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StartseiteKommentare und Themen der WocheKeine Glanzleistung der Gesundheitsminister02.08.2021

Impfung von MinderjährigenKeine Glanzleistung der Gesundheitsminister

Die Gesundheitsministerkonferenz hat die Impfung Minderjähriger gegen das Coronavirus beschlossen. Zugleich habe die Politik aber weiterhin keine Strategie, um erwachsene Impfverweigerer zu überzeugen, kritisiert Volker Finthammer. Die Entscheidung sei deshalb keine Glanzleistung.

Von Volker Finthammer

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Ein Kinder- und Jugendarzt drückt ein Abtupftuch an die Stelle, an der eine junge Frau mit dem Corona-Impfstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer geimpft wurde. (picture alliance / dpa / Fabian Sommer)
Coronavirus - Impfung beim Kinder- und Jugendarzt (picture alliance / dpa / Fabian Sommer)
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Manchmal nehmen die Debatten in Deutschland krude Züge an, und die Gleichschaltungsfantasien längst überwundener Zeiten feiern unerwartet neue Urstände.

Das gilt in diesen Tagen wohl auch für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Ständigen Impfkommission, die trotz des wachsenden politischen Drucks bislang daran festhalten, keine allgemeine Impfempfehlung für Jugendliche auszusprechen. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sieht darin bereits eine klare Außenseiterposition, über die sich die Gesundheitsminister hinwegsetzen sollten.

Sind wir schon wieder so weit? Halten wir den sachlich begründeten Dissens nicht mehr aus? Müssen sie Wissenschaftler vorsorglich Hurra rufen, damit die Politik Entscheidungen treffen kann? So erscheint zumindest die öffentliche Debatte in diesen Tagen, für die es keinen sachlich nachvollziehbaren Grund gibt.

Mit einer Spritze wird Impfserum gegen Covid 19 aus einer Ampulle gezogen. Im Hintergrund ist ein Jugendlicher zu erkennen, der geimpft werden soll. (picture alliance /  Frank Hoermann / SVEN SIMON) (picture alliance / Frank Hoermann / SVEN SIMON)Debatte um Impfempfehlungen für Minderjährige
Die Gesundheitsminister wollen nun auch Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren ein Impfangebot unterbreiten. Damit folgen sie nicht mehr der Empfehlung der Ständigen Impfkommission STIKO, die Impfungen nur für Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen vorsah.

Wissenschaftler dürfen vorsichtig sein

Die Gesundheitsminister sind frei, eine Entscheidung zu treffen, so wie sie das heute auch getan haben. Es gibt auf der anderen Seite aber auch keinen Grund für die Wissenschaftler, von ihrer eher vorsichtigen Haltung abzuweichen, solange die Zweifel über die Wirksamkeit der Impfungen nicht vollends ausgeräumt sind.

Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Impfung nur bei Vorerkrankungen, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf annehmen lassen, sowie für Kinder und Jugendliche, in deren Umfeld sich Angehörige oder andere Kontaktpersonen mit hoher Gefährdung befinden. Alle anderen können das nach Rücksprache mit dem Haus- oder Kinderarzt freiwillig tun, wie jeder Erwachsene auch. Und rund ein Fünftel aller Jugendlichen ist diesem Angebot bereits gefolgt.

Die eigentliche Frage lautet: Wie überzeugt man Impfverweigerer?

Ohnehin scheint das nur eine Stellvertreterdebatte zu sein, worauf der STIKO-Vorsitzende Thomas Mertens zu Recht hingewiesen hat. Statt einer lautstarken Debatte über die Impfung von knapp über vier Millionen Jugendliche zu führen, sollte die Politik viel eher den Fokus darauf richten, wie es gelingen kann die zunehmende Zahl der Impfverweigerer über 18 Jahren doch noch für eine Spritze zu gewinnen.

Von diesen sind über 18 Millionen Bundesbürger nicht geimpft. Aber genau da hat die Politik keine überzeugenden Strategien. Da wird vorsichtig über Lockangebote nachgedacht oder die Hoffnung darauf gesetzt, dass Privatanbieter mit dem Recht, nur Geimpfte als Kunden und Gäste zuzulassen, das Problem schon irgendwie lösen.

Nahaufnahme von einem Oberarm, auf dem sich an der Stelle, an der man geimpft wird, ein Pflaster befindet. Die fotografierte Person trägt ein weißes T-Shirt, dessen Ärmel hochgekrempelt ist. (Unsplash.com / Towfiqu barbhuiya) (Unsplash.com / Towfiqu barbhuiya)Pflicht, Aufklärung, Anreize - Wie man die Impfquote erhöhen kann
Eine Impfpflicht soll es in Deutschland nicht geben, diskutiert wird aber, ob geimpfte Menschen schneller und mehr Freiheiten bekommen sollten als andere. Mit welchen weiteren Mitteln ließe sich die Impfquote erhöhen? Und wäre eine Impfpflicht überhaupt verfassungsrechtlich durchsetzbar?

Das grenzt an eine relative Hilfs- und Sprachlosigkeit. Und die Debatte über die Impfung von Kindern könnte das Problem sogar noch vergrößern, weil sie von den Impfgegnern und Querdenkern als ein weiterer Versuch zur indirekten Impfpflicht wahrgenommen und instrumentalisiert werden könnte.

Vor diesem Hintergrund haben sich die Gesundheitsminister mit der heutigen Entscheidung keinen Gefallen getan. Denn freiwillig impfen lassen konnten sich Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren ohnehin schon.

Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer, Jahrgang 1963, studierte Politik in Marburg und in Berlin. Nach der Wende erste Radioerfahrungen beim Deutschlandsender Kultur in Ostberlin. Seit 1994 beim Deutschlandradio. Redakteur im Ressort Politik und Hintergrund. Korrespondent im Hauptstadtstudio in Berlin und in Brüssel. CvD in der Chefredaktion von Deutschlandradio Kultur. Seit September 2016 wieder im Hauptstadtstudio in Berlin mit dem Schwerpunkt Wirtschafts- und Sozialpolitik.

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