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StartseiteWissenschaft im BrennpunktPieks mit Mehrwert18.01.2015

ImpfungenPieks mit Mehrwert

Impfungen gelten als hochspezifisch: Sie sollen vor genau einem Erreger schützen. Studien des Bandim Health Project aus Westafrika zeigen aber: Kinder, die gegen Masern geimpft werden, leiden auch seltener unter Durchfällen und Atemwegserkrankungen und haben deshalb bessere Aussichten, ihren fünften Geburtstag zu erleben.

Von Volkart Wildermuth

Eine Spritze sticht in einen Arm (picture-alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Welche positiven Nebenwirkungen haben Impfungen? (picture-alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Weiterführende Information

Links des Deutschlandradios: 

Impfung - Weckruf für das Immunsystem
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 13.11.2014)

Impfung gegen Kinderlähmung - Kombination aus verschiedenen Konzepten verbessert den Schutz
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 22.08.2014)

Malaria-Impfung - Medikamente aus Afrika für Afrika
(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 24.12.2013)

Keuchhusten-Impfung - Gesund, aber ansteckend
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 10.12.2013)

Externe Links: 

Das Bandim Health Project

Berichte der WHO vom April 2014

Prof. Stefan Kaufmann am MPI für Infektiosnbiologie
Stiko beim RKI

Ebola-Impfung - Erste klinische Hürde genommen(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 27.11.2014)

Impfung - Weckruf für das Immunsystem
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 13.11.2014)

Impfung gegen Kinderlähmung - Kombination aus verschiedenen Konzepten verbessert den Schutz
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 22.08.2014)

Impfung - Kombinierter Schutz vor Denguefieber
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 03.06.2014)

Malaria-Impfung - Medikamente aus Afrika für Afrika
(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 24.12.2013)

Keuchhusten-Impfung - Gesund, aber ansteckend
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 10.12.2013)

Guinea-Bissau. Ein kleines Land an der Westküste Afrikas, direkt neben dem größeren Guinea. Hier gibt es kein Ebola, und auch sonst taucht der Name in den Nachrichten kaum auf. Jetzt könnten Studien aus genau diesem Land das Verständnis von Impfungen grundlegend verändern - mit Auswirkungen nicht nur auf Afrika, sondern weltweit, auch auf Europa.

Pieks mit Mehrwert. Über die unerwarteten Effekte von Impfungen
Von Volkart Wildermuth

Diese Geschichte beginnt Ende der 70er. Der Unabhängigkeitskrieg gegen die portugiesische Kolonialmacht war gerade erst vorbei, da kam ein neuer Schrecken, unsichtbar diesmal.

"Ich war 33, 34 Jahre alt, hatte noch nie eine Leiche gesehen. Und da stand ich nun, mitten in einer Masern-Epidemie und überall waren Sterbende. Das war ein Schock."

Eine Masernimpfung bei einer Zweijährigen (AP)Eine Masernimpfung bei einer Zweijährigen (AP)

Der Anthropologe Peter Aaby war Teil eines schwedischen Ärzteteams, das Guinea-Bissau im Kampf gegen Mangelernährung und Infektionskrankheiten unterstützen sollte.

"Als wir mit unserer Studie 1978 anfingen, starb jedes zweite Kind vor seinem fünften Geburtstag. Dann begannen wir mit der Masernimpfung und die Sterberate reduzierte sich auf ein Drittel."

Die Impfung rettete sicher viele Kinder vor Masern. Aber das alleine konnte den starken Rückgang der Sterbezahlen von über 50 auf unter 20  Prozent nicht erklären. Wie konnte das geschehen?

"Das wurde unsere Mission, herausfinden, wie so etwas möglich ist."

