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StartseiteHintergrundImpulsgeber und Motoren im Bildungssystem24.03.2012

Impulsgeber und Motoren im Bildungssystem

Neue Qualität im Selbstverständnis der Stiftungen

Inzwischen verstehen sich viele Stiftungen nicht mehr als Ausputzer politischer Versäumnisse, sondern als bewusste Akteure in der Debatte darum, wie Sozial-, Forschungs- oder Bildungspolitik gestaltet werden kann. Doch dieser Anspruch findet nicht nur Zustimmung.

Von Armin Himmelrath

Häufig stoßen die Stiftungen bei den politisch Verantwortlichen auf ein klares Rollenverständnis: Wir Politiker entscheiden, die privaten Geldgeber finanzieren. (Jan-Martin Altgeld)
Häufig stoßen die Stiftungen bei den politisch Verantwortlichen auf ein klares Rollenverständnis: Wir Politiker entscheiden, die privaten Geldgeber finanzieren. (Jan-Martin Altgeld)
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Ein paar alte Industriebaracken auf einem Hof in Köln-Ehrenfeld. Direkt nebenan rollen Güterzüge vorbei, ein paar Meter weiter liegt die Stadtautobahn mit ihrem Tag und Nacht fließenden Verkehr. Doch wer das grün gestrichene Gittertor hinter sich lässt und in die flachen Gebäude hineingeht, vergisst schnell das unwirtliche Umfeld. An den Wänden hängen große Reproduktionen von prähistorischen Felszeichnungen in überwältigenden Rot- und Braunfarben. Tilmann Lenssen-Erz arbeitet als Wissenschaftler, hier, in der Forschungsstelle Afrika der Universität zu Köln.

"Ich hab natürlich die Gunst, mit einem der schönsten Objekte von Forschung überhaupt zu tun zu haben, nämlich der prähistorischen Kunst, prähistorische Malereien in Afrika. Das ist vom Sujet her hochinteressant, also, diese Bilder, die man sieht, sind so suggestiv und so stark, dass jedes Einzelne einen schon belohnt. Das andere ist, dass man dann natürlich auch in Regionen unterwegs ist, die für uns einigermaßen exotisch sind, die dann aber auch für uns – weil sie so exotisch und fremd sind – nur dadurch zu erschließen sind, dass wir uns mit den Leuten vor Ort verbinden und verknüpfen und auf deren Wissen und Kompetenzen bauen."

Schon seit mehr als 25 Jahren erforscht Tilmann Lenssen-Erz die Felskunst am sogenannten Brandberg in Namibia. Etliche Expeditionen hat er dorthin unternommen, die Malereien auf dem schwer zugänglichen Berg sind mittlerweile flächendeckend katalogisiert. Jetzt geht es darum, dieses uralte Kulturgut auch für die Zukunft zu sichern. Ein Ziel, das er mit einem speziellen Ausbildungsprojekt für Einheimische erreichen will.

"Da geht es um die Qualifizierung von Menschen vor Ort. Das sind junge Leute, die sich selber auf Lehrgängen schon weiter qualifiziert haben, um als Führer dort zu arbeiten. Wir haben gerade jetzt ein Projekt vor, wo wir den weiblichen Führern dort einen speziellen Lehrgang anbieten. Denn: Auch wenn die in den bisherigen Lehrgängen dort hervorragend abgeschnitten haben, haben es die männlichen Kollegen doch immer wieder verstanden, den Frauen so ein bisschen Angst zu machen davor, den Berg selber zu besteigen."

Die Idee dahinter: Wenn die Frauen ebenfalls als Führer für Touristengruppen auf dem Brandberg arbeiten, dient das der Sicherung der Malereien für die Zukunft, weil die Frauen deren Wert in der Erziehung weitergeben können. Archäologische Grundlagenforschung ist das natürlich nicht mehr – und kann deshalb auch nicht aus dem normalen Forschungsetat bezahlt werden. Geldgeber wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft winken in einem solchen Fall ab, Ministerien fühlen sich nicht zuständig. Deshalb finanziert eine private Stiftung diesen Teil der Arbeit an der Forschungsstelle Afrika: die Jutta-Vogel-Stiftung aus Köln. Deren Geld- und Namensgeberin Jutta Vogel erinnert sich an die Anfänge ihres Engagements:

"Ich war immer schon reiselustig und neugierig auf Menschen und Kulturen, und suchte nach dem Ende meiner Berufstätigkeit, das war 1998, eine neue Aufgabe. Es kamen dann noch glückliche Umstände dazu in der Familie, die mir zu einem gewissen Kapital verholfen haben."

