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StartseiteThemaKeine generelle Impf-Empfehlung für Kinder ab 12 Jahren10.06.2021

ImpfkommissionKeine generelle Impf-Empfehlung für Kinder ab 12 Jahren

In Israel und den USA laufen große Impfkampagnen bei Kindern ab 12 Jahren. In Deutschland ist die Ständige Impfkommission zurückhaltender und empfiehlt eine Coronaimpfung vorerst nur für Kinder mit Vorerkrankungen. Die Begründung: die noch unzureichende Datenlage. Ein Überblick.

Niedersachsen, Hannover: Ein Kinderarzt impft ein Kind mit einem 6-fach-Kombinationsimpfstoff gegen Diphtherie, Tetanus (Wundstarrkrampf), Kinderlähmung (Polio), Keuchhusten (Pertussis), Haemophilus influenzae Typ b (Hib) und Hepatitis B. (dpa-Bildfunk /  Julian Stratenschulte)
Seit 7. Juni können sich Jugendliche ab zwölf Jahren um einen Pieks gegen Corona bemühen (dpa-Bildfunk / Julian Stratenschulte)
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Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat am 10.10.2021 ihre Empfehlung zur Coronaimpfung bei Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren vorgelegt: Der Impfstoff von Biontech/Pfizer wird nur für Kinder und Jugendliche mit bestimmten Vorerkrankungen empfohlen. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hingegen hat den Impfstoff für diese Altersgruppe zugelassen. Auch in anderen Ländern, etwa den USA und Israel, laufen längst Impfkampangnen für diese Altersgruppen.

Wie kommt es zu den unterschiedlichen Einschätzungen von EMA und Stiko?

EMA und STIKO beziehen sich auf dieselben Daten, nämlich die Studie von BionTech/Pfizer, an der um die 2.000 Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren teilgenommen haben, erläutert Dlf-Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth. Die Wirksamkeit der Impfung lag bei 100 Prozent. Kein einziges der rund 1.000 tatsächlich mit Biontech/Pfizer geimpften Kinder entwickelte eine Coronainfektion. In der Placebogruppe kam es dagegen zu 16 Infektionen. Generell wurde die Impfung gut vertragen, es gab Reaktionen an der Einstichstelle und gelegentlich grippeähnliche Symptome, die aber nach wenigen Tagen verschwanden. Deshalb, so die EMA, überwiegt auch in dieser Altersgruppe der Nutzen das Risiko, und deshalb hat sie den Impfstoff auch für über Zwölfjährige zugelassen.

Zwei Hände in Handschuhen halten die ettiketierten Impfdosen, Symolfoto (IMAGO / C3 Pictures) (IMAGO / C3 Pictures)Corona-Impfstoffe - Risiken im Überblick 
Seit Dezember 2020 wird in Deutschland gegen das Coronavirus geimpft. Doch manch einer zweifelt: Wie steht es um Nebenwirkungen der verschiedenen Impfstoffe? Was sollten Betroffene tun? Und wie überwacht die EMA den Impfprozess?

Die STIKO empfielt den Impfstoff nur für Kinder mit Vorerkrankungen. Sie betont, dass es bei der Impfempfehlung um den individuellen, medizinischen Nutzen gehen sollte. Das Ausbremsen des Virus in der Gesellschaft spielt bei den Überlegungen hingegen keine Rolle. Zudem bleibt bei den Nebenwirkungen ein Restrisiko. Bei der Astrazeneca-Impfung etwa treten die besonderen Hirnvenenthrombosen nur nach einer Impfung unter mehreren Zehntausend auf. Solche extrem seltenen Nebenwirkungen können in einer Zulassungsstudie nicht entdeckt werden. Auf der anderen Seite sind schwere Coronaverläufe bei Kindern und Jugendlichen sehr selten. Es müssten 100.000 12- bis 16-Jährige geimpft werden, um einen Todesfall zu verhindern.

Von daher sagt die Stiko: Generell können wir die Impfung in dieser Altersgruppe nicht empfehlen, mit Ausnahme der Kinder mit Vorerkrankungen. Die STIKO betont zudem, dass der Impfstoff an die am meisten gefährdeten Personen gehen sollte, solange er knapp ist. Kinder ohne Vorerkrankungen fallen nicht darunter.

Was gemeinsames Spielen, Urlauben, Lernen angeht, so fordern es die deutschen Kinder- und Jugendärzte, muss die Gesellschaft andere Wege finden, allen Kindern, geimpft oder nicht, Wege zur Teilhabe zu eröffnen. Etwa die Schulen entsprechend aufzustellen und generell die Inzidenz herunterzubringen.

Welche Vorerkrankungen können Kinder gefährden?