Impfungen sind auf einen bestimmten Erreger zugeschnitten – eigentlich

Impfungen haben die Welt verändert. Es gibt keine Pocken mehr, die Kinderlähmung tritt fast nicht mehr auf, die Diphtherie hat ihren Schrecken verloren, genauso wie viele andere Krankheiten. Eine Erfolgsgeschichte der Medizin, die auf einer Täuschung beruht. Eine Impfung gaukelt dem Körper eine Infektion vor, mit einem abgeschwächten Erreger oder sogar nur mit dessen Bruchstücken. Ungefährlich - das Immunsystem attackiert trotzdem und merkt sich den Eindringling. Wenn der dann tatsächlich den Körper infiziert, wird er abgewehrt, bevor er sich überhaupt festsetzen kann. Impfungen sind hochspezifisch, so die Theorie: Eine Masern-Impfung schützt vor den Masern und nicht etwa vor Durchfällen. Deshalb beobachten Studien zur Masernimpfungen genauestens die Masernstatistiken. Während andere Effekte gar nicht erst registriert werden. Dieser Blickwinkel schien Peter Aaby von Anfang an zu eng.

"Die meisten Gesundheitsprojekte der Dritten Welt beruhen darauf, dass Westler wissen, was zu tun ist und das umsetzen. Aber es wird selten geprüft, ob die Annahmen stimmen. Bei vielen Programmen ist unklar, wie sie das Überleben der Kinder beeinflussen. Das ist unser Ansatz, wir fragen: Welche Effekte gibt es im richtigen Leben?"

Vor über 35 Jahren gründete Peter Aaby das Bandim Health Project, benannt nach einem großen Bezirk der Hauptstadt Bissau. Dort und in 180 Dörfern in ganz Guinea-Bissau verfolgen Ärzte seitdem die Gesundheit der Kinder, registrieren Geburtsraten, das Gewicht der Babys, ob gestillt wird oder nicht, Impfungen, aber auch Krankheiten und Arztbesuche. Über 450 wissenschaftliche Artikel sind daraus entstanden. Erkenntnisse, die Wirkung zeigen, wie Peter Aaby immer wieder feststellt, wenn er unterwegs ist.

"Ein Mann vom Land sagte: Seit ihr mit den Impfungen begonnen habt, stirbt niemand mehr. Und auch die Mütter in der Stadt meinen: Es überleben jetzt mehr Kinder. Man kann das sehen, die Effekte sind so stark, sie sind sichtbar."

Aaby stieß immer wieder auf Unerwartetes. So fiel zuerst dem Bandim Health Project auf, dass ein neuartiger Masernimpfstoff zwar vor Masern schützt, für Mädchen aber gefährlich war. Die Daten aus Guinea Bissau führten letztlich dazu, dass dieser spezielle Impfstoff 1992 von der Weltgesundheitsorganisation zurückgezogen wurde. Eine bittere Episode für Peter Aaby. Es gab aber auch weitere erfreuliche Überraschungen nach jenem ersten verblüffend großen Effekt des Masernimpfprogramms von 1978. Solch reine Beobachtungsdaten gelten in der Wissenschaft nicht viel. Es fehlte noch der entscheidende Beleg: eine randomisierte Studie. Nun konnte man aber nicht einfach per Losentscheid Kindern eine zugelassene und empfohlene Impfung verweigern. Peter Aaby musste deshalb lernen, besondere Umstände für Studien zu nutzen. Etwa 2004 bei dem Tuberkuloseimpfstoff BCG. Der wird in Afrika direkt nach der Geburt gegeben. Frühgeborene gelten aber als noch zu empfindlich.

"Deshalb werden sie meist nicht mit BCG geimpft. Das hat uns erlaubt, die Frühgeborenen zufällig einzuteilen. Einige wurden direkt nach der Geburt geimpft, andere wie üblich erst mit sechs Wochen. Wir haben drei solche Studien gemacht und sie alle belegen: In den ersten Lebensmonaten sinkt die Sterblichkeit bei den geimpften Frühgeborenen um 40 Prozent."

Dabei spielt die Tuberkulose in diesem Alter noch gar keine Rolle. Der Schutz durch die Impfung beruht also sicher nicht auf ihrer Wirkung gegen das Tuberkel-Bazillus. Die Einsicht war nicht völlig neu. Der breite Zusatznutzen der BCG-Impfung fiel schon bei seiner Einführung in den 20er-Jahren in Nordschweden auf, erinnert der Tuberkuloseexperte Stefan Kaufmann, Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie.

