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StartseiteKommentare und Themen der WocheKein gesunder Menschenverstand, sondern purer Egoismus29.07.2021

Impf-Äußerungen von AiwangerKein gesunder Menschenverstand, sondern purer Egoismus

Im Dlf-Interview hat Hubert Aiwanger, stellvertretender bayerischer Ministerpräsident, bekräftigt: er wird sich nicht impfen lassen. Sich als verfolgtes Opfer darzustellen und gleichzeitig von den positiven Auswirkungen der Impf-Kampagne zu profitieren, ist scheinheilig, kommentiert Michael Watzke.

Ein Kommentar von Michael Watzke

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Hubert Aiwanger, Wirtschaftsminister in Bayern und Bundesvorsitzender der Freien Wähler (picture alliance/dpa/Christophe Gateau)
Im Interview im Dlf zur Corona-Impfung wird klar, was gesunder Menschenverstand für Aiwanger bedeutet: nämlich Bauernschläue und Scheinheiligkeit, meint Michael Watzke (picture alliance/dpa/Christophe Gateau)
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Hubert Aiwanger will gesunden Menschenverstand nach Berlin bringen. Hat er gesagt, als er sich zum Spitzenkandidat der Freien Wähler für die Bundestagswahl ausrufen ließ. Spätestens seit seinem Interview im Deutschlandfunk zur Corona-Impfung wird klar, was gesunder Menschenverstand für Aiwanger bedeutet: nämlich Bauernschläue und Scheinheiligkeit. Warum?

In Minute 1 dieses 17 Minuten langen Gesprächs bekräftigt Aiwanger: er wird sich nicht impfen lassen. Sein Körper gehöre ihm, niemand dürfe ihn zwingen, diese rote Linie zu überschreiten. Da hat er recht. Es gibt in Deutschland keine Impfpflicht. Es gibt auch keine Jagd auf Ungeimpfte und erst recht keine Impf-Apartheid, von der Aiwanger auch schon mal gesprochen hat.

Nur einer im Kabinett hat sich nicht impfen lassen: Aiwanger

In Minute 15 des Deutschlandfunk-Interviews spricht Aiwanger dann über die abnehmende Bedeutung des Inzidenzwerts. Der solle und werde in Zukunft nicht mehr darüber entscheiden, ob es neue Corona-Einschränkungen gibt. Wichtiger sei beispielsweise, wie hoch die Auslastung der Betten-Kapazitäten in den Krankenhäusern sei. Denn: diese Auslastung sei deutlich zurückgegangen. Warum? Naja, sagt Aiwanger: weil sich so viele Menschen haben impfen lassen.

Nahaufnahme von einem Oberarm, auf dem sich an der Stelle, an der man geimpft wird, ein Pflaster befindet. Die fotografierte Person trägt ein weißes T-Shirt, dessen Ärmel hochgekrempelt ist. (Unsplash.com / Towfiqu barbhuiya) (Unsplash.com / Towfiqu barbhuiya)Immunologe Watzl zu Äußerungen von Aiwanger - "Es gibt eigentlich keinen Grund, sich nicht impfen zu lassen"
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Millionen Menschen: Krankenschwestern, Altenpfleger, Biergarten-Wirtinnen, Supermarkt-Verkäufer, Schauspielerinnen, Museums-Direktoren. Manche von ihnen haben danach Gliederschmerzen gehabt, einige vielleicht sogar leichtes Fieber. Die meisten sind trotzdem am nächsten Tag in die Arbeit gegangen. Trotz dieser "heftigen Nebenwirkungen", wie Aiwanger sie nennt, bei denen ihm "die Spucke weggeblieben" sei. Näher äußert er sich dazu nicht.

Im bayerischen Kabinett haben sich übrigens alle Minister impfen lassen. Nur einer nicht: Hubert Aiwanger. Dabei hatte der Niederbayer stets am lautesten beklagt, wie schwer es die bayerischen Hoteliers und Gastwirte wegen des Corona-Lockdowns hatten. Als bayerischer Wirtschaftsminister hat Aiwanger jede einzelne dieser Anti-Covid-Maßnahmen der bayerischen Staatsregierung abgesegnet.

Ausgerechnet dieser Hubert Aiwanger, der stellvertretende bayerische Ministerpräsident, spricht jetzt vom "politischen Establishment", dem er sich nicht beugen werde. Als sei er ein Outlaw, der nur seinem Gewissen folgt, während er sich jeden Morgen mit der Limousine ins Wirtschaftsministerium fahren lässt.

Vieles in Aiwangers Weltbild passt nicht zusammen

Das passt einfach nicht zusammen – wie so vieles in dem Interview und in Aiwangers Weltbild insgesamt. 

Nochmal: niemand wird gezwungen, sich impfen zu lassen. Jeder entscheidet selbst. Aber sich als verfolgtes Opfer darzustellen und gleichzeitig von den positiven Auswirkungen der Impf-Kampagne zu profitieren, ist scheinheilig. Und das alles noch sechs Wochen vor einer Bundestagswahl, bei der eben dieser Hubert Aiwanger darum kämpft, die Fünf-Prozent-Hürde zu knacken? Viel berechnender kann ein Politiker nicht werden.

Das ist kein gesunder Menschenverstand, das ist purer Egoismus.

Michael Watzke  (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Michael Watzke (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Michael Watzke, geboren 1973 in Remscheid, absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Er studierte Politik und Soziologie in München und Washington DC. Nach Stationen bei SZ und BILD arbeitete er als Chefreporter für Antenne Bayern. 2003 gewann er den Axel-Springer-Preis. Danach Ausbildung an der Drehbuch-Werkstatt der HFF München. Als Autor des TV-Dramas "Das letzte Stück Himmel" (Regie: Jo Baier) erhielt er den Robert-Geisendörfer-Preis und war für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Arbeit als Regisseur und Produzent. Seit 2010 berichtet er für Deutschlandradio als Bayern-Korrespondent aus München.

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