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StartseiteSonntagsspaziergangIm Land der stehengebliebenen Zeit14.04.2013

Im Land der stehengebliebenen Zeit

Wandern im albanischen Prokletije-Gebirge

An der Grenze Albaniens zu Montenegro liegt eine der unbekanntesten und unzugänglichsten Regionen Europas. Kaum ein Tourist verirrte sich seit dem Untergang der Sowjetunion hierher. Das soll sich nun ändern, denn ihre Gastfreundschaft könnten die Albaner zu Geld machen.

Von Franz Lerchenmüller

Ein Dorf im Prokletije-Gebirge: die Region soll mihilfe der GIZ zum Tourismusgebiet werden. (Franz Lerchenmüller)
Ein Dorf im Prokletije-Gebirge: die Region soll mihilfe der GIZ zum Tourismusgebiet werden. (Franz Lerchenmüller)

Das ist kein angerosteter Schlagbaum, da warten keine schnauzbärtigen Kalaschnikow-Träger, die die Wanderer misstrauisch beäugen. Lediglich ein umgestürzter Steinblock mit der Aufschrift RPSSH, sozialistische Republik Albanien, deutet darauf hin, dass hier die Grenze zwischen Montenegro und Albanien verläuft. Mitten durch das Prokletije-Gebirge führt sie, eine der unbekanntesten und unzugänglichsten Regionen Europas.

Über einen steilen Wanderweg geht es hinunter ins Tal von Thethi, ein langgezogenes Kiesbett, in dem sich Steinhäuser weiträumig verteilen. Die Pension von Prek Harusha ist nagelneu. Gäste aber hatte er schon vor Jahrzehnten.

"Tourismus begann hier schon vor 50 Jahren, die Berge waren auch zu kommunistischen Zeiten ein Ausflugsziel. In unserem Haus und in ein paar anderen übernachteten schon damals Wanderer. Sie bekamen ein Bett und haben für sich selbst gekocht."

Mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems war damit Schluss. Die Menschen hatten andere Sorgen und kein Geld mehr für einen Sommerurlaub. Erst Mitte der 90er Jahre kamen die ersten Gäste zurück. Und Prek ging daran, sein Haus nach und nach auszubauen. Hilfe dazu kam auch aus dem Ausland, unter anderem von der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit.

"Diese Leute haben uns erst dazu gebracht, richtig auf Bergtourismus zu setzen. Als Starthilfe haben zehn Familien 2.000 Euro bekommen. Damit konnten wir Toiletten einbauen und Bettwäsche und Geschirr anschaffen. Die Handwerker haben wir selbst bezahlt. Auch die Solarzallen auf dem Dach, mit denen wir zusätzlich Strom gewinnen, kommen von der GIZ."

Gastfreundschaft galt in den Bergtälern immer als höchstes Gut. War es da nicht eigenartig, sich plötzlich dafür bezahlen zu lassen?

"Für meine Generation war es sehr schwierig, dafür Geld zu nehmen. Und am Anfang haben wir ja auch nur versucht, unsere Unkosten zu decken. Aber nach und nach haben wir dann auch etwas daran verdient. Es war die einzige Chance, hier zu überleben. Diese Gegend war nach dem Kommunismus fast vergessen. Nur der Tourismus hat uns noch ein wenig Hoffnung gegeben."

Am nächsten Morgen heißt es, das Dorf zu erkunden. Musik plärrt aus einem Autoradio, ansonsten ist es, als wäre man in eine andere Zeit getreten. Männer mähen mit der Sense, schwarzgekleidete Frauen holen in Kannen Wasser. Und zwischen steinigen Wiesen und Maisfeldern erheben sich hohe, schmale Häuser aus Feldstein. Wanderführer Nic Muca, der sich im Umgang mit Touristen ein ausgezeichnetes Englisch beigebracht hat, zeigt erstmal die katholische Kirche, die 1872 erbaut wurde.

"Während der kommunistischen Zeit wurde Religion in ganz Albanien verboten und die Kirche geschlossen - 1968 war das. Man hat den Glockenturm zerstört und das Pfarrhaus abgerissen. Nur das Schiff und der Chor blieben stehen. Dann machte man ein Gesundheitszentrum daraus, später ein Lager. Viele Einwohner aus Theti sind während dieser Zeit nach Amerika ausgewandert. Sie haben nach der Wende Geld gesammelt und ließen die Kirche 2006 restaurieren."

In einem 200 Jahre alten Haus mit Fenstern wie Schießscharten ist ein kleines Heimatmuseum untergebracht. Im Halbdunkel steht eine kupferne Blase, Teil einer Destillieranlage, in der Raki gebrannt wurde. Ein prima Schnaps, sagt Prenda Lokhti, die alte Frau, die den Schlüssel zum Haus hat. Teppiche und alte Flinten liegen herum, und Gerät, mit dem man Wolle filzte.