"In der experimentellen Immunologie sah man das zwar immer wieder, aber das gehörte zu den schmutzigen Befunden, wenn ich es mal so sagen darf, die man eigentlich eher ignorieren wollte oder umgehen wollte."

Um die Jahrtausendwende gab es in Guina-Bissau Aufstände und politische Unruhen. Auch das Bandim Health Project bekam die Folgen zu spüren. In Guinea bekommen die Kinder mit sechs Wochen eine Dreifachimpfung namens DTP, gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten. Doch damals kam es zu Problemen mit dem DTP-Nachschub.

"DTP fehlte für ein halbes Jahr. An manchen Krankenstationen bekamen die Kinder deshalb nur die Polio-Schluckimpfung, an anderen wie vorgesehen die Schluckimpfung und den DTP Impfstoff. So konnten wir die Sterblichkeit vergleichen. Und es zeigte sich, die Sterblichkeit der mit DTP geimpften Kinder lag deutlich höher. Das war ein unangenehmer Befund, denn er deutet darauf hin, dass Impfstoffe auch negative Folgen haben können."

Beim Hepatitis B Impfstoff und der inaktivierten Polioimpfung gab es ähnliche Probleme. Diese Impfungen schützten nicht, sie erhöhten die Sterblichkeit der Kinder in Bandim. Dagegen retteten der Tuberkuloseimpfstoff BCG, die normale Masernimpfung und die Polio-Schluckimpfung viel mehr Leben als ursprünglich erwartet. Wann immer die letzte Impfung mit einem dieser Lebendimpfstoffe vorgenommen wurde, überwogen die positiven Effekte deutlich, betont Peter Aaby. Viele dieser Ergebnisse wurden in Beobachtungsstudien in anderen afrikanischen Ländern, in Indien und Bangladesch bestätigt. Für Peter Aaby war damit klar: Die unspezifischen Wirkungen der Impfungen müssten endlich ernst genommen werden. Er forderte, die Impfempfehlungen zu verändern, um den Nutzen den Kindern voll zugutekommen zu lassen und zugleich negative Effekte auszuschließen. Doch seine Appelle stießen auf taube Ohren. Für das medizinische Establishment blieben die nicht-spezifischen Effekte der Impfungen Nebensache.

"Das ist jetzt zehn Jahre her. Wir wurden völlig missachtet. Die Weltgesundheitsorganisation hatte auf ihrer Webseite einen Kommentar. Danach wäre die Forschung aus Guinea-Bissau völlig unzuverlässig. Im Grunde sagte sie: Wir sind nicht glaubwürdig."

"Wir wohnen in einem Slum, würde man wohl sagen. Dabei ist das Haus nett, es gibt Wasser, einen Ofen, einen Kühlschrank, nur der Strom fällt immer wieder aus."

Der Gesundheitsdienst der Befreiungsbewegung von Guinea-Bissau führt in einem Urwalddorf eine Schutzimpfung durch. (picture-alliance / dpa - Balonier)Der Gesundheitsdienst der Befreiungsbewegung von Guinea-Bissau führt in einem Urwalddorf eine Schutzimpfung durch. (picture-alliance / dpa - Balonier)

Anne Sofie Jørgensen studiert in Kopenhagen Gesundheitswissenschaften. Für ihre Master-Arbeit zog sie nach Bissau, in eines der typischen großen Häuser für mehrere Familien. Sie ist inzwischen wieder in Kopenhagen und erzählt.

"Es war schön, dass wir dazugehörten. Es gab keinen Zaun oder Wachleute. Wir waren Teil der Gemeinde."

Die unspezifischen Effekte der Impfungen sind in der Medizin umstritten

Ane Sofie Jørgensen verfolgte jeden Tag das Geschehen auf der Geburtsstation. Dort war es laut und heiß, die Räume offen, um wenigstens ein wenig Luft heranzulassen. Die Station war meist voll belegt, immer wieder mussten sich die Hochschwangeren die Betten teilen. Versorgt wurden sie von ihren Familien.

