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StartseiteKommentare und Themen der WocheMasernimpfung ist wie Gurt-Anlegen14.11.2019

Impfpflicht Masernimpfung ist wie Gurt-Anlegen

Die Impfpflicht gegen Masern ist wie das Gurt-Anlegen im Auto, kommentiert Carsten Schroeder. Es sei ein Eingriff in die persönliche Freiheit, der aber sein müsse. Die Argumente dagegen klängen wie einst die Gurtpflicht-Gegner vor über 40 Jahren.

Von Carsten Schroeder

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Der 1. Januar 1976 war der Tag, an dem in Deutschland die Anschnallpflicht im Auto eingeführt wurde, gegen wütende Proteste von Autofahrern, die um ihre Freiheit im Allgemeinen fürchteten, die Angst hatten, bei einem Unfall im Autowrack angeschnallt zu verbrennen. Manche fürchteten gar um zerknitterte Hemden. Heute, 43 Jahre später, wird kaum jemand den Sinn von Sicherheitsgurten im Auto bezweifeln.

Das Recht auf körperliche Unversehrtheit muss zurückstehen

Heute hat der Bundestag die Impfpflicht gegen Masern beschlossen, und wieder regt sich bei manchen wütender Protest. Vor allem die Pflicht zur Impfung ruft Unmut hervor. Impfungen seien Körperverletzungen, sie seien gesundheitlich riskant, es gäbe Nebenwirkungen, die nicht ausreichend erforscht seien, und die Pflicht zur Impfung nähme dem Einzelnen die Freiheit, sich dagegen zu entscheiden.

Eltern anderswo auf der Welt wären glücklich

Da ist ein bisschen Wahres dran, genauso wie beim Risiko durch Sicherheitsgurte im Auto. Aber es ist eine Luxusargumentation. Wie viel Länder wünschten sich die Möglichkeit einer flächendeckenden Masernimpfung. Zum Beispiel im Kongo. Dort breitet sich laut einem Bericht der Vereinten Nationen vom September die weltweit größte Masern-Epidemie aus. Knapp 3.700 Menschen sind bereits gestorben, daneben gibt es mehr als 180.000 Verdachtsfälle. Oder zum Beispiel Madagaskar, eines der weltweit ärmsten Länder. Mehr als 1.100 Kinder sind dort Anfang dieses Jahres an einer Masern-Epidemie gestorben, und zwar deshalb, weil ihre Eltern sich die Masernimpfung ihrer Kinder finanziell einfach nicht leisten können. Die Madagassen, davon kann man ausgehen, hätten mit Sicherheit ihre Kinder impfen lassen, wenn es denn möglich gewesen wäre.

Impfen ist kein finanzielles Risiko

Und in Deutschland erkranken Kinder an den Masern, weil ihre Eltern sie nicht impfen lassen wollen. Obwohl das hierzulande die Krankenkassen bezahlen. Das ist so wenig zu verstehen wie der Autofahrer, der in seinem Auto keine Sicherheitsgurte haben will. Masern gehören zu den ansteckendsten Infektionskrankheiten, im vergangenen Jahr wurden in Europa mehr als 12.000 Masernfälle gemeldet. Mit einer Impfung schützt man sich, aber auch andere. Deswegen war die Entscheidung für die Masernimpfpflicht heute notwendig und richtig. In 40 Jahren - vielleicht - werden unsere dann geimpften Enkelkinder staunend die Köpf darüber schütteln, wie man so etwas Vernünftiges wie die Masernimpfung verweigern konnte. Ähnlich wie den Sicherheitsgurt im Auto.

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