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StartseiteHintergrundIm Teufelskreis von Armut und Gewalt07.04.2007

Im Teufelskreis von Armut und Gewalt

Präsidentenwahl in der Republik Ost-Timor

Viva Ramos Horta - Es lebe Ramos Horta. Ohne Musik läuft nichts in Ost-Timor, auch kein Wahlkampf. José Ramos Horta, 58, dunkelblaues Designerhemd im traditionellen Timorenser Stil, mit gepflegtem Drei-Tage-Bart und teurer, runder Nickelbrille tritt auf. Der Friedensnobelpreisträger, eigentlich noch Regierungschef, will Ost-Timors zweiter Präsident werden. Zwar sind von den erwarteten 6.000 Teilnehmern höchstens 1.000 in die Turnhalle neben der Universität der Landeshauptstadt Dili gekommen. Aber das wirft den Vollblutpolitiker nicht aus der Bahn.

Von Jochen Faget

Jose Ramos-Horta will Ost-Timors zweiter Präsident werden. (AP)
Jose Ramos-Horta will Ost-Timors zweiter Präsident werden. (AP)
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Mit ruhiger, fast lehrerhafter Stimme zählt er die Stationen seiner Karriere auf: Mitbegründer der Befreiungsorganisation Fretilin, Sprecher des Widerstandes im Exil, Außenminister, seit der Krise im vergangenen Jahr Ministerpräsident des ersten Landes, das im 21. Jahrhundert seine Unabhängigkeit erlangte.

Ost-Timor, etwa die Hälfte der Kleinen Sundainsel Timor im Pazifik, hat rund 900.000 Einwohner. Obwohl es über große Öl- und Gasvorräte im Timorgraben an der Nordküste verfügt, ist die Bevölkerung bitterarm, müssen viele Timorenser mit weniger als einem Dollar am Tag überleben. Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt gerade einmal 750 Dollar im Jahr.

Bevor das Land am 20. Mai 2002 selbstständig wurde, war Ost-Timor fast 500 Jahre portugiesische Kolonie. Seit 1975 mussten die Timorenser 24 Jahre brutalster indonesischer Besatzung ertragen, mehr als 200.000 Menschen wurden getötet. Eine schwere Zeit, erinnert sich José Ramos Horta:

"Schwer, wegen der 24jährigen Besatzung. Schwer, weil mehr als 200.000 Personen gestorben sind. Menschen wurden getötet, gefoltert und vergewaltigt. Aber Gerechtigkeit und Wahrheit siegen immer. Und jetzt wollen wir unser Land stabilisieren, den Frieden sichern und die Wirtschaft wieder aufbauen. Wir sind erst fünf Jahre unabhängig, hatten also noch nicht viel Zeit."

Dafür ist umso mehr zu tun: Es gibt keine Industrie, keinen Tourismus. Fast alle Ost-Timorenser leben von Subsistenzlandwirtschaft. Sie bewirtschaften ihre Minihöfe mit einfachsten Mitteln und unter schwierigsten Bedingungen.

Der 23-jährige Mario Tavares will mithelfen, dass sich das ändert. Er hat Landwirtschaft studiert und arbeitet bei einem Landwirtschaftsprojekt im Distrikt Ermera südwestlich der Hauptstadt Dili. Mit dem Jeep ist er in das Dörfchen Likisala gefahren, durch endlose Kurven und ungezählte Schlaglöcher, auf fast 1.900 Meter Höhe. Die Grillen zirpen, während Mario sich mit den Bauern zwischen den kleinen Holzhütten unterhält. Er will, dass die Dorfbewohner neue, ertragreichere Kaffeesorten anbauen. Kein leichtes Unterfangen:

"Die Dorfbewohner zu überzeugen ist sehr schwer. Wir müssen die Alten für die neuen Zukunftsperspektiven gewinnen. Dass sie zum Wohle ihrer Kinder und Enkel Kaffee anbauen."