"Es ist eine rauhe Umgebung. Es gibt nicht so viel, um Krankheiten zu heilen, es geht um Vorbeugung und dazu zählen die Impfungen. Ich habe die Gesundheitsstationen besucht, da warten die Mütter mit ihren Kindern stundenlang auf eine Impfung. Sie haben eine sehr, sehr positive Haltung zu Impfungen."

Die unspezifischen Effekte der Impfungen sind in der Medizin umstritten. Auch Gerhard Falkenhorst von der Geschäftsstelle der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut in Berlin, ist skeptisch, vor allem was die Relevanz für Industrienationen betrifft.  

"Die Studien aus Entwicklungsländern, wo in der Tat Infektionskrankheiten eine der wesentlichen Ursachen für Kindersterblichkeit sind, lassen sich nicht so auf Deutschland übertragen. Das ist einfach von der ganzen Ausgangssituation her zu unterschiedlich."

Guinea-Bissau ist sehr weit weg von Berlin. Geografisch und auch wissenschaftlich. Um die Ärzte in den Industrienationen von den unspezifischen Effekten zu überzeugen, müssen sie auch für ihre eigenen Patienten relevant sein, vermutet Peter Aaby. Da passt es gut, dass sein Projekt vom Statens Serum Institut in Kopenhagen unterstützt wird, das in Dänemark für die Impfforschung zuständig ist. Christine Benn ist sozusagen der dänische Arm des Bandim Health Projects. Sie glaubt, dass die unspezifischen Effekte auch in ihrer Heimat eine Rolle spielen. Nur eben subtiler als in Bissau.

"Natürlich können wir in Dänemark nicht auf die Kindersterblichkeit schauen. Die ist glücklicherweise sehr niedrig. Aber wir können Kinderkrankheiten untersuchen und da haben wir einen großen Vorteil: die dänischen Register."

In Dänemark lässt sich über die sogenannte CPR-Nummer die gesamte Behandlungsgeschichte eines Kindes aufrufen, einschließlich der Impfungen und der Krankenhausbesuche. Die Forscher vom Statens Serum Institut verglichen Kinder, die ihre Masern-Mumps-Röteln Impfung wie vorgesehen bekommen hatten, mit Kindern, die sie erst später erhielten. Ergebnis: Die rechtzeitig geimpften Kinder litten seltener an Infektionen der unteren Atemwege und wurden deshalb auch etwas seltener ins Krankenhaus eingewiesen.

"Es war genauso wie in Guinea-Bissau. Kinder, die zuletzt eine Lebendimpfung erhalten hatten, waren auch vor anderen Infektionen geschützt. MMR ist ein billiger Impfstoff, und es geht nur darum, die Empfehlung auch umzusetzen. Hier bietet sich die Möglichkeit, die Gesundheit der Kinder erheblich zu verbessern."

Erheblich, das bedeutet nach der Studie von Christine Benn konkret: Wenn 200 Kinder zum richtigen Zeitpunkt die MMR-Impfung erhalten, dann kann genau ein Krankenhausaufenthalt vermieden werden. Gerhard Falkenhorst von der deutschen Stiko ist noch nicht überzeugt.

"Das Ausmaß dieser Effekte ist noch ziemlich unklar. Auch diese Studie in Dänemark hat ja nur einen Unterschied von 10 bis 15 Prozent unterschiedlich hohes Risiko, dass Kinder im Krankenhaus behandelt werden müssen, gefunden, das ist jetzt auch nicht so ein großer Unterschied."

Zumal ja auch unklar ist, aus welchen Gründen Kinder verzögert geimpft wurden. Lag es an der Vergesslichkeit der Eltern und Ärzte? Oder waren einige dieser Kinder vielleicht krank, was den späten Impftermin ebenso erklären würde wie einen Krankenhausaufenthalt? Solche Zweifel lassen sich mit reinen Beobachtungsdaten nur schwer ausräumen. In Dänemark und auch in Australien laufen deshalb zurzeit große klinische Studien mit dem Tuberkuloseimpfstoff BCG an. Der ist dort ebenso wie in Deutschland nicht Teil der aktuellen Impfempfehlungen. Aber BCG ist zuglassen und kann nach Ansicht der zuständigen Ethikkommissionen in einer Studie verantwortungsvoll erprobt werden. 

