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StartseiteKommentare und Themen der WocheSolidarität mit den Jungen08.05.2021

ImpfreihenfolgeSolidarität mit den Jungen

Es gibt gute Argumente für und gegen die Impfpriorisierung von Kindern und Jugendlichen. Als politisches Signal wäre es aber richtig, sie nun vorzuziehen, meint Anna Sauerbrey, stellvertretende Chefredakteurin des Tagesspiegel. In einer alternden Gesellschaft komme Kindern ein besonderer Schutz zu.

Ein Kommentar von Anna Sauerbrey, stellv. Chefredakteurin Tagesspiegel

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Ein Mädchen trägt einen Mund-Nasen-Schutz und wird mit einer Spritze in den Arm geimpft. (picture alliance / dpa / Laci Perenyi)
Ob Kinder und Jugendliche priorisiert gegen Covid-19 geimpft werden sollte, sorgt für Kontroversen (picture alliance / dpa / Laci Perenyi)
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Das Licht am Ende des Pandemietunnels wird immer heller: Fast jeder dritte Deutsche ist jetzt mindestens einmal geimpft, acht von 100 sogar vollständig. Die Zahl der Neuinfektionen sinkt rasant, viele Bundesländer lockern etwas, das Wetter wird ab diesem Wochenende sommerlich und plötzlich scheint die lang ersehnte Normalität, der Urlaub, der Biergarten, das Freibad wieder greifbar.

Politisch und auch ethisch aber liegen noch schmerzhafte Entscheidungen im Weg und blockieren das allzu fröhlich tänzelnde Voranschreiten. Die Politik IN der Pandemie war geprägt von schwierigen Verteilungsfragen. Der Weg hinaus ist es auch. Eine Frage, die jetzt ansteht, ist: Sollten Kinder und Jugendliche bei den Impfungen Vorrang haben, sobald ein Impfstoff für sie zugelassen ist?

Kinder in Schulklasse mit Maske während der Corona-Pandemie (Slavomir Kubes / CTK Photo / www.imago-images.de) (Slavomir Kubes / CTK Photo / www.imago-images.de)Corona-Impfung für Jugendliche unter 16 
Im Falle einer Zulassung für 12- bis 15-Jährige sollte der Biontech-Impfstoff auch allen Jugendlichen dieser Altersgruppe zur Verfügung gestellt werden, sagte Jörg Dötsch von der Uniklinik Köln im Dlf. Der Mediziner rechnet damit, dass die ersten bereits im Spätsommer geimpft werden könnten.

Bislang ist Biontech für Personen ab 16 Jahren zugelassen. Das Unternehmen hat nun als erstes die Zulassung seines Impfstoffes für Kinder und Jugendliche von 12 bis 15 Jahren beantragt. Bis Juni dürfte der Impfstoff verfügbar sein, sagt Gesundheitsminister Jens Spahn. Kanada hat Biontech in dieser Woche bereits für diese Altersgruppe freigegeben.

Denkbar, Kinder zu bevorzugen

Die Bundesländer wollen nun jeweils für sich Pläne erstellen, wie bis Ende August alle Kinder dieser Altersgruppe eine erste Impfung erhalten könnten. Besonders schnell ginge es, wenn man Biontech für diese Altersgruppe "reserviert", denn für sie gibt es nur diesen einen Impfstoff. Denkbar wäre auch, Kinder generell bei der Terminvergabe zu bevorzugen. Andere Berechtigte hätten dann keine Wahl mehr – oder müssten länger warten.

Zwei Argumente sprechen für eine Priorisierung von Kindern: Das erste ist ein epidemiologisches, es bezieht sich auf die Verbreitung des Virus: Schulen sind ein zentraler Kontaktort, von ihnen gehen trotz Tests Infektionen aus. Diese betreffen nicht nur die Kinder selbst, sondern auch die Eltern schulpflichtiger Kinder. Die sind oft in einem Alter, in dem sie noch nicht geimpft sind, sie können sich aber nur schlecht schützen vor dem, was ihre Kinder aus der Schule mitbringen. Die Kinder schnell zu impfen würde viele Personen schützen und Infektionen eindämmen.

Das Foto zeigt die Hochhaus-Siedlung Kölnberg im Stadtteil Meschenich.  (imago / Kirchner-Media) (imago / Kirchner-Media)Forderung nach verstärkten Impfungen in Infektionsbrennpunkten
Die bisherige Priorisierung bei den Corona-Impfungen in Deutschland soll spätestens im Juni aufgehoben werden. Das ist das Ergebnis des Impfgipfels von Bund und Ländern am 26. April gewesen. Aber die Meinungen dazu gehen auseinander.

Kinder haben mit am meisten unter der Pandemie gelitten

Das zweite ist ein Gerechtigkeitsargument. Kinder und Jugendliche haben neben den Hochbetagten in Pflegeheimen am meisten unter der Pandemie gelitten. Sie haben monatelang gar keine Schule gehabt oder nur Wechselunterricht, ohne Sport, ohne gemeinsames Spiel in den Pausen. Sie haben ihre Freunde nicht gesehen, konnten nicht in den Fußballverein. Eltern, Lehrer und Psychologen berichten immer wieder von den schweren Folgen, psychologischen wie auch etwa bei der Gewichtszunahme. Wenn Kinder jetzt priorisiert werden würden, hätten sie "normalere" Sommerferien, Familien könnten zusammen in den Urlaub fahren und die Schulen könnten im August und September wahrscheinlich ganz normal wieder öffnen.

Gegen eine Priorisierung von Kindern spricht, dass es das Impfen komplizierter machen würde – und damit womöglich den Impffortschritt verlangsamen könnte. Das fiele am Ende auch auf die Kinder zurück. Zudem müssten andere Impfwillige wahrscheinlich etwas länger warten – Impfwillige, die ein höheres Risiko haben, schwer zu erkranken. Zwar gibt es Berichte über Long-Covid-Fälle bei Kindern, dennoch erkranken sie insgesamt nur sehr, sehr selten schwer.

Politisches Signal der Wertschätzung auch an Familien

Die Abwägung fällt nicht leicht. Als politisches Signal aber wäre es gut und richtig, Kinder – und damit auch ihre Familien – nun vorzuziehen. Es ist wichtig, die Interessen verschiedener Generationen nicht gegeneinander auszuspielen, die Pandemie aber hat gezeigt, dass diese Konflikte natürlich existieren und offen angesprochen werden sollten. Deutschland ist eine alternde Gesellschaft. Über 20 Millionen Menschen hierzulande sind bereits pensioniert. Allein durch ihre schiere Zahl haben sie enorme politische Macht. Damit kommt Kindern und Jugendlichen beinahe schon der Status einer Minderheit zu, zu deren Schutz sich die Gesellschaft besonders verpflichtet fühlen sollte, deren Interessen sie besonders im Blick haben muss.

Jetzt gibt es eine einmalige Gelegenheit zu zeigen, dass Kinder und Jugendliche gesehen und gehört werden. Indem man sie bei den Impfungen vorzieht und ihnen einen kleinen Vorsprung von einigen Wochen gibt - beim Start in die neue Normalität.

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