Mehr durch Zufall machte Jutta Vogel eine Reise in die Sahara, 2002 dann traf sie zum ersten Mal Angehörige des legendären Wüstenvolks der Tuareg. Bald war klar: Ihr Geld wollte sie in einer Stiftung anlegen.

"Nach und nach hab ich auf meinen Reisen die Tuareg kennen gelernt, ihre tradierten Lebensweisen, hab’ aber auch ihre Probleme kennen gelernt. Über diese Erfahrungen und andere Reisen in die Wüstenländer wurde mir bewusst, wie gefährdet die Wüstenkulturen in Afrika sind."

Die Jutta-Vogel-Stiftung hat seither rund 20 Projekte begleitet – in Mauretanien und Libyen, im Sudan und in Mali. Und eben aktuell in Namibia, wo Afrikanist Tillmann Lenssen-Erz sein Ausbildungsprojekt für Einheimische ohne die Hilfe der Stiftung nicht realisieren könnte. Eine kleine Stiftung, ein relativ kleines Projekt – dennoch steht das Engagement von Jutta Vogel für einen neuen Trend im deutschen Bildungs- und Wissenschaftssystem: Immer öfter übernehmen private Geldgeber Verantwortung für Aufgaben, für die öffentliche Finanziers nicht oder nicht mehr aufkommen wollen. Oder für die sich, wie im Falle der Seminare für weibliche Touristen-Guides in Afrika, niemand so richtig zuständig fühlt. Und mit solchem Engagement werden auch, beabsichtigt oder nicht, politische Rahmenbedingungen verändert: Stiftungen springen ein, wenn Politik nicht mehr handeln kann oder will. Mal ist es ein einzelnes Forschungsprojekt, mal ein ganzes politisches Themenfeld, das sich die privaten Geldgeber aussuchen.

So arbeitet etwa die Essener RWE-Stiftung zum Thema Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit in Deutschland. Dieses Engagement, sagt Stiftungs-Geschäftsführer Stephan Muschik, solle aber keinesfalls nur Reaktion auf bildungspolitische Missstände oder die persönliche Notlage einzelner Menschen sein.

"Brandbekämpfer wollen wir auf keinen Fall sein. Was nicht schaden kann, ist, wenn man von den Dingen, die man fördern möchte, auch eine gewisse Ahnung hat. Häufig ist ja das, was man in der Stiftung tut, nicht Kerngeschäft des Mutterunternehmens. Wenn man sich normalerweise mit Strom und Gas beschäftigt, dann kann man sich nicht unbedingt zugute halten, zu wissen, wie die Probleme in Berlin-Neukölln vor Ort sind. Und wenn wir im Sozialbereich unterwegs sind, eben nicht nur auf Anträge, die an uns als Stiftung gestellt werden, zu warten und dann den Daumen zu heben und zu senken vom Schreibtisch aus."

Mit anderen Worten: Viele Stiftungen verstehen sich nicht mehr als Ausputzer politischer Versäumnisse, sondern als bewusste Akteure in der Debatte darum, wie Forschungs- oder Bildungspolitik gestaltet werden kann. Wer sich, wie die RWE-Stiftung, für ein Thema wie die Bildungsgerechtigkeit entscheidet, will damit auch politische Ziele erreichen. Dahinter steht eine neue Qualität im Selbstverständnis der Stiftungen – und dieser Anspruch findet in der Politik nicht nur Zustimmung.

"Das ist sicherlich ein hartes Brett, was zu bohren ist."

Denn häufig stoßen die Stiftungen bei den politisch Verantwortlichen auf ein klares Rollenverständnis: Wir Politiker entscheiden, die privaten Geldgeber finanzieren. Doch Stephan Muschik hält dagegen.

"Da tut man gut daran, sich nicht von der Politik treiben zu lassen. Auf der anderen Seite muss man natürlich mit der nötigen Sensibilität vorgehen, wenn man in Richtung Politik geht. Und darf nicht für sich in Anspruch nehmen, dass wir nun den Stein der Weisen gefunden hätten. Also, ich glaube, Partnerschaft ist hier die Formel, dass eben nicht eine Situation eintritt, dass einer dem anderen besserwisserisch erzählt, was er zu tun hat."