Es gibt eine ganze Reihe von Krankheiten, die das Risiko bei Kindern für schwere Verläufe oder sogar Todesfälle erhöhen. Die STIKO nennt hier Lungenleiden, chronische Nierenprobleme schwere Herzinsuffizienz, ein eingeschränktes Immunsystem, Tumore, Trisomie 21, sehr starkes Übergewicht und noch einiges mehr. Geimpft werden können Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren auch, um enge Kontaktpersonen zu schützen. Ein Beispiel: eine Familie mit mehreren Kindern, eines davon ist zehn Jahre alt, es hat einen Immundefekt und kann selbst nicht geimpft werden. Dann könnte man die älteren Geschwister impfen, um sozusagen einen Schutzwall gegen Viren rund um dieses Kind aufzubauen. Und natürlich können die Kinder- und Jugendärzte nach ausführlicher Beratung einen zugelassenen Impfstoff auch in einer Einzelfallentscheidung verabreichen.

Warum impfen Israel und die USA Kinder schon länger?

Das hängt damit zusammen, für wie gefährlich man SARS-CoV-2 für Kinder hält. Tatsächlich sind schwere Verläufe bei Kindern viel, viel seltener. In den USA sind 323 Kinder gestorben, die amerikanischen Kinderärzte sagen, dass Kinder zwei Prozent der Krankenhauseinweisungen wegen Covid ausmachen, Tendenz steigend, weil die Älteren zunehmend geimpft sind. In den USA leben im Vergleich zu Deutschland auch mehr Menschen mit afrikanischen oder lateinamerikanischen Wurzeln, deren Kinder häufiger Risikofaktoren aufweisen und entsprechend häufiger schwere Covid-19-Verläufe erleben.

Die Centers for Disease Control and Prevention empfehlen deshalb die Impfung für alle Kinder im Alter von über zwölf Jahren. Dabei verweisen sie auf einen zweiten Aspekt, der auch in Israel eine Rolle spielt: Nur wenn wirklich breit geimpft werde, lasse sich die Pandemie stoppen. "Stop the spread" heißt da das Schlagwort, "Beende die Ausbreitung". Israel hat eine jüngere Gesellschaft als Deutschland, deshalb spielen Kinder dort eine größere Rolle, wenn es um das Erreichen eines Gruppenschutzes gegen das Coronavirus geht.

Könnte die STIKO die Empfehlungen künftig ausweiten?

Das ist wahrscheinlich, denn es wird jetzt in anderen Ländern breit auch bei Kindern geimpft. Die Ärzte bekommen mehr Erfahrungen und mehr Daten. Es ist also möglich, dass die STIKO die Empfehlungen noch aktualisiert, auch wenn das noch Wochen oder Monate dauern kann, bis es eben belastbare Daten gibt. Eine Aktualisierung ist demnächst auch deshalb notwendig, weil auch Moderna bei der EMA einen Antrag auf Zulassung ab zwölf Jahren eingereicht hat. Biontech/Pfizer und andere Hersteller haben auch mit Studien erst bei Fünf- bis Elfjährigen und demnächst auch bei Kindern ab sechs Monaten begonnen. Aber auch hier gilt: Erst wenn die Daten solide sind, wird es eine Zulassung und dann vielleicht auch eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission geben.

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Was ist mit Impfstoffen für kleinere Kinder?

Bei den Herstellern der vier aktuell in Deutschland zugelassenen Impfstoffe laufen klinische Studien zur Impfung von Kindern. Moderna untersucht in einer klinischen Studie mit dem Namen "KidCove" seinen Impfstoff an etwa 6.750 Kindern im Alter zwischen sechs Monaten bis zwölf Jahren. Auch Biontech und Pfizer testen ihren Impfstoff an Kindern ab sechs Monaten – demnach sollen insgesamt 4.500 junge Menschen bis zu einem Alter von zwölf Jahren den Impfstoff auf Verträglichkeit und Wirksamkeit testen. Biontech geht nach eigenen Angaben davon aus, dass belastbare Daten bis September verfügbar sein werden.

Astrazeneca und die Universität Oxford untersuchen ihren Impfstoff an 300 britischen Kindern im Alter von 6 bis 17 Jahren. Das Unternehmen Johnson & Johnson, dessen Impfstoff gerade in der EU zugelassen wurde, testet bereits seit August 2020 Teilnehmer ab zwölf Jahren. Dazu sind aber bisher keine Ergebnisse bekannt. Zentral bei der Erforschung ist die Wirksamkeit der Impfstoffe – dabei steht die Frage im Vordergrund, welche Dosis in den unterschiedlichen Altersgruppen den Aufbau von Antikörpern anregt.