"Ihr müsst die Anbaufläche erweitern und mehr Dünger für die jungen Pflanzen beschaffen", erklärt der stämmige Mario den skeptischen Bauern mit leuchtenden, großen Augen. Dann bekommt ihr mehr Pflanzen von uns und könnt mehr verdienen. Die Alten nicken bedächtig, melden Zweifel an. "Dünger gibt es überall, ich sehe doch die Rinder und die Ziegen", wischt Mario die Bedenken beiseite. "Ihr schafft das schon."

Mario und seine Kollegen haben schon einiges geschafft: Vor einem halben Jahr haben die Bauern von Likisala eine Kaffeeentkernungsmaschine geschenkt bekommen. Mit der können sie die Bohnen vom Fleisch der Früchte lösen und so ihren Kaffee zu einem besseren Preis verkaufen, erklärt Senhor António, der für das grüne Eisenmonstrum mit der großen schwarzen Handkurbel verantwortlich ist:

"Seit wir die Maschine haben und die Bohnen schälen, bekommen wir 50, 60 Cent pro Kilo von den Händlern. Vorher waren es nur um die 20."

Um die 1.000 Dollar im Jahr könnten die Bauern verdienen, rechnen Mario und Senhor António vor, wenn sie ihre kleinen Kaffeepflanzungen modernisieren und ausweiten. Und wenn sie alle zusammenarbeiten. Was noch nicht so richtig klappt, wie Senhor António zugibt:

"Immer, wenn es Probleme gibt, erkläre ich den Leuten, wir müssen die Chance, die das Landwirtschaftsprojekt uns bietet, nutzen. Wir müssen mehr und besser produzieren. Um der Zukunft willen. Um der Zukunft Ost-Timors und unseres Dorfes Likisala Willen. Was wir jetzt pflanzen, ist gut für die Zukunft."

Fast die Hälfte der Bevölkerung Ost-Timors ist jünger als 18 Jahre. Bis 2050 wird sich die Einwohnerzahl des Landes verdreifachen. Da reden alle von der Zukunft: Das Schulsystem müsse verbessert und ausgebaut werden. Arbeitsplätze müssten her. Perspektiven sollen geschaffen werden. Ego Lemos, Sänger der bekannten Band "Cinco do Oriente", die Fünf aus dem Orient, jedoch ist eher skeptisch:

"Seit der Unabhängigkeit gibt es viel Arbeitslosigkeit und kaum Jobs für junge Leute. Das macht ihnen Angst. Und das System diskriminiert sie. Die jungen Leute haben keine Chance, an der Entwicklung des Landes mitzuarbeiten."

So lungern die jungen Leute in Dili herum. Vor den Ramschläden in der Bischof-Medeiros-Straße etwa. Gleich hinter dem strahlend weißen, bombastischen Regierungspalast offenbart sich das Elend der Hauptstadt: Vor Häuserruinen, die seit dem Abzug der Indonesier noch nicht wiederaufgebaut wurden, sitzen junge Männer in zerschlissenen Jeans. Aus einem Laden, in dem Raubkopien verkauft werden, dröhnt Musik. 'Always Fashion' verheißt pathetisch ein Schild über einer finsteren Tür, hinter der nur dritte Wahl aus China feilgeboten wird. In Dili zumindest sieht die Zukunft nicht allzu gut aus. Das bestätigt auch Miguel Manetero, der Vorsitzende des Timorenser Jugendrates. Resigniert sitzt er in seinem fensterlosen Büro im Nebengebäude des 'Palácio de Cinzas', des Aschepalastes. Eine Bauruine, die die Indonesier hinterlassen haben.

Manetero: "Dass viele junge Leute keine Arbeit haben, ist ein großes Problem in Ost-Timor. Dazu kommt, dass sie auch über keine gute Ausbildung verfügen. Aber wenn Jugendliche keine gute Ausbildung haben, haben sie auch keine Zukunft."

Nachteinsatz der portugiesischen GNR im Elendsviertel Pité. Die Beamten, die zur UNO-Polizei gehören, die für Sicherheit im Land sorgen soll, wurden von verängstigten Anwohnern gerufen. Eine Jugendbande hatte die Häuser mit Steinen beworfen. So ist das fast jede Nacht. Mal bleibt es beim Steinewerfen, mal werden Autowracks als Straßensperren aufgebaut, mal werden Häuser abgefackelt. Die Jugendlichen sind spurlos verschwunden, als die portugiesischen Polizisten anrückten. Jetzt sichern die Beamten mit Gewehren, die Gummikugeln verschießen, die stockfinstere Straße.

