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StartseiteHintergrundDer Ausverkauf des fünften Kontinents 22.08.2015

Immobilienblase in AustralienDer Ausverkauf des fünften Kontinents

Sydney, Melbourne, Brisbane - Australiens Großstädte zählen zu den begehrtesten Wohnorten der Welt. Nicht nur für Einheimische. Auch Einwanderer, ausländische Investoren und Geschäftsleute legen ihr Geld zusehends in australischen Immobilien an.

Von Andreas Stummer

Blick aus der Luft auf das Opernhaus (vorn), den Hafen und die Skyline der Innenstadt von Sydney. Das weltberühmte Opernhaus von Sydney wird von der UNESCO als Welterbe-Stätte anerkannt. Das beschloss das Welterbe-Komitee am Donnerstag (28.06.2007) auf seiner Sitzung im neuseeländischen Christchurch. Das Gremium hob zur Begründung den anhaltenden Einfluss des aus drei muschelähnlichen Dächern bestehenden Bauwerks auf die Architektur hervor. (picture alliance / dpa / Thorsten Blackwood )
Blick aus der Luft auf das Opernhaus (vorn), den Hafen und die Skyline der Innenstadt von Sydney (picture alliance / dpa / Thorsten Blackwood )
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Ein Bilderbuch-Samstagmorgen in Cremorne im Norden von Sydney. Vor Nummer fünf, Adelaide Street hat sich eine Menschentraube gebildet. Denn Nummer fünf, ein Drei-Zimmer Designer-Appartement mit Parkplatz und Dachterrasse wird verkauft, versteigert an Ort und Stelle von einem Auktionator – so wie in Australien üblich.

Jede Woche wechseln hunderte Häuser und Wohnungen in Sydney den Besitzer. Ein Milliardengeschäft, bei dem die Staatsregierung kräftig mitverdient. Sie bekommt gut vier Prozent vom Verkaufspreis, jedes Mal wenn der Hammer fällt.

Wohnen in Sydney ist teuer, teuerer als in London und fast so teuer wie in New York oder Paris. Wer seine eigenen vier Wände besitzen will, der muss sich in der Regel bis über beide Ohren verschulden. Gerade hat der durchschnittliche Hauspreis in Sydney die eine Million Dollar-Marke geknackt – umgerechnet etwa 680.000 Euro. Kein Wunder, dass immer mehr in Sydney den Traum vom Eigenheim aufgeben und sich damit abfinden, lebenslänglich zu mieten.

Paul Tovin: "Ich kenne eine Menge Leute, die seit Langem in guten Jobs arbeiten und sich es trotzdem nicht leisten können, in Sydney ein Haus zu kaufen. Ohne die Hilfe meiner Eltern wäre es auch für uns die nächsten Jahre undenkbar gewesen."

Eine halbe Million Euro für ein renovierungsbedürftiges Zwei-Zimmerhaus an einer lauten Hauptverkehrsstraße. Typisch Sydney. Für Tim Pellier ein kleiner Fisch. Er kümmert sich um die Moby Dicks in Sydneys Immobilienpool. Designer-Brille, Armani-Anzug und ein gelbes Sportwagen-Cabrio: Tim sieht man an, dass er in einer Boombranche arbeitet. Seit 14 Jahren verkauft der Makler jetzt schon Häuser in Double Bay, einem der reichsten Stadtteile Sydney's, aber nie waren Ziegel und Mörtel dort so wertvoll wie heute.

Tim Pellier: "Der Immobilienmarkt wächst und wächst. Die Preise sind stabil oder steigen. Der australische Dollar steht auch günstig für Interessenten aus dem Ausland. Die Haus- und Grundstückspreise in Sydney bleiben hoch."

Wohlhabende Kunden aus China

Niedrige Hypothekenzinsen, nicht genug Wohnraum und der Ruf einer Weltstadt: Das alles treibt die Haus- und Grundstückspreise in Sydney nach oben. Plus eine knauserige Regierung, die kaum Bauland zur Verfügung stellt, um die hohen Ausgaben für eine Verkehrsanbindung zu sparen. Ein Kostenfaktor aber ist ein Import. Ausländische Immobilien-Investoren, vor allem aus Asien, die sich ihre eigene Scheibe Sydney abschneiden wollen. Um jeden Preis.  