Nach Einschätzung von Dlf-Wissenschaftsredakteur Martin Mair könnte es eventuell im Herbst einen Impfstoff für Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren geben, für noch kleinere Kinder dann wohl eher Ende des Jahres.

Wie sinnvoll ist es, Kinder gegen Corona zu impfen?

In Deutschland gibt es - mit Ausnahme der Impfung gegen Masern - keine Impfpflicht. Demnach müssen Eltern entscheiden, ob sie ihr Kind impfen lassen wollen, wenn ein Impfstoff zugelassen wird. Im Vordergrund stehe da die Abwägung von persönlichen Nutzen einer Impfung mit eventuellen Risiken, erklärt der Dlf-Wissenschaftsjournalist Martin Winkelheide.

Bislang gebe es hinsichtlich Impfrisiken keine gravierenden Sicherheitsbedenken, so Dlf-Wissenschaftsjournalist Winkelheide. Geprüft würden zurzeit auch Meldungen aus den USA und Israel. Dort sei es bei Jungen wenige Tage nach der zweiten Impfung mit einem mRNA-Impfstoff in seltenen Fällen zu einer Myokarditis gekommen, einer Entzündung des Herzbeutels. "Es geht um wenige Hundert Fälle einer Erkrankung mit meist mildem Verlauf bei insgesamt mehr als fünf Millionen Geimpften", sagte der Kardiologe und Pharmakologe Thomas Meinertz auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kündigte im Dlf an, dass bis Ende August allen Kindern ab zwölf Jahren ein Impfangebot gemacht werden könne. Dieses Ziel hatte bereits der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, ins Spiel gebracht. Bildungsministerin Anja Karliczek begrüßte den Vorschlag.

Spahn sprach sich am 26.05.2021 bei RTL/ntv dafür aus, Kinder und Jugendliche auch in die Impfkampagne einzubinden, wenn es keine Empfehlung der STIKO dafür geben sollte. Sollte ein Impfstoff regulär durch die EMA für diese Altersgruppe zugelassen werden, könnten sich Eltern und Kinder mit ihren Ärzten beraten und individuell entscheiden.

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Individuelles Risiko von Kindern

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Schutz des Individuums und Schutz der Gesellschaft

Neben der Nutzen-Risiken-Abwägung gelte es auch das Thema der globalen Impfgerechtigkeit zu beachten, sagte Winkelheide. Diesen Aspekt habe die Weltgesundheitsorganisation WHO in einem Apell an die reichen Staaten noch einmal hervorgehoben: Die Entscheidung, Kinder impfen zu wollen, könne den globalen Impfstoffmangel und die Ungerechtigkeit bei der Impfstoffverteilung verschärfen.

Zudem gebe es Beobachtungen aus Ländern mit einer massiven Impfkampagne wie Großbritannien, dass schon die Impfung von Erwachsenen einen großen Effekt auf die Infektionszahlen bei Kindern und Jugendlichen habe. Auf der anderen Seite gebe es aber auch die Überlegung, dass Herdenimmunität nur erreicht werden könne, wenn auch möglichst viele Kinder und Jugendliche geimpft sind. Es gebe also viel abzuwägen.

Gründe für eine Impfung sei immer der Schutz des Individuums und Schutz der Gesellschaft, sagte die Virologin Ulrike Potzer im Dlf. Letzteres scheine auch ganz gut zu funktionieren, wenn die Erwachsenen geimpft sind. Kinder sollten aus Ihrer Sicht dann geimpft werden, wenn sie durch Vorerkrankungen ein höheres Risiko haben oder ihr familiäres Umfeld besonders gefährdet ist.

Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie an der TUM und am Helmholtz Zentrum München (dpa/Sven Hoppe) (dpa/Sven Hoppe)Virologin: Kinder mit erhöhtem Risiko priorisieren 
Die Virologin Ulrike Protzer hält eine Impfung für Kinder empfehlenswert, wenn sie selbst ein höheres Risiko haben oder ihr familiäres Umfeld gefährdet ist. Ansonsten sei das individuelle Risiko der Kinder überschaubar, sagte sie im Dlf. 

Tägliche Impfungen in Deutschland

Wo liegen weitere Stolpersteine?

Neben der fehlenden Datenlage ist auch die Durchführung der Impfung eine Herausforderung. Wie die Impfung von Kindern dahingehend geregelt werden soll, darüber gibt es noch keine Informationen. Sollte es allerdings schon Ende August mit den Kindern ab zwölf Jahren losgehen und im Anschluss dann im Herbst und Winter die kleineren Kinder folgen, wird sich das auch mit der Auffrischungsimpfung für einen Großteil der Bevölkerung überschneiden – organisatorisch eine weitere Mammutaufgabe.


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