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StartseiteForschung aktuellImpfen gegen Stress?14.06.2016

ImmunsystemImpfen gegen Stress?

Stress macht krank, das ist inzwischen vielfach belegt. Aber wie kann man Körper und Geist davor schützen? Ein innovativer Vorschlag kommt nun aus den USA: Forscher berichten dort, dass sie Mäuse mit einer Impfung gegen die Folgen von Stress schützen konnten.

Von Volkart Wildermuth

Eine Frau sitzt an einem Schreibtisch vor einem Computer, den Kopf auf die Hände gestützt. (dpa/picture alliance/Lehtikuva Sari Gustafsson)
Kann eine Impfung Körper und Psyche vor den Folgen von Dauerstress schützen? (dpa/picture alliance/Lehtikuva Sari Gustafsson)
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"Wir setzen einfach ein großes, dominantes Männchen und vier kleine Mäuse für 19 Tagen in einen Käfig. Das ist natürlich sehr stressig für die unterlegenen Tiere. Sie entwickeln dann eine Darmentzündung, ein überaktives Immunsystem und sie sind danach ängstlicher als normal."

Darmprobleme und Angst - das klingt erst einmal nach einem zufälligen Zusammentreffen von Symptomen. Aber Christopher Lowry von der Universität von Colorado in Boulder ist davon überzeugt, dass hier ein enger Zusammenhang besteht und der soll in einer Überreaktion des Immunsystems liegen. Hintergrund ist die "Alte Freunde"-Hypothese. Danach ist das Immunsystem auf die Begegnung etwa mit Mykobakterien ausgelegt. In der Auseinandersetzung mit ihnen lernt es die richtige Balance zwischen Aggressivität und Gelassenheit. Diese Lernmöglichkeit fehlt aber in den sauberen modernen Städten ebenso wie in den Mäusekäfigen im Labor.

"Wenn die normalen Bakterien nicht mehr da sind, dann wird das Immunsystem reizbar und neigt zu gefährlichen Entzündungsreaktionen."

Die können dann schon durch den sozialen Stress mit der dominanten Maus ausgelöst werden. Die Darmflora verändert sich, es kommt zu Erkrankungen des Verdauungstrakts und im Gehirn sorgen die Entzündungsfaktoren zusätzlich für eine Verstärkung der Angst. Damit es soweit nicht kommt, versucht Christopher Lowry, das übereifrige Immunsystem mit einer Impfung vorsorglich zu beruhigen.

"In unserer Studie versuchen wir einfach, den Körper wieder mit einem dieser Bakterien bekannt zu machen. Wir geben Mycobacterium vaccae als Impfung. Sie sind sehr effektiv, drücken auf die Bremse des Immunsystems. So kann die Abwehr nicht überaktiv werden."

Geimpfte Mäuse waren psychisch und körperlich stabiler

Christopher Lowry hat seine Mäuse einige Male mit abgetöteten Mycobakterien geimpft. Erst danach wurden sie der stressigen Begegnung mit der dominanten Maus ausgesetzt.

"Was wir wirklich nicht erwartet hatten war, dass die geimpften Mäuse bei der ersten Begegnung mit dem dominanten Tier weniger Unterwerfungsverhalten zeigen. Nicht einmal halb so viel wie normal. Sie sind auch weniger weggerannt. Also da gibt es eine Verschiebung weg von einem passiven Verhalten hin zu einer mehr aktiven Rolle. Und nachher waren diese Mäuse auch weniger ängstlich."

Nicht nur psychisch waren die geimpften Mäuse stabiler gegenüber dem Dauerstress, auch ihr Körper profitierte. Die Tiere entwickelten zum Beispiel keine Darmentzündung. Offenbar ließ sich ihr Immunsystem nicht so leicht aus dem Gleichgewicht bringen. Bei Mäusen zumindest kann man gegen die Folgen von Stress impfen. Dieses Konzept möchte Christopher Lowry auch für den Menschen nutzen.

"Als erstes werden wir probiotische Bakterien als Nahrungsergänzung einsetzen. Denn die wirken bekanntermaßen ähnlich immunregulierendend. Ab Juni beginnt eine Studie bei Veteranen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung. "

"Eine Impfung könnte die Gesundheit über lange Zeit fördern"

Die Zulassungshürden für eine Impfung mit Mycobacterium vaccae liegen höher. Hier muss Christopher Lowry den möglichen Nutzen und die Sicherheit erst in weiteren Tierversuchen belegen. Ein Aufwand, den er gerne betreibt, schließlich ist er überzeugt: Eine Impfung gegen die Folgen von extremem Stress würde sich lohnen.

"Wenn jemand zusammengeschlagen wurde, oder einen Autounfall hatte, oder eine Naturkatastrophe überlebte, dann könnte er eine Serie von Impfungen erhalten, um ihn vor einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu schützen."

Noch sind diese Effekte nicht belegt. Aber es gibt wichtige Hinweise aus Impfprogrammen für Kinder. In Entwicklungsländern erhalten sie den Mycobacterienimpfstoff BCG. Der schützt nicht nur wie geplant vor Tuberkulose, sondern auch vor einer ganzen Reihe von anderen Gesundheitsproblemen, die auf ein überaktives Immunsystem zurückgehen. Allerdings nur, wenn BCG die letzte Impfung ist. Das würde Christopher Lowry gerne gezielt ausnutzen.

"Eine Impfung mit einem Mykobakterium könnte die Gesundheit über lange Zeit fördern. Sie würde die Begegnung mit den Mikroben der Umwelt ersetzen, auf die sich der Mensch in der Evolution eingestellt hat."

Winzige alte Freunde, die heute fehlen. Die aber in Zukunft vielleicht als Impfung Körper und Psyche vor den Folgen von Dauerstress schützen könnten.

 

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