"Wir haben gerade 4.300 Neugeborene in eine Studie aufgenommen. Sie erhalten zufällig entweder BCG direkt nach der Geburt oder eben nicht. Wir werden sie beobachten und registrieren, wie viele Neurodermitis bekommen, Asthma oder mit Infektionen ins Krankenhaus müssen. Wir vermuten, dass die Effekte, die in Entwicklungsländern die Sterblichkeit reduzieren, in Industrienationen die Krankheitshäufigkeit vermindern."

Auf den Fluren der Entbindungsstation des Hospital Nacional Simao Mende in Bissau warten die Frauen auf Dr. Mama Mane, oft stundenlang. Ihr Arztzimmer ist der einzige klimatisierte Raum auf der Station. Hier stapeln sich Krankenakten und medizinische Studien. Das Wissen ist vorhanden, aber in der Praxis muss die erfahrene Ärztin oft improvisieren. Gerade fehlt Magnesium, um Krämpfe zu lindern. Dennoch hat Mama Mane einiges erreicht.

"Einer unserer großen Erfolge ist, dass wir die Sterblichkeit bei Kaiserschnitten dramatisch verringern konnten. Außerdem haben wir die Zusammenarbeit mit den Krankenstationen vor Ort besser organisiert. Es gibt jetzt klare Kriterien. Die einfachen Geburten werden in den kleinen Zentren gemacht, wir bekommen nur noch die komplizierten Fälle."

Auch für diese Patientinnen ist alles besser organisiert. Die Apotheken haben gemeinsam mit Mama Mane komplette Sets mit allen nötigen Medikamenten zum Beispiel für einen Kaiserschnitt zusammengestellt. Die Familien kaufen sie und bringen sie zur Operation mit. So fehlt nichts an diesem entscheidenden Tag. Nach der Geburt werden die Babys dann geimpft.

"Die Impfstoffe spielen eine große Rolle in unserer Arbeit. Wir impfen gleich nach der Geburt, so sind wir sicher, dass die Neugeborenen alles Nötige bekommen. Sie sind dann sofort geschützt und werden seltener krank, das ist ein großer Erfolg."

Das heiße, trubelige Bandim ist weit weg von den kühlen Laboren am Medizinischen Zentrum der Radboud Universität in Nijmengen. Hier geht es hochsteril zu, denn Mihail Netea arbeitet mit Mäusen, denen ein Teil des Immunsystems fehlt. Die körpereigene Abwehr besteht aus zwei Armen. Der erste, die angeborene Immunität, erkennt ganz generell Krankheitserreger, und versucht sie mit einer Entzündungsreaktion und mit Fresszellen in Schach zu halten. Das verschafft dem spezifischen Teil des Immunsystems Zeit, maßgeschneiderte und hochwirksame Antikörper und Abwehrzellen zu bilden. Sie attackieren ganz gezielt diesen einen Erreger und schaffen es meist, ihn abzutöten. Dank der Gedächtniszellen des spezifischen Immunsystems wird das Virus oder Bakterium bei der nächsten Infektion direkt erkannt und zurückgeschlagen. Impfungen sollen dieses immunologische Gedächtnis aktiveren. Aber die Erfahrungen aus Guinea-Bissau legen nahe: Impfungen erreichen weit mehr.

"Ich glaube, dafür ist das angeborene Immunsystem verantwortlich", sagt Peter Aaby, aber das war bis Kurzem nur eine vage Vermutung. Erst Mihail Netea erbrachte den Beweis. Bei seinen Mäusen ohne spezifisches Immunsystem sollten Impfstoffe eigentlich ins Leere laufen. Ob die allgemein akzeptierte Theorie stimmt, prüfte Mihail Netea mit einer Testimpfung, einer geringen Menge eines Hefepilzes.

