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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Aufhebung kommt zu früh!18.05.2021

ImpfpriorisierungDie Aufhebung kommt zu früh!

Die Priorisierung aufzuheben klingt nach Fortschritt, ändert aber praktisch wenig, kommentiert Volkart Wildermuth. Solange Arztpraxen viel weniger Impfstoff geliefert bekommen, als sie bestellt haben, solange sollte die bisherige Reihenfolge weiter gelten.

Ein Kommentar von Volkart Wildermuth

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Eine ältere Person bekommt eine Impfung gegen Corona. Berlin, 19.01.2021. (imago / photothek / Florian Gärtner)
Ob die Hausärzte noch Zeit für Hausbesuche haben werden ist fraglich, wenn ihnen die Jüngeren die Praxis einrennen, kommentiert Volkart Wildermuth (imago / photothek / Florian Gärtner)
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Hurra, ab dem 7. Juni dürfen alle den Arm hinhalten und bekommen eine Coronaimpfung. Eine super Nachricht. Da vergisst man leicht das Kleingedruckte, das Bundesgesundheitsminister Jens Spahn noch hinterhergeschoben hat. Alle dürfen den Arzt fragen, aber ob der dann auch tatsächlich Impfstoff hat, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Und genau hier liegt das Problem.

  (picture alliance/dpa | Swen Pförtner) (picture alliance/dpa | Swen Pförtner)Verbands-Vize: Betriebsärzte können Impftempo beschleunigen
Es sei sinnvoll dass ab 7. Juni auch Betriebsärzte mit eingebunden würden, sagt Anette Wahl-Wachendorf, Vizepräsidentin des Verbands der Betriebs- und Werksärzte. Somit könnten auch jene Arbeitnehmer geimpft werden, die zum Teil keinen Hausarzt haben.

Bei der Priorisierung geht es ja darum, besonders gefährdete Menschen zuerst zu schützen. Also die Alten, Personen mit Vorerkrankungen oder aus Berufen mit vielen engen Kontakten. Dieser Berg ist noch längst nicht abgearbeitet. Zugegeben, bei den über 80-Jährigen sind deutlich mehr als zwei Drittel vollständig geimpft. Das entlastet spürbar die Intensivstationen. Aber schon bei den zwischen 70- und 80-Jährigen sind nach wie vor fast neun von zehn ohne kompletten Schutz. Wie der Anteil bei den Menschen mit Vorerkrankungen aussieht, wird leider nicht mehr nachgehalten. Dazu kommen das Kita- und Schulpersonal, Mitarbeiter von Polizei und Feuerwehr, die vielen Beschäftigten im Lebensmittelhandel, von denen viele auch noch auf ihren Termin warten.

Die Nachteile der schlecht Erreichbaren

Von den Prio-Gruppen sind vor allem die geimpft, die einfach zu erreichen waren. Wer nicht im Heim lebt, sondern allein, oder auf dem Land, oder vielleicht nicht so gut Deutsch spricht, der hat aktuell noch das Nachsehen. Diese Personen müssten aktiv aufgesucht werden. Das erfordert Aufwand, ist anstrengend.

Aber ob die Hausärzte noch Zeit für Hausbesuche haben werden ist fraglich, wenn ihnen die Jungen die Praxis einrennen. Nicht falsch verstehen, ich kann das nachvollziehen. Es geht um Urlaubspläne und dann ist SARS-CoV-2 auch außerhalb der Prio-Gruppen nicht ohne, gerade auch wegen Long Covid. Aber das Risiko liegt für diese Menschen eben doch deutlich niedriger.

Priorisierung nach der Aufhebung?

Deshalb werden verantwortungsvolle Ärztinnen auch nach der Aufhebung der Priorisierung weiter priorisieren, weil es schlicht noch nicht genug Impfstoff für alle gibt. Nur statt einfach auf die Verordnung zu verweisen, müssen sie dann mit jedem Patienten neu diskutieren. Das kostet Zeit, kostet Kraft, die doch besser in die Impfanstrengung investiert würde. Wenn dann am Ende des Tages noch ein paar Dosen übrig sind, sollen die natürlich für jederfrau zur Verfügung stehen. Jede Impfung im Arm ist eine gute Impfung.

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Immer mehr Menschen versuchen, sich an der Impf-Priorisierung vorbeizumogeln, wie Recherchen von Report Mainz ergeben haben. Einige Ärzte unterstützten sie dabei mit nicht regelkonform ausgestellten Attesten, sagte Astrid Tributh vom Hausärzteverband Brandenburg

Praktisch ändert sich wenig

Die Priorisierung aufzuheben klingt nach Fortschritt, ändert aber praktisch wenig. Jens Spahn wollte wohl gute Nachrichten liefern, nur hat er den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht. Enttäuschungen sind da vorprogrammiert. Solange Arztpraxen viel weniger Impfstoff geliefert bekommen, als sie bestellt haben, solange sollte die Priorisierung weiter gelten. Um den Ärztinnen und Ärzten den Rücken freizuhalten, um die besonders Gefährdeten wirklich zu schützen und um allen anderen den Stress beim wahrscheinlich allzu oft vergeblichen Kampf um den Impftermin zu ersparen. 

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