Monika Chu ist in ihrem Element, umgeben von Luxus. Für ihre Agentur führt sie exklusiv wohlhabende Klienten aus China durch Sydney's teuerste Häuser. Multi-Millionäre wie Amy Yang. Die 30-jährige Industriellentochter aus Shanghai ist auf Haussuche, ihr Budget ist unbegrenzt.

Amy Yang: "Ein Bekannter aus Hongkong hat sich in Australien verliebt und will mit seiner Familie hierherziehen. So wie ich es gemacht habe. Die saubere Luft, die Schulen und der Lebensstil sind großartig. Hier ist es wunderschön."

Wunderschön hat einen Preis. Die Acht-Zimmer-Villa mit Hafenblick kostet neun Millionen Euro, inklusive Swimmingpool. Häuser unter drei Millionen zeigt Monika Chu ihren chinesischen Kunden erst gar nicht:

"Das Geschäft geht ausgezeichnet. Australien wird bei Käufern in China immer beliebter. Ich wollte dieses Jahr Häuser im Wert von 100 Millionen Dollar verkaufen, jetzt bin ich schon bei 120 Millionen."

Sydney's Immobilienhändler sind im Goldrausch. Wildwest für Millionäre aus Fernost, aus Indonesien, Singapur, Hongkong oder China. Robert Simeon ist einer der wenigen Makler, dem ganz und gar nicht gefällt, was er fast jedes Wochenende bei Auktionen beobachtet: Koffer voller Bargeld, Versteigerungen bei denen nur Mandarin gesprochen und mit Hilfe von Strohmännern geboten wird. Oft nicht älter als 19, 20 Jahre alt.

Robert Simeon: "Auslandsstudenten dürfen für ihre Studienzeit in Australien ein Haus kaufen, aber wenn sie ihren Abschluss machen, dann müssen sie es wieder verkaufen. Aber nicht eines dieser Häuser kommt wieder auf den Markt. Das ist illegal und eine Beleidigung für einheimische Käufer. Unsere Behörde zur Prüfung von Auslandsinvestitionen ist jedenfalls ist ein Witz."

Wer aus dem Ausland in Australien investieren will, braucht dazu erst eine Genehmigung. Die Regeln für den Immobilienerwerb sind eindeutig: Ausländer dürfen nur neu gebaute Appartements oder Häuser kaufen, nicht aber bereits existierende. Die Folgen sind in Großstädten überall in Australien nicht zu übersehen und schon gar nicht zu überhören.

Wohntürme mit 50.000 Appartements

Die Baubranche boomt. In und um Melbourne sind Wohntürme für insgesamt 50.000 brandneue Appartements geplant, 25.000 sollen in Brisbane entstehen, 100.000 in Sydney. Die meisten der Wohnungen sind schon vor dem ersten Spatenstich verkauft. Patrick Bright interessierte sich in Hurstville, im Westen Sydneys, für ein schickes Drei-Zimmer-Appartement im geplanten, ultra-modernen "Highpoint"-Komplex. Nur um zu erfahren, dass alle Wohnungen bereits – gegen eine sechsstellige "Gebühr" - für chinesische Investoren reserviert waren. Patrick war überboten.

Patrick Bright: "Bauunternehmer bevorzugen ausländische Käufer, weil sie höhere Preise bezahlen. Warum sonst werden neue Häuser und Appartements im Ausland vermarktet, wenn man sie hier für das gleiche Geld verkaufen könnte?"

Kaufen ist eine Sache, darin leben eine andere. Der australische Mieterverband fragte sich, warum in vielen neuen Wohnungen in Melbourne und Sydney kein Wasser verbraucht würde. Die Antwort war so simpel wie ernüchternd: Weil sie leer standen. "Das ist Geldwäsche", meint Martin South vom Mieterverband. Die Besitzer im Ausland nutzten die Immobilien nur um ihr Vermögen in Australien zu parken. Und die einheimischen Käufer zahlten drauf.

Martin South: "Die Preise steigen und steigen. Wer sich sein erstes Heim anschaffen möchte, bekommt nicht einmal einen Fuß in die Tür. Die Konkurrenz ist zu groß, weil australische Interessenten gegen reiche, ausländische Investoren bieten müssen. Deshalb ist es für Erstkäufer so schwierig, in den Immobilienmarkt zu kommen."