"Die Mäuse wurden noch nicht einmal krank. Zwei Wochen später haben wir ihnen dann eine viel größere Dosis gespritzt. Eigentlich wäre die tödlich, aber die Mäuse waren zumindest teilweise geschützt. Dabei fehlten ihnen alle Zellen des klassischen Gedächtnisses der Immunabwehr. Aber offenbar haben sich andere Zellen erinnert und konnten so besser reagieren und die Mäuse waren geschützt."

Das legt nahe: Eine Impfung regt nicht nur den spezifischen Arm des Immunsystems an, sondern auch den angeborenen Arm. Immunologisches Training nennt Mihail Netea das. Und anders als das spezifische immunologische Gedächtnis schützt dieses Training die Tiere breit gegen ganz unterschiedliche Erreger.

"Wir haben unseren Mäusen dann den Tuberkulose Impfstoff BCG gegeben. Und auch der hat sie vor einer Hefepilzinfektion geschützt. Andere Forscher haben das mit Listerien gemacht, mit Grippeviren. Beim Menschen wurden Versuche mit BCG durchgeführt. Und es zeigt sich: Bestimmte Impfungen schützen vor einer ganzen Bandbreite von Infektionen."

Damit hat Mihail Netea eindeutig belegt: Eine Impfung kann mehr, als ihr die Ärzte im Allgemeinen zutrauen.

Die wichtige Rolle der angeborenen Immunität

Der unspezifische Verteidigungsmechanismus ist schon früh in der Evolution der Wirbeltiere entstanden. Erst bei den Säugern entwickelte sich dann das spezifische Abwehrsystem. Aber ganz offenbar spielt die angeborene Immunität beim Menschen nach wie vor eine wichtige Rolle.

"Zum Beispiel am Beginn des Lebens. Bei Neugeborenen ist das spezifische Immunsystem noch nicht ausgereift. In den ersten Lebensmonaten müssen die Babys aber viele Erreger abwehren. Für diese Zeit reicht die kurze Erinnerungsspanne der unspezifischen Abwehr aus. Später übernehmen die anderen Immunzellen, aber in dieser Phase ist es entscheidend."

Die Beobachtungen von Peter Aaby sprechen nun dafür, dass sich die breite Schutzwirkung einer Impfung über viele Jahre halten kann. So haben gegen Pocken geimpfte Afrikaner auch heute noch einen Überlebensvorteil, obwohl die Pocken vor Jahrzehnten ausgerottet wurden.

"Es gibt in Afrika keine Impfregister, aber die Pockenimpfung hinterlässt eine auffällige Narbe. Wir haben mehrere Studien gemacht, die zeigen: Menschen mit einer Pockennarbe haben im Untersuchungszeitraum eine um 40 Prozent niedrigere Sterblichkeit. In Dänemark gibt es einen ähnlichen Effekt. Unsere Daten deuten darauf hin, dass die alte Pockenimpfung ein wenig vor einer HIV-Infektion schützt."

"Unsere ganze Vorstellung des Immunsystems beruht auf einer Eins-zu-eins-Entsprechung. Es gibt eine bestimmte Krankheit und wir entwerfen eine Intervention gegen diese Krankheit. Gegen Masern gibt es die Masernimpfung, gegen Keuchhusten die Keuchhustenimpfung. Und wir untersuchen nur genau diese Effekte. Aber wir vergessen: Das Immunsystem kann genau wie das Gehirn lernen. Es nutzt die Erfahrung aus dem Kampf gegen eine Krankheit für die nächste Infektion."

Über viele Jahre haben Peter Aaby und Christine Benn ihre Ergebnisse in hochrangigen Zeitschriften wie "Lancet", dem "British Medical Journal", "Immunology" oder "Vaccine" veröffentlicht, sie auf Konferenzen diskutiert, bei der Weltgesundheitsorganisation vorgestellt.

"Ich bin mir sicher, wir sind da auf etwas gestoßen. Und wenn wir Recht haben, ist es sehr wichtig, es könnte Millionen Leben retten. Es ist sehr frustrierend, dass es so lange dauert."