"Die kommen in Gruppen und zünden die Häuser an", klagt eine verängstigte Frau. Sie und alle Nachbarn haben sich vor ein Krankenhaus geflüchtet. Gut 50 Personen stehen und sitzen auf der Straße. Die Polizisten sollen bleiben und sie beschützen, fordert die Frau, heute habe es sogar Schüsse gegeben. Die Nerven liegen blank, die Lage ist verworren, der portugiesische Einsatzleiter António Alves versucht, zu erklären:

"Es wurden mehrere Schüsse mit einer Waffe vom Kaliber 9mm abgegeben. Ein Verdächtiger, der die Waffe bei sich hatte, wurde festgenommen. Er gab sich als Sicherheitsbeamter des Präsidenten aus und wird verhört."

Um Mitternacht steht fest: Der bodyguard hatte auf die randalierenden Jugendlichen geschossen und einen dabei tödlich verletzt. Das wird zu Racheaktionen führen, fürchtet der portugiesische Polizist Alves, die Nächte in Dili werden unruhig bleiben. Und die Beamten der GNR werden weiter versuchen, die Eskalation der Gewalt zu verhindern:

"Die Menschen fühlen sich sicherer, wenn sie uns sehen. Und ich bin überzeugt, wären wir hier nicht unterwegs, würden die Probleme sich noch verschlimmern."

Dili mit seinen geschätzten 400.000 Einwohnern hat nichts vom Charme der Hauptstadt eines Tropenparadieses: Im Harbour-View-Café treffen sich die thailändischen UNO-Soldaten und trinken ihr mitgebrachtes Bier aus dem Supermarkt. Die Sicht auf die Bucht von Dili und den tiefblauen Pazifik ist eindrucksvoll, das Harbour-View jedoch total heruntergekommen. Im neu gebauten Hotel Timor sitzen hinter zerschossenen Fensterscheiben die Portugiesen und verzehren schamlos überteuerten Bacalhau, Stockfisch. Im Japan-Restaurant Gion genehmigen sich die anderen Europäer der UN-Verwaltung kaum billigeres Sushi und Tiger-Beer. Schweine grunzen hinter dem Eisentor nebenan, auf der anderen Seite eine halbverfallene Mauer mit Stacheldraht. Überall stehen oder fahren die protzigen weißen Landcruiser mit den schwarzen UN-Lettern. Doch für einen Tageslohn kann ein Durchschnittstimorenser sich nicht einmal ein Bier leisten. -

Die Kehrseite dessen, was so gern als Erfolgsstory Ost-Timor der Vereinten Nationen gerühmt wird. Adolfo Lopes, 20, steht gelangweilt in der Tür der Bretterbude mit zwei alten Computern, die sich anmaßend Internet-Café nennt.

"Das Leben in Dili ist sehr schwer. Eigentlich will ich studieren, um meine Kenntnisse zu erweitern. Aber meine Familie hat kein Geld, mich weiter auf die Universität zu schicken, und ich finde keine Arbeit. Dabei will ich doch nur eine Ausbildung, um später meine Familie unterstützen zu können."

Adolfo, ausgesprochen höflich und freundlich, hat noch ein Problem: Er ist während der indonesischen Besatzung groß geworden, spricht, wie die meisten seiner Altersgenossen kein Portugiesisch. Das Jugendproblem sei auch ein Sprachproblem, meint der bekannte Musiker Ego Lemos.

"Die Mehrheit der Timorenser spricht nur die Landessprache Tetum und Indonesisch. Die Regierung hat aber Portugiesisch als Amtssprache eingeführt. Darum fühlen sich viele Jugendliche vom Staat diskriminiert. Sie sehen keine Zukunft. In ihrer Verzweiflung trinken sie dann, werfen Steine und töten sogar."