Und noch ein zweiter Trend lässt sich beobachten: Immer öfter schließen sich verschiedene Stiftungen zusammen, um gemeinsam noch schlagkräftiger zu werden und noch mehr Bewegung in Politik und Gesellschaft zu bringen. Das Ziel: systematisch und nachhaltig für gesellschaftliche und politische Verbesserungen sorgen.

So hat sich etwa im vergangenen Jahr das Bündnis für Bildungsgerechtigkeit gebildet, an dem die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, die Robert-Bosch-Stiftung, die Hamburger Körber-Stiftung und die schweizerische Jacobs-Foundation beteiligt sind. Sandro Guilliano von der Jacobs-Foundation erklärt, was es mit diesem Bündnis auf sich hat.

"Dahinter liegt eigentlich der Gedanke, dass man sagt: Bildung ist mehr als Schule. Schule ist ein ganz wichtiger Akteur in der Bildung, im Leben der Kinder, aber kann nicht alleine die ganzen gesellschaftlichen Aufgaben und Verantwortung übernehmen. Und deswegen ist die Frage: Wie kann man die anderen zentralen Akteure im Bildungsbereich – sei es die Eltern, sei es die Vereine, die außerschulischen Akteure, seien es die Jugendhilfeträger, die Privatwirtschaft – wie kann man die zusammen an einen Tisch bringen, dass man eine gemeinsame Vision der Bildung der Kinder in einer Kommune hat? Dass man gemeinsam an einem Strick zieht und so schaut, dass man Lösungen für die Kinder und Jugendlichen bieten kann, die für sie eigentlich ideal zugeschnitten sind?"

Zwischen unterschiedlichen Gruppen moderieren, Konzepte entwickeln, Trennendes beiseite räumen und politische Entscheidungen vorbereiten – das ist, verglichen mit dem bisherigen Handeln vieler Stiftungen, ein neuer und viel weiter reichender Anspruch. Heike Kahl, Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung:

"Stiftungshandeln allein unter diesem finanziellen Aspekt zu sehen, ist ‘ne Sackgasse. Und zwar von beiden Seiten. Allerdings ist die öffentliche Seite – und auch die Stiftungsseite – noch ungeübt, was das Rollenverständnis, die Erwartungen, die gegenseitigen Erwartungen betrifft. Aber auf jeden Fall sind die Stiftungen, die im Bildungsbereich tätig sind, bringen natürlich auch Kompetenzen mit. Fachliche Kompetenzen, die sich tatsächlich auf der Projektebene bewegen, aber auch ‘ne Struktur- und ‘ne Methodenkompetenz, die vielleicht auch gefragt ist."

So müsse etwa das Thema Bildungsgerechtigkeit nicht nur in der Bildungspolitik eine Rolle spielen, sondern auch in der Sozialpolitik.

"Weil Sozialpolitik nicht ohne Bildung zu denken ist und Bildung nicht ohne Sozialpolitik. Nur Deutschland bringt es fertig, diese beiden so vehement voneinander zu trennen, dass es da eine Brückenfunktion gibt oder eine Vermittlungsaufgabe. Und da sehe ich ganz besonders Stiftungen – dann muss man darüber reden, dass diese Segmentierung der Lebenswelten bei Kindern und Jugendlichen, die sich auch in Verwaltungsstrukturen niederschlägt, dass die unbedingt überwunden werden muss."

An dieser strategischen Schnittstelle eine private Verantwortung für öffentliche Belange übernehmen – das sei die Aufgabe von Stiftungen, wenn sie politische Rahmenbedingungen nachhaltig verändern und verbessern wollen. Ein Ansatz, den auch Sandro Guilliano unterstützt.

"Ich glaube, das ist so ein bisschen wie der Königsweg der Stiftungsarbeit, diese Akteurs-Vernetzung. Weil, eine Stiftung ist weder politisch von den Parteien beeinflusst normalerweise; ist nicht der Repräsentant der Jugendhilfe oder eines Sportklubs oder der Elternvereinigung; ist nicht ein wissenschaftliches Gremien, sondern ist ein Vertreter, der versucht die umfassende Entwicklung und Unterstützung von Kindern und Jugendlichen zu befördern."

Erfolgreiche Kommunikation zu gestalten und die unterschiedlichen Akteure des Bildungswesens zu vernetzen – das klingt ganz einfach. Ist es aber nicht, sagt Sandro Guilliano.

