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StartseiteKalenderblattIm Wettkampf der Systeme29.09.2005

Im Wettkampf der Systeme

Vor 55 Jahren wurde die DDR in den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe aufgenommen

Einen "sozialistischen Weltmarkt" wollten sie schaffen, die Mitglieder des RGW, des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe. Er war gedacht als das sozialistische Gegenstück zur Europäischen Gemeinschaft. Aber anders als die EG war der RGW eine zwischenstaatliche Organisation, und seine Mitglieder achteten peinlich genau darauf, daß ihre nationalen Interessen gewahrt blieben. Vor 55 Jahren, am 29. September 1950, wurde die noch junge DDR in die sozialistische Wirtschaftsgemeinschaft aufgenommen.

Von Sylvia Conradt

Ministerpräsident Otto Grotewohl (rechts) und der Vorsitzende des Staatsrats der DDR, Walter Ulbricht: "Das Erdöl ist da." (AP Archiv)
Ministerpräsident Otto Grotewohl (rechts) und der Vorsitzende des Staatsrats der DDR, Walter Ulbricht: "Das Erdöl ist da." (AP Archiv)

"Ich habe die Ehre, Ihnen die Aufnahme der Deutschen Demokratischen Republik in den Bestand des Rates der Gegenseitigen Wirtschaftshilfe mitzuteilen."

Otto Grotewohl, Ministerpräsident der DDR, im Herbst 1950.

"Unsere Regierung hat durch ihre Abkommen bewiesen, dass ein einiges Deutschland ohne so genannte Marshallplan-Hilfe imstande wäre, solche Verträge mit unseren östlichen Nachbarn bis nach China hin abzuschließen, durch die der Aufschwung der gesamtdeutschen Wirtschaft gesichert ist. "

Als die DDR am 29. September 1950 in den Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe, RGW, aufgenommen wurde, waren die beiden verfeindeten Staats-Brüder Deutschland Ost und Deutschland West bereits fest in die jeweiligen Bündnisse integriert. Wirtschaft und Politik standen im Zeichen des Wettkampfs der Systeme.

Als Antwort auf die Integrationsprozesse in Westeuropa und den amerikanischen Marshall-Plan hatten die UdSSR, Polen, Rumänien, Bulgarien, Ungarn und die Tschechoslowakei im Januar 1949 den RGW gegründet. Ziel war unter anderem, die nationalen Wirtschaftspläne zu koordinieren und im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung die Kooperation und Spezialisierung der industriellen Produktion voranzutreiben. Peter Grabley, von 1956 bis 1989 Mitarbeiter in der Staatlichen Plankommission der DDR:

"Am Anfang stand der Boykott und die Abschneidung der jungen DDR von ihren Rohstoffbasen, von ihren innerdeutschen Kooperationslinien. Und dort war der Beitritt zum RGW und die damit verbundene Absicherung, wirtschaftliche Absicherung, eine Überlebensfrage. Denn ohne die Rohstoffe und die enge Zusammenarbeit mit den anderen Ländern, insbesondere der UdSSR, war ein Überleben der DDR völlig undenkbar."

Vorrangig werden der Wiederaufbau der durch Demontagen dezimierten Eisen- und Stahlindustrie und der Aufbau der Grundstoff- und chemischen Industrie vorangetrieben. Tatsächlich entwickelt sich die DDR zum modernsten Industriestaat innerhalb des RGW.

"Verehrte Gäste, liebe Freunde und Genossen. Jetzt haben wir es geschafft. Das Erdöl ist da, das Erdöl fließt durch die große transkontinentale Erdölfernleitung 'Freundschaft'."

Im Dezember 1963 weiht Walter Ulbricht, Vorsitzender des Staatsrats der DDR, das Erdölkombinat Schwedt ein.

"Und das, was mit der Erdölleitung 'Freundschaft' geschaffen wurde, ist nicht nur eine hervorragende technische Leistung. Sie legt Zeugnis ab für die Verbundenheit und unverbrüchliche Freundschaft mit den Völkern der Sowjetunion und den in ihrem Rate für Gegenseitige Wirtschaftshilfe zusammengeschlossenen sozialistischen Länder."

Die UdSSR ist für alle RGW-Staaten der Energie- und Rohstofflieferant. Im Gegenzug bezieht sie aus den sozialistischen "Bruderstaaten" Konsumgüter und Maschinen. Langfristig will man die völlige ökonomische Integration des sozialistischen Wirtschaftsblocks erreichen. Aber anders als in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft scheitert das Vorhaben. Der Rat kann lediglich Empfehlungen aussprechen, alle juristisch bindenden Vereinbarungen werden in bilateralen Verträgen geregelt. Nicht selten torpedieren dabei nationale Interessen die Zusammenarbeit. Peter Grabley.

"Das Extrembeispiel war, dass mal ein RGW-Auto geplant und weitgehend vorbereitet war, und zwar so, dass die gemeinsam, DDR, CSSR, eine Autogroßserie bauen wollten. Die Tschechen sollten das Ding zusammenschrauben, die DDR sollte Motor und Getriebe liefern. Es war schon ein Regierungsvertrag darüber unterschrieben. Und dann hat durch politische Entscheidungen, politische Proteste, weil die Bezirksfürsten nicht wollten, dass die Autotradition des glorreichen Eisenacher Werkes oder des Zwickauer Werkes auf Zuliefererniveau degradiert wird, gab es Einsprüche. Der Vorsitzende der Plankommission musste nach Prag fahren und mit seinen Partnern dort ein unterschriebenes Regierungsabkommen löschen."

Politische Eitelkeiten und dirigistische Planvorgaben hemmten in allen RGW-Ländern die Wirtschaftsentwicklung. Der Güter- und Warenmangel wurde zunehmend durch Westimporte gedeckt. Seit den 70er Jahren wuchsen die Schulden der RGW-Länder stetig. Reformbemühungen scheiterten an politischer Engstirnigkeit. Der Ende der 80er Jahre im Ostblock einsetzende politische und wirtschaftliche Umbruch leitete schließlich das Aus für den RGW ein, der sich am 28. Juni 1991 auflöste.

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