Der Eindruck drängt sich auf, dass nur die Katholische Kirche Ost-Timor zusammenhält, einen Bürgerkrieg verhindert. Seit der Ankunft der ersten Missionare vor fast 500 Jahren hat sie sich immer auf die Seite des Volkes gestellt. Während der indonesischen Besatzung haben viele Priester den Widerstand unterstützt, sogar aktiv am Befreiungskampf teilgenommen. Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung ist katholisch, die Kirchen sind nicht nur während der Sonntagsmesse zum Bersten voll.

Basilio de Nascimento, der Bischof der zweitgrößten Stadt Baucau, ist sich im klaren darüber, dass die Timorenser viel von der Institution Kirche erwarten:

"Die Kirche hat ohne Zweifel eine große Verantwortung. Sie muss zur Entwicklung Timors beitragen. Im Erziehungswesen und bei der Berufsausbildung. Die Kirche muss die Menschen auch zur Demokratie erziehen, auf die neue Situation im Lande vorbereiten."

Dom Basilio betreibt eine Lehrwerkstatt in Bacau; 70 Männer arbeiten dort oder werden ausgebildet. Die Schreinerei, ausgerüstet mit alten Maschinen aus Portugal, hat schon die ersten Aufträge erhalten. Wenn alles gut geht, soll demnächst der Möbelexport ins benachbarte Australien anlaufen. Florio Lito ist stolz darauf, hier zu arbeiten:

"Wir unterweisen unsere Lehrlinge in den besten und modernsten Arbeitsmethoden. Denn jetzt haben wir auch alle Maschinen, die nötig sind, sogar Holzfräsen. Das gibt es nur hier. Unser Ausbildungszentrum ist das beste in Timor."

Neben dem Tor stehen Sofas und Stühle aus Teakholz, eine Bestellung der Regierung. Der Boden der Fabrikhalle ist blitzsauber geputzt, alle tragen blaue Arbeitskittel. Ohne den Bischof wäre das alles nicht möglich gewesen, versichert der 26jährige Florio. Baucau ginge es ohne Dom Basilio viel schlechter.

Dass es allen Timorensern besser geht, strebt auch Präsidentschaftskandidat José Ramos Horta an. Die Wirtschaft müsse angekurbelt, eine neue Infrastruktur geschaffen werden. Das seien keine leeren Wahlversprechen, das wäre durchaus möglich, versichert der Politiker:

"Ost-Timor hat heute kein Finanzproblem. Wir haben durch unsere Erdölgewinne in den vergangenen zwei Jahren 1,2 Milliarden Dollar erwirtschaftet. Das ist eine enorme Summe für dieses Land. Unser Problem ist, wie wir die Bevölkerung an diesem Reichtum teilhaben lassen können. Wie wir die Lebensbedingungen des Großteils der Bevölkerung, der extrem arm ist, verbessern können."

Zur Mehrheit der Armen im Lande gehören die Fischer von Osolata. Gelangweilt sitzen sie am Strand, flicken die Netze. Es ist Regenzeit, da ist der Wind zu stark, um auszufahren. Auf die Politiker ist Senhor Julio, der Dorfchef, überhaupt nicht gut zu sprechen:

"Wir wollen ja nicht einmal Geld von der Regierung. Wir wollen nur die Ausrüstung, um fischen zu können: Außenborder, Netze, Boote. Das haben wir den Politikern auch gesagt, als sie kürzlich hier waren. Die haben unsere Namen aufgeschrieben und sind nie wieder gekommen. Nichts ist passiert."

Rund 200 Personen leben in den Bambushütten von Osolata. Die Palmen wachsen bis an den Strand. Der Wind hat sich gelegt, die Sonne scheint. Der tiefblaue Pazifik plätschert friedlich auf den weißen Sand. Ost-Timor sei das schönste Land der Welt, versichert stolz, mit strahlenden Augen, der Fischer David da Silva. Der junge Staat habe zwar viel gelitten, doch jetzt werde alles gut, meint der 23-Jährige. Jetzt müsse alles anders werden:

"Ich wünsche mir, dass die Krise des Landes endlich endet. Dass alle Menschen in Ost-Timor in Frieden ihren Geschäften nachgehen und friedlich leben können. Ich will genug Fisch fangen können, damit es meiner Familie gut geht, so wie es früher einmal war."

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