"Das ist ‘ne Riesenaufgabe. Da reden wir nicht von einem kleinen Projekt, da reden wir von Strukturveränderung, die ja nicht auf Projektebene bleiben sollten, sondern in die Regelstrukturen übergehen sollten. Das sind große Dinge. Die kann man auch als Stiftung, wenn wir von politischer Einflussnahme sprechen, die kann man ja nicht alleine schultern. Aber man kann einen Beitrag ein bisschen in diese Richtung stoßen oder ziehen."

Das hessische Weiterstadt vor ein paar Wochen. Im repräsentativen Schloss der kleinen Gemeinde haben sich Kommunalvertreter aus Hessen, aber auch aus anderen Bundesländern getroffen. Es geht um Bildungslandschaften vor Ort, um die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Kindergärten, Schul- und Sozialämtern, Verwaltung und Vereinen. Mit im Boot: Mehrere Bildungsstiftungen, die auf kommunaler Ebene etwas bewegen wollen. Weiterstadt ist selbst eine Modellkommune in Sachen Bildungslandschaft. Als es hier vor gut zehn Jahren erste Überlegungen gab, das Bildungsangebot der Gemeinde als Ganzes zu sehen und ein neues, gemeinsames Konzept zu entwickeln, gab es viele Vorbehalte, erinnert sich Dieter Assel, Fachbereichsleiter für Kinder, Jugend, Familie und Bildung in Weiterstadt.

"Es gibt im Menschen immer zwei Elemente, die Angst und die Neugier. Und es gilt, Neugier zu fördern. Wenn es uns gelingt, die Menschen interessiert zu machen, neugierig zu machen, ihnen ‘ne realistische Perspektive zu bieten, dann entwickeln die auch Lust am verändern."

Für Weiterstadt bedeutete das, die Übergänge zwischen den verschiedenen Bildungseinrichtungen – also etwa beim Schuleintritt, aber auch von der Schule in die Ausbildung – so zu reformieren, dass alle Beteiligten miteinander reden. Für die Bildungswege der Kinder und Jugendlichen, so der Ansatz, sind alle gemeinsam verantwortlich. Und dazu müssen auch alle gemeinsam miteinander Kontakt halten und sich abstimmen. Dieter Assel:

"Es gibt keine Netzwerke ohne Ziele, das wird nicht funktionieren. Ein zweiter zentraler Punkt ist: Ich brauche Kommunikationsstrukturen auf allen Ebenen, um sozusagen aus einer Hand Bildung gestalten zu können. Ein dritter Faktor ist sicher, die Politik muss dahinter stehen. Und ein vierter Punkt ist, dass ich versuche, Win-win-Situationen zu organisieren, das heißt Operationsziele so definiere, dass sie auch Erfolge zeitigen, weil das motivierend wirkt für die weitere Entwicklung."

Klingt alles ganz selbstverständlich, doch der Normalfall sind solche Bündnisse vor Ort noch lange nicht: dass Jugend-, Sozial- und Kulturamt in ständigem Kontakt miteinander stehen, dass Schulleiter ihre Profilentwicklung untereinander abstimmen oder dass die Arbeitgeber am Ort gemeinsam eine "Nacht der Bewerbung" für Lehrstellenbewerber auf die Beine stellen. Alles Aktivitäten, die zeigen: Bildung hat in Weiterstadt einen hohen Stellenwert, bei allen Beteiligten. Dabei gibt es eine breite gesellschaftliche Stimmung dafür, die Bildungsstrukturen nachhaltig zu verbessern, hat Anne Janz beobachtet, Dezernentin für Schule, Jugend, Frauen und Gesundheit in Kassel.

"Meine Erfahrung ist, dass ganz viele Professionen, aber natürlich auch ganz viele Eltern und damit Bürgerinnen und Bürger wissen, dass Bildung ein hohes Gut ist, dass Bildung auch das ist, was wir unseren Kindern mitgeben können und wollen für eine gute Zukunft. Und es gibt so ein Gefühl, dass unser Bildungssystem sozusagen diese Aufgabe nicht richtig erfüllt und nicht gerecht ist. Und von daher kann man gerade auf der fachlichen Ebene die Leute ganz gut abholen und sagen: Lass uns mal die Prozesse so organisieren, dass die Ressourcen, die in den ganz unterschiedlichen Systemen sind – in der Jugendhilfe, in der Schule, in der Sozialarbeit – dass wir die so aufeinander beziehen, dass eine Qualität daraus wird."

