Corona-ImpfpflichtHolt die Gegner aus ihrem Dilemma

Eine Impfpflicht werde Impfgegner wenigstens von ihrem moralischen Dilemma entbinden, meint Michael Watzke. Wenn der Staat das Impfen anordne, übernehme er die Verantwortung - politisch und auch moralisch. Jeder Impfgegner könne dann sagen: Ich musste mich impfen lassen.

Ein Kommentar von Michael Watzke | 23.11.2021

Gegner der Impfpflicht bei einer Demo
Gegner der Impfpflicht bei einer Demo (picture alliance/dpa)
Das vielleicht überzeugendste Argument für eine allgemeine Impfpflicht nennen viele Impfgegner mittlerweile selbst. Es geht so: wenn der Staat eh‘ einen faktischen Lockdown für Ungeimpfte verhängt – wie derzeit etwa in Bayern, wo man ab morgen ohne Impfausweis nicht mal mehr zum Frisör darf – dann soll der Staat, bitte schön, das Impfen auch von Staats wegen anordnen. 

Das macht für viele Impf-Skeptiker und Impfgegner tatsächlich einen Unterschied. Denn aktuell stecken Nicht-Geimpfte, die sich theoretisch impfen lassen könnten, in einem moralischen Dilemma. Und zwar nicht mit der Gesellschaft, sondern mit sich selbst. Dabei ist nicht ausschlaggebend, dass immer mehr Menschen auf den Intensiv-Stationen an Corona sterben – dagegen argumentieren Impf-Verweigerer, dass Menschen nicht nur an Covid, sondern auch an der Grippe oder einem Herzinfarkt sterben.  Das sei nun mal der Lauf des Lebens. Das moralische Dilemma von Impfgegnern rührt auch nicht daher, dass immer mehr Ungeimpfte Intensiv-Betten belegen, die Krebspatienten oder Unfall-Opfern fehlen. Denn, so das Gegen-Argument: die Politik habe geschlafen und die Betten-Kapazität nicht ausreichend gesteigert. 

Impfpflicht entbindet Impfgegner von ihrem moralischen Dilemma

Nein, das moralische Dilemma von Impf-Gegnern ist ein anderes: wie rechtfertige ich es vor mir selbst, dass ich eingeknickt bin und mich doch habe impfen lassen, obwohl ich es nicht wollte? Ich habe meine eigenen Prinzipien aus Sorge um Einschränkungen im täglichen Leben aufgegeben, vielleicht auch aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung. 
Und hier kommt die allgemeine Impf-Pflicht ins Spiel. Sie entbindet Impfgegner wenigstens von ihrem moralischen Dilemma. Wenn der Staat das Impfen anordnet, übernimmt er die Verantwortung. Politisch und, ja, auch moralisch. Jeder Impfgegner kann dann sagen: ich musste mich impfen lassen. Der Staat, die Gesellschaft hat mich dazu gezwungen. Mich trifft keine Schuld. Ich bin das Opfer, nicht der Täter. 

Der ehrlichere Weg

Erwachsene Menschen, die heute noch nicht geimpft sind, obwohl gesundheitlich nichts dagegenspräche, können das nur aus tiefer Überzeugung tun. Im festen Glauben daran, dass eine Impfung falsch ist. Da geht es nicht um mögliche Impf-Nebenwirkungen. Es ist eine fundamentale Einstellung: Impfen ist ein Schlag gegen die Freiheit, eine Einschränkung der körperlichen und geistigen Selbstbestimmung. Impfen ist identisch damit, den falschen gesellschaftlichen Kräften nachzugeben. Dieses Weltbild kann naturheilkundlich, esoterisch oder religiös begründet sein. Es kann verschwörungstheoretisch, reichsbürgerlich oder völkisch motiviert sein. Es ist ein krudes, falsches Weltbild - egal, wie man es dreht oder wendet. Nur: Ändern wird es weder eine Diskussions-Runde noch eine Impf-Werbekampagne noch dieser Kommentar. 
Es wird nicht leicht für unsere Gesellschaft, damit umzugehen, dass ein nicht so kleiner Teil unseres Landes sich als Opfer der Impfpflicht fühlen und darstellen wird. Aber es ist der ehrlichere Weg. Denn ein Lockdown für Ungeimpfte ist letztlich auch Impfzwang – nur ohne es so zu nennen. 
Michael Watzke
Michael Watzke (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)
Michael Watzke, geboren 1973 in Remscheid, absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Er studierte Politik und Soziologie in München und Washington DC. Nach Stationen bei SZ und BILD arbeitete er als Chefreporter für Antenne Bayern. 2003 gewann er den Axel-Springer-Preis. Danach Ausbildung an der Drehbuch-Werkstatt der HFF München. Als Autor des TV-Dramas "Das letzte Stück Himmel" (Regie: Jo Baier) erhielt er den Robert-Geisendörfer-Preis und war für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Arbeit als Regisseur und Produzent. Seit 2010 berichtet er für Deutschlandradio als Bayern-Korrespondent aus München.