eins ist – sich einbildet, die "totale objektive Geschichtsschreibung" sehen zu können, trotz aller Wahrnehmungsstörungen. Ganz geschickt und formbewusst bieten Text und Inszenierung gut gemachte Unterhaltung. Und Stoff zum Denken.

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