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StartseiteKalenderblattIm Visier der Roten Armee Fraktion05.09.2007

Im Visier der Roten Armee Fraktion

Vor 30 Jahren wurde Arbeitgeberpräsident Hanns Marin Schleyer entführt

Selbst 30 Jahre danach ist die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die RAF kein historisches Ereignis, auf das man gelassen zurückblicken könnte: Für die Bundesrepublik waren die Wochen der Geiselnahme eine Zeit des Ausnahmezustandes. Die Stimmungen und Zuspitzungen des Deutschen Herbstes prägen auch heute noch die Politik der Inneren Sicherheit.

Von Oliver Tolmein

Der von der RAF entführte Hanns Martin Schleyer am 28.9.1977 (AP Archiv)
Der von der RAF entführte Hanns Martin Schleyer am 28.9.1977 (AP Archiv)
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30 Jahre "Deutscher Herbst"

"Ich glaube, der nächste Anschlag gilt einem unschuldigen Bürger.
Stellen Sie sich mal vor, ich wäre da zu der gleichen Zeit durchgefahren wie der Schleyer."

Am 5. September 1977, abends kurz vor halbsechs, kippt in der Vincent-Staatz-Straße in Köln ein blauer Kinderwagen auf der Fahrbahn um. Der Wagen des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer konnte gerade noch eine Notbremsung machen, der nachfolgende Mercedes mit drei Personenschützern fuhr auf das Fahrzeug auf, dann wurde plötzlich mit Maschinenpistolen und Schnellfeuergewehren das Feuer auf die beiden Autos eröffnet. Die "Aktion Spindy" der RAF war in vollem Gange. Die Polizisten Brändle, Ulmer, Pieler und Schleyers Fahrer Marcisz waren nach wenigen Sekunden tot. Hanns Martin Schleyer wurde entführt. Noch am Abend wendete sich Bundeskanzler Helmut Schmidt mit einer Ansprache an die Fernsehzuschauer:

Helmut Schmidt: "Die Nachricht von dem Mordanschlag auf Hanns Martin Schleyer und die ihn begleitenden Beamten und Mitarbeiter hat mich tief getroffen. Nicht anders als die Nachricht, die erst wenige Wochen zurückliegt vom Mord an Jürgen Ponto, nicht anders als die Morde an Buback, Wurster und Göbel."

Anders aber als bei den vorangegangenen Anschlägen wusste die Polizei, dass Hanns Martin Schleyer sich im Visier der RAF befand. Für ihn galt seit Wochen die Sicherheitsstufe 1, er wurde rund um die Uhr überwacht.

Helmut Schmidt: "Während ich hier spreche, hören irgendwo auch die schuldigen Täter zu. Sie mögen im Augenblick ein triumphierendes Machtgefühl entwickeln. Aber sie sollen sich nicht täuschen: Der Terrorismus hat auf Dauer keine Chance , denn gegen den Terrorismus steht nicht nur der Wille der staatlichen Organe, gegen den Terrorismus steht der Wille des ganzen Volkes."

In den folgenden Wochen, dem "Deutschen Herbst", zeigte sich eine Bundesrepublik im Ausnahmezustand: Der Krisenstab übernahm faktisch die Regierungsgewalt, die beispiellose Großfahndung nach den Entführern wurde flankiert vom so genannten "Kontaktsperregesetz", das etwa 70 inhaftierte RAF-Mitglieder und deren Anhänger an der Kommunikation mit ihren Verteidigern und Angehörigen hinderte. Die Medien unterwarfen sich einer weitgehenden Selbstkontrolle.

NDR vom 9.9.1977:
"Obwohl die Bundesregierung im Entführungsfall Schleyer eine Nachrichtensperre verhängt hat, die bis heute früh auch eingehalten wurde, konnte nicht verhindert werden, dass Neues über die Entführung an die Öffentlichkeit gelangte."

Verantwortlich dafür, dass die Öffentlichkeit überhaupt noch Informationen erhielt, waren ausländische Medien, zum Beispiel die linke französische Zeitung Libération. Nachdem die RAF das zweite Mal eine Botschaft Schleyers an seine Familie der französischen Zeitung übermittelte, um so sicher zu stellen, dass sie veröffentlicht werden würde, vermerkte die Redaktion von "Libération" irritiert:

"Man erlebt eine seltsame Zeit. Hätte man sich vorstellen können, dass ein früherer Nazi, der Chef der deutschen Arbeitgeber geworden ist, Libération benutzt, um sich an seine Frau zu wenden?"

Am 13. Oktober 1977 wurde von einem palästinensischen Kommando die Lufthansamaschine "Landshut" entführt - längst war deutlich geworden, dass die Regierung den von den Entführern geforderten Austausch "RAF-Gefangene gegen das Leben Schleyers" nicht mitmachte. Mittlerweile hatte auch die Familie des Arbeitgeberpräsidenten vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Bundesregierung geklagt, um das Leben des Entführten zu retten - vergeblich. Unterdessen wurde in der Öffentlichkeit immer lauter eine Wiedereinführung der Todesstrafe für Terroristen verlangt. Auch im Krisenstab wurde über die Möglichkeit selbst "exotischer Lösungen" debattiert. Da eskalierten in der Nacht zum 18. Oktober 1977 die Ereignisse. Die "Landshut" wurde von der GSG 9 erfolgreich erstürmt. Stunden später wurden die RAF-Gefangenen Raspe, Baader und Ensslin tot in ihren Zellen aufgefunden. Am 19. Oktober, erschossen die Entführer Hanns Martin Schleyer. Regierungssprecher Bölling reagierte auf einer Pressekonferenz am Abend hart:

Pressekonferenz 19.10.1977 Klaus Bölling
"Die Polizei und die anderen Sicherheitsorgane werden mit aller Kraft und ohne Unterlass nach den Mördern fahnden und sie mit Sicherheit fassen. Jeder Bürger in unserem Land wird den Sicherheitsbehörden dabei helfen die Täter aufzuspüren. Die öffentliche Fahndung zur Ergreifung der 16 namentlich bekannten Täter hat in diesen Minuten begonnen."

Heute geht die Bundesanwaltschaft davon aus, dass zwanzig Mitglieder der RAF an der Schleyer-Entführung beteiligt waren. Siebzehn von ihnen wurden verurteilt. Zwei weitere waren in den Monaten nach der Entführung von der Polizei erschossen worden, nur eine blieb nach einem Aufenthalt im Irak 1977 bis heute wie vom Erdboden verschwunden.

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