"Jedes Mal, wenn wir so ein unerwartetes Ergebnis präsentierten, war die Reaktion: Das ist nicht möglich, das kann nicht stimmen. Ich arbeite seit 36 Jahren als Anthropologe, als Außenseiter in diesem Feld und es wird immer schlimmer. Es gibt immer weniger Interesse an Befunden, die nicht den Erwartungen entsprechen. "

Das sieht Ana-Maria Heano von der Initiative für Impfstoffforschung der Weltgesundheitsorganisation anders. Seit 2002 beschäftige sich die WHO mit den unspezifischen Effekten. Aber ungewöhnliche Behauptungen erforderten ungewöhnliche Belege, sagt sie. Im April 2013 wurden die Berichte des SAGE-Beratergremiums der WHO veröffentlicht. Zu dem Tuberkuloseimpfstoff BCG, dem Diphterie-Tetanus-Keuchhusten Impfstoff DTP und dem Maserimpfstoff lautet die Zusammenfassung jeweils:

"Die Belege reichen nicht aus, für eine Änderung der WHO Impfempfehlungen."

Immerhin bestätigten die Berichte erstmals, dass die unspezifischen Effekte ein relevantes Thema sind.

"SAGE weist darauf hin, dass die vorliegenden Belege weitere Studien rechtfertigen. Deshalb wurde das Sekretariat aufgefordert, eine Forschungsstrategie zu entwickeln, die Daten für die internationale Gesundheitspolitik liefert. Viele Aspekte sind aus Sicht der Wissenschaft spannend, wir konzentrieren uns auf die Fragen, die die derzeitigen Empfehlungen verändern könnten."

Wenn es die Ebolaepidemie zulässt, sollen bis zum Sommer die wichtigen Frage identifiziert, passende Studiendesigns entworfen und konkrete Standorte bestimmt sein. Wichtig ist aus Sicht der WHO, dass die Effekte mit den gleichen Methoden an geografisch unterschiedlichen Standorten untersucht werden. Peter Aaby und Christine Benn haben das Gefühl, dass ihre Expertise in diesem Prozess nicht gefragt ist.

"Ich bin froh, dass sie die unspezifischen Effekte ernst nehmen. Aber ich fürchte, wenn sie nicht stärker mit uns zusammenarbeiten, werden sich Fehler wiederholen und es dauert noch länger, bis die Ergebnisse umgesetzt werden."

Ein Grund für die lange Skepsis gegenüber den unspezifischen Effekten der Impfungen ist sicher das Negativ-Beispiel der Diphterie-Tetanus-Keuchhusten-Impfung DTP in Guinea-Bissau. Dieses Ergebnis wird so breit diskutiert, dass kaum mehr Zeit bleibt für die positiven Nachrichten. Viele Experten befürchten, dass sich Impfgegner auf diesen einen Befund stürzen könnten.

"Natürlich gibt es Leute, die das nutzen könnten, um Zweifel zu säen. Aber das ist schwierig, denn die gleichen Studien zeigen, dass viele Impfstoffe unglaublich positive Effekte haben. Das überwiegt bei weitem die negative Seite. Wir müssen die unspezifischen Effekte besser verstehen, um Impfungen optimal zu nutzen."

Auch Christine Benn plädiert dafür, die DTP-Impfung beizubehalten, aber sie würde danach schnell einen Lebendimpfstoff wie den gegen Masern geben. In Deutschland sei das meist sowieso der Fall, meint Gerhard Falkenhorst vom Sekretariat der Ständigen Impfkommission.

"Wir wissen, dass in der Regel gerade die Masern-Mumps-Röteln Impfung eher etwas später gegeben wird als es von der Stiko empfohlen wird, also nicht mit 11 bis 14 Monaten, sondern tendenziell etwas später, sodass vermutlich die meisten Kinder sowieso auch diese MMR Impfung als letztes bekommen."

Was die Entwicklungsländer betrifft würde Christine Benn Impfstoffe nicht so sparsam einsetzen. Lebendimpfungen werden in Fläschchen mit 20 Dosen geliefert. Sobald sie angemischt sind, verderben sie rasch. Deshalb warten die Ärzte oft, bis sie mehrere Impflinge beisammen haben. Im Zweifelsfall würde Christine Benn lieber Impfstoff wegwerfen, als Kinder zu spät zu impfen. Das alles sind kleine Justierungen im bestehenden Impfschmea. Für weiterreichende Veränderungen sei es zu früh, findet Stefan Kaufman.