Gesetze mit Schlupflöchern

Makler, die illegale Verkäufe ins Ausland vertuschen, oder nebulöse Immobilien-Transaktionen über internationale Familienfonds: Die Gesetze, die australische Immobilien vor dem Ausverkauf ins Ausland schützen sollen, haben mehr Schlupflöcher als ein Termitenhügel. In den letzten neun Jahren wurde nicht ein einziger Fall vor Gericht verfolgt. Das soll von 2016 an anders werden. Wer lügt oder betrügt, dem drohen dann Geld- und Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren. Trotzdem kann sich Makler Tim Pellier in Sydney's Nobelvorort Double Bay kaum vor lauteren und unlauteren Angeboten aus dem Ausland retten:

"Allein unser kleines Maklerbüro hat in den letzten zwei Jahren Häuser im Wert von einer Milliarde Dollar verkauft. Es ist phantastisch, der Umsatz ist enorm."

Das Kronjuwel in Tims Immobilien-Portfolio ist eine 12-Zimmer-Luxusvilla, komplett mit kleinem Privatstrand, eigenem Pier und Bootsschuppen. Trotz einer fürstlichen, unverbindlichen Preisempfehlung hat Tim den Mini-Palast in nur vier Wochen verkauft:

"Es ist das Haus da drüben mit dem grauen Dach unten am Wasser. Das ging für 27 Millionen Dollar an einen chinesischen Geschäftsmann.. Jetzt wird es für sieben Millionen renoviert. Hauptsache es hat einen Blick auf die Hafenbrücke und das Opernhaus. Darauf legen Käufer aus dem Ausland wert."

Links der Hafen und die Harbour Bridge, rechts die Skyline der City und direkt gegenüber die Oper: Auch einige der billigsten Unterkünfte in Sydney haben die teuerste Aussicht. Das "Sirius"-Hochhaus ist ein einfallsloser Betonklotz inmitten liebevoll restaurierter, historischer Sandsteingebäude. Hinter der hässlichen Fassade sind 79 Sozialwohnungen, das Postkarten-Panorama kostet die Mieter gerade einmal 200 Euro im Monat. Jetzt aber müssen sie ausziehen. Crystal Tanner wurde vor sechs Monaten gekündigt. Seitdem sitzt die alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern Meg und Zoe auf gepackten Koffern. Die Sozialwohnungen im "Sirius" werden geräumt und in Luxus-Appartements umgewandelt.

Crystal Tanner: "Ich weiß nicht mehr ein noch aus. Wie soll ich für meine Kinder sorgen – ohne ein festes Dach über dem Kopf ? Ich habe mich nie für arm gehalten, aber jetzt stecke ich zum ersten Mal in ernsten Schwierigkeiten."

Crystal fühlt sich verraten und meistbietend verkauft. Denn je weniger günstiger Wohnraum zu haben ist, desto mehr steigen auch die Mieten. Im letzten halben Jahr hat sie sich ganze 130mal für eine Bleibe beworben, jedes Mal vergebens. Die Wartezeit für eine Sozialwohnung im Großraum Sydney ist gut eineinhalb Jahre. Für zwei Monate hat die Heilsarmee Crystal und den Kindern eine Notunterkunft in einem Motel versprochen. Danach aber weiß sie nicht wohin.

"Ich will niemandem erzählen wie es um mich steht, denn obdachlos zu sein gilt fast als Schande. Ich bringe nicht einmal das Wort über die Lippen – aber ich bin obdachlos."

Sozialwohnungen, vernachlässigte Bürgerzentren, selbst öffentliche Parkplätze: Bauunternehmer bieten Gemeinden, die knapp bei Kasse sind, Aber-Millionen für jedes noch so kleine Stück Sydney und machen oft damit Milliarden. Crystal Tanner hat genug von der Großstadt, sie überlegt, zu Bekannten aufs Land zu ziehen. Dahin, wo sie – mit ein wenig Hilfe – ein Zuhause noch bezahlen kann. Andere aber rutschen durch das soziale Netz ohne dass es irgendjemand überhaupt bemerkt.

In der Suppenküche der Heilsarmee

Ein nasskalter Dienstagabend im Belmore Park, einer Grünanlage hinter dem Hauptbahnhof Sydney. Während die Leute aus den Büros und Geschäften der City zu ihren Zügen hetzen, hat es vor der Suppenküche der Heilsarmee niemand eilig.