Doch dann führt der Weg zu einem eher düsteren Kapitel Albaniens, einem runden, weißen Gebäude mit dicken Mauern, dem "Turm der Blutrache". Die Blutrache, von der im Zusammenhang mit Albanien immer wieder die Rede ist, hat tiefe Wurzeln. Begründet ist sie im Kanu, dem alten Rechtssystem der Berge. Ihre Grundlage ist ein uralter mythischer Glaube.

"Jemand, der stirbt, kann nicht in Frieden gehen, bevor nicht Blut für ihn vergossen wurde. Deshalb zerkratzen die Männer ihr Gesicht, wenn jemand eines natürlichen Todes gestorben ist. Wurde jemand aber umgebracht, musste man dessen Mörder töten, um für den Seelenfrieden des Opfers zu sorgen."

Leider ist die Blutrache noch nicht Vergangenheit. Auch heute noch macht Albanien immer mal wieder Schlagzeilen, weil junge Männer sich verstecken müssen, um am Leben zu bleiben. Mit dem Kanu hat das allerdings nicht mehr viel zu tun, meint Nic.

"Ja, auch heute noch werden Männer umgebracht, angeblich aus Blutrache. Aber meiner Meinung nach wissen die Leute gar nicht mehr, was der Kanu ist. Sie benützen ihn nur als Deckmantel für ganz ordinäre Verbrechen. Und unsere Regierung ist einfach zu schwach, um solche Mörder als normale Kriminelle zu verfolgen."

Es ist ein eher düsteres Kapitel albanischen Selbstverständnisses. Aber Sokol Koceki, der am Fuß des Turms eine kleine Bar betreibt, verscheucht die dunklen Schatten gern mit einer fröhlichen Melodie. Sein Instrument pflückt er einfach vom nächsten Baum: ein ganz gewöhnliches, grünes Blatt.

"Bevor die Flöten erfunden wurden, oder irgendwelche anderen Instrumente, machen die Menschen schon auf Blättern Musik - vor allem die Schäfer waren gut darin. Was ich jetzt spiele, ist ein sehr bekanntes altes Lied."

Durch Geröll geht es am anderen Tag bergauf. Die Wand des Arapi, des "Mutterhorn des Balkan", schimmert in der Morgensonne wie geschmolzenes Zinn. Blaues Licht fällt schräg zwischen uralte Baumriesen, fast ehrfurchtsvoll wandert man durch eine Kathedrale aus knorrigen Buchen, die mit grauen Flechten bewachsen sind. Zwei alte Schäfer sind schon mit ihren Enkeln unterwegs.

Sie wollen höher, um Schnee vom Gipfel eines Berges zu holen, den sie dann mit Beeren und Zucker zu Eis mischen.

Es dauert, bis der Pass zum Tal von Valbona erreicht ist. Nic zeigt auf die Gipfel und erzählt, wie sie angeblich ihre Namen erhielten. Früher wusste man in jedem Dorf ganz genau, wer wie mit wem wie lange verwandt war. Um Inzucht zu vermeiden, mussten sich viele junge Männer ihre Bräute in den Nachbardörfern suchen. Und die Überführung der jungen Frau war immer eine große Sache.

"Das war vor langer Zeit auch hier der Fall. Der Bräutigam, sein Vater und seine Brüder zogen los, um die Braut abzuholen. Auf dem Rückweg gerieten sie auf dem Pass in einen heftigen Schneesturm. Sie konnten nicht weiter und sind alle acht erfroren: Aliai, Maja, Lugu, Tsschaffainusses - anschließend hat man die Gipfel nach ihnen benannt."

Auf dem Weg hinunter hat Pjeter Gjelaj mit seinem Onkel aus groben Stämmen eine Art Imbiss-Station zusammengezimmert. Erstaunlicherweise spricht er ein amerikanisches Englisch. Während er starken türkischen Kaffee aufbrüht, erzählt der 35-Jährige eine dieser exemplarischen albanischen Lebensgeschichten von heute.

"Ich habe ein besseres Leben gesucht. Ich bin zu meinen Verwandten, hab gesagt, ich brauche 2.000 Dollar und bin los. Von Mazedonien gings nach Madrid und über die Dominikanische Republik nach Cancun in Mexiko. Dann bin ich mit ein paar anderen ohne Visum zu Fuß über die Grenze nach Texas. Wir wurden verhaftet und kamen ins Gefängnis. Vor Gericht habe ich gesagt, ich wäre in Albanien in Lebensgefahr. Und ich bekam politisches Asyl."

Er erhielt eine Arbeitserlaubnis und schuftete fünf Jahre in New York auf dem Bau. 2007 aber zog es ihn zurück nach Albanien.

"Ich dachte, hier sind meine Eltern, hier ist meine Familie - hier fange ich was Neues an und versuch einfach, was daraus zu machen. Ich will, dass jeder glücklich wird, ich gebe mein Bestes - mal sehen, ob das Ganze klappt."

Sie sind zäh, die Menschen aus den albanischen Alpen. Sie geben nie auf. Sie lassen sich immer wieder etwas Neues einfallen. Mal sehen, ob es diesmal klappt. Vielleicht hilft der Tourismus ja ein wenig.

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