"Ich denke, da braucht es noch sehr viel mehr Arbeit und sehr viel mehr Analysen. Denn die Konsequenzen wären ja doch sehr deutlich."

Derzeit konzentriert sich Stefan Kaufmann bei seinem eigenen neuen Tuberkuloseimpfstoff auf die Wirkung auf das spezifische Immunsystem. Die nachzuweisen ist schon schwierig genug. Um bei Neuentwicklungen direkt von Anfang an auch die unspezifischen Effekte mit in den Blick zu nehmen, müssten die Studien fast zehn Mal so groß angelegt werden.

"Das ist zu aufwendig und derzeit nicht machbar."

Bei älteren Menschen könnten Impfstoffe gezielt das angeborene Immunsystem anregen

Miahil Netea sieht dagegen die Chancen. Schon heute werden bestimmte Stoffe zur Aktivierung des angeborenen Immunsystems in der Klinik erprobt, allerdings in Zusammenhang mit Krebserkrankungen. Sie könnten aber auch für ältere Menschen hilfreich sein.

"Bei Menschen über 75 wirken Impfungen nicht mehr so gut, gleichzeitig sind sie durch Infektionen stärker gefährdet. Wir glauben, dass es in dieser Situation vorteilhaft ist, wenn ein Impfstoff gezielt das angeborene Immunsystem anregt. Wenn alte Menschen einmal im Jahr so eine Impfung bekämen, würden sie vielleicht nicht so leicht allen möglichen Infektionen zum Opfer fallen." 

Heute ist Fanta Boboban mit ihrem sieben Monate alten Sohn in die Klinik gekommen. Sie hat sich ihr bestes Kleid angezogen und hält den gelben Impfpass und eine Apothekentüte fest in der Hand.

"Mein Kind hat alle Impfungen bis auf die in der Tüte. Manche Mütter bringen ihre Kinder nicht ins Gesundheitszentrum, aber das sollten sie tun, denn Impfungen sind eine gute Sache."

Die Kindersterblichkeit in Guinea Bissau ist im Vergleich zu den 70ern deutlich gesunken, aber noch immer sterben zwei von zehn Kindern vor ihrem fünften Geburtstag. In letzter Zeit steigen diese Werte sogar wieder leicht an. Wegen Malaria oder Durchfall. Krankheiten, die eigentlich leicht zu verhindern wären, klagt Christine Benn.

"Es ist ein harter Ort für Babys und ein harter Ort für Eltern."

Peter Aaby fliegt oft nach Kopenhagen, aber er lebt und arbeitet in Guinea-Bissau. Obwohl er das Rentenalter deutlich überschritten hat - aufhören kann er nicht. Die Arbeit des Bandim Health Project soll nach und nach zu Verbesserungen für die Kinder führen. Gleichzeitig kann das kleine Land an der Küste Westafrikas so auch der Welt etwas geben: wichtige Einsichten über den Zusatznutzen von Impfungen. Um den zu erkennen, muss man forschen und sich die Daten vorurteilsfrei ansehen. Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, hat Peter Aaby schon zu Beginn seiner Zeit in Bandim erfahren. Als Anthropologe sollte er die gut gemeinten Botschaften der Ärzte in den Dörfern vermitteln.

"Und dann habe ich begriffen, dass sie oft gar keine Belege hatten. Man kann sagen, das hat mich angekotzt. Aber es hat mich auch dickköpfig gemacht, ich bin den Widersprüchen gefolgt und habe gesehen, wohin mich das führt. Und es zeigt sich, es gibt viel Training im Immunsystem. Wir haben das nicht gewusst, weil wir nicht danach gesucht haben."

Pieks mit Mehrwert – über unerwartete Effekte von Impfungen
Von Volkart Wildermuth

Regie: Axel Scheibchen

Redaktion: Christiane Knoll

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