Mehr als 200 Obdachlose warten geduldig auf eine Mahlzeit, für die meisten ist es die erste des Tages. Es gibt Grill-Bratwürste auf Toast mit Ketchup, dazu Tee oder Kaffee und ein paar freundliche Worte. Früher ein Park, an dem viele ihre Mittagspause verbracht haben, machen die meisten Sydneysider heute um Belmore einen großen Bogen. Sozialarbeiter Michael Perusco glaubt wegen der Penner, die im Park unter Planen und Schmuddeldecken hausen:

"Es ist alarmierend wie viele heute obdachlos werden. Wir helfen dreimal mehr Australiern als noch vor zwei Jahren. Aber wer erst einmal obdachlos ist, der bleibt es auch für eine immer längere Zeit, weil wir einfach nicht genug Unterkünfte für diese Menschen finden."

Da ist Mark, der seit 15 Jahren kein festes Dach mehr über dem Kopf hat, oder Dean, der mit 22 erst seine Mutter und dann sein Zuhause verloren hat und seitdem ziellos durch die Innenstadt wandert. Familiäre, finanzielle oder gesundheitliche Probleme: Gründe für ihre Notlage gibt es viele. Eines aber haben Mark, Dean und die übrigen Obdachlosen in Sydney gemeinsam: Sie müssen auf der Straße schlafen, weil sie sich kein Zuhause leisten können:

"Die Mieten in Sydney sind ein Witz. Im Internet habe ich eine Ein-Zimmer-Wohnung für 345 Dollar die Woche gesehen – mehr als 230 Euro !" – "Ein Sozialarbeiter sagte mir: "Du wirst nie eine Wohnung in Sydney finden, versuche es doch in Newcastle." Ich sagte: "Mann, von da komme ich gerade her."

"Australien ist ein reiches Land", meint ein Freiwilliger an der Suppenküche und doch könne die Heilsarmee nicht mehr für Mark tun, als ihm eine warme Decke zu besorgen. Landesweit schlafen mehr als 100.000 Australier Nacht für Nacht in Autos, öffentlichen Toiletten oder in Grünanlagen. Dean rollt seinen Schlafsack vor der Glastür einer geschlossenen Bankfiliale aus:

"Just down around here, you see. See where the two park benches are near the tap-on, tap-off machine ? Just in there. Very, very cold.”

Studien zeigen, dass jeder Langzeitobdachlose wie Dean Wohlfahrtsorganisationen jährlich etwa 25.000 Euro kostet. Geld, das immer schwerer zu finden ist, seit die konservative, australische Regierung Sozialdienste drastisch gekürzt hat und auch die Gemeinden an allen Ecken und Enden sparen. "Ohne die nötigen Mittel", warnt Streetworker Michael Perusco, wäre das bisher weitgehend verborgene Problem "Obdachlosigkeit" in Australien bald nicht mehr zu übersehen:

"Mehr in den Sozialbereich zu investieren, ist gut für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und macht wirtschaftlich Sinn. Wir brauchen einfach mehr billige Sozialwohnungen damit Menschen in Schwierigkeiten ein Dach über dem Kopf behalten und weiter Teil unserer Gemeinschaft sein können."

Zurück in Double Bay, Lichtjahre entfernt von sozialem Wohnungsbau oder Mietbeihilfen. Die Preis- und Absatzrekorde vom letzten Wochenende warten darauf, gebrochen zu werden. Von "Überhitzen des Marktes" will hier niemand etwas wissen, auch nicht, dass inzwischen eines von sechs neuen Häusern oder Appartements in Sydney an Ausländer verkauft wird - Tendenz steigend. Immobilienguru Louis Christopher nennt das einen "hausgemachten Teufelskreis". Denn sollten die Politiker weiter tatenlos dabei zusehen, wie immer mehr Australiern die eigene Haustüre vor der Nase zugeschlagen wird, dann dürfen sie sich auch nicht wundern, wenn ihnen ihre Wähler irgendwann aufs Dach steigen.

Louis Christopher: "Jedes Jahr wechseln abertausende Immobilien den Besitzer. Die Zugeständnisse für ausländische Käufer sind ein Problem, aber nicht das drängendste. Unsere Häuser, Wohnungen und Mieten müssen günstiger werden, denn sonst gibt es in Australien bald nur noch Besitzende und Besitzlose. Und das würde zu enormen sozialen Problemen führen."

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