Bildungsprozesse gut zu organisieren, das sei eine staatliche Aufgabe, aus der man den Staat auch nicht entlassen werde, sagt Heike Kahl von der deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Aber man könne dem Staat durchaus kräftige Impulse geben, damit Veränderungen schneller erfolgen.

"Es geht nicht darum, dass Stiftungen der Ausfallbürge für staatliche Leistungen sind. Der Staat hat die Aufgabe, und Bildung ist in der Hand des Staates oder in Länderverantwortung in unserer Gesellschaft. Das muss auch so bleiben. Ich glaube, dass Stiftungen durch ihr Wissen, ihre Kompetenz, auch durch die Verbindung, die zur Praxis an manchen Stellen stärker besteht, auch einen privaten Druck auf die öffentlichen Belange ausüben können. Es geht nicht so sehr um Einflussnahme, um die Steuerung der Politik, sondern um Sichtbarmachung, darum, gute Modelle und gute Projekte ins Leben zu rufen."

Und genau diese konkrete Veränderung lasse sich häufig am besten direkt vor Ort realisieren. Andererseits, sagt Stephan Muschik von der RWE-Stiftung, bestehe natürlich auch immer die Gefahr, dass bürgerschaftliches Engagement von der Politik vereinnahmt werde. Etwa dann, wenn bildungspolitische Aufgaben mehr oder weniger offen an Stiftungen übertragen werden sollen.

"Und dann muss man sich natürlich als Stiftung fragen, wenn die Erwartungshaltung der Politik besteht, man soll da irgendwie mitmachen, muss man sich als Stiftung fragen: Wo mache ich da eigentlich mit? Und insofern ist sicherlich da pro-aktives Handeln besser als darauf zu warten, dass einem die Politik eine Lücke lässt, in die man irgendwie mit Geld oder wie auch immer hineinstoßen kann."

Pro-aktives Handeln, das heißt: selber Programme und Ideen zu entwickeln, mit denen man der bildungspolitischen Realität im Idealfall ein paar Schritte voraus ist. So gesehen sind die einzelnen Bildungsstiftungen, vor allem aber die Allianzen der Stiftungen fast so etwas wie bildungspolitische Think-Tanks. Denkfabriken, in denen darüber gegrübelt wird, wie Bildungsprozesse in Zukunft gestaltet werden können, wie sie besser und vor allem gerechter werden und wie die ideale Förderung für möglichst alle Kinder in ihrer jeweiligen Individualität aussehen kann. Dazu könnte man natürlich bildungspolitische Gesetzeswerke entwickeln und bundesweite Förderprogramme ausschreiben. Doch den Weg über kleine, ausgewählte Beispielprojekte hält Heike Kahl für Erfolg versprechender.

"Sich die Frage zu stellen: Wo sind die strategischen Hebel? Welche Art Beratung brauchen die Kommunen, um mehr daraus zu machen als nur die Verteilung des Geldes? Darüber nachzudenken und so Impulse an die Politik zu geben, so verstehen wir unser Programm. Das kann man nun belächeln und kann sagen: Tropfen auf den heißen Stein. Da wird ‘ne Welle in Gang gesetzt und die verebbt dann wieder. Aber hier soll ein ganz gezielter Impuls gesetzt werden mit diesem Programm, eine Aufmerksamkeit erreicht werden mit diesem Programm, und es ist gleichzeitig eine Einladung an all diejenigen, die an Bildung beteiligt sind, zu sagen: Lasst uns darüber nachdenken, wie kann man weiterführend tatsächlich die Chancen für jedes einzelne Kind verbessern."

Trotzdem bleibt das Engagement der Stiftungen und der Stiftungsverbände ein Privates – mit dem Anspruch allerdings, damit den Staat zu besseren Rahmenbedingungen im Bildungssystem motivieren zu wollen. Die kontinuierliche Einflussnahme auf politische Prozesse sei manchmal auch anstrengend, sagt Stephan Muschik. Aber sie sei letztlich der einzige Weg für effektive Breitenwirkung.

"Also, man muss sicherlich ‘ne ganze Menge Leidensfähigkeit als Stiftung mitbringen, aber wo ist das nicht so? Das löst ja dann möglicherweise auch gute Ideen aus. Die Frage ist ja nur, welchen Weg man dann als Stiftung gehen möchte. Sagt man sich: Okay, ich mache was ganz anderes und baue was neben die existierenden Strukturen, baue was neben die Schule, und mache Nachmittagsbetreuung und so weiter und so fort – das ist der eine Weg, und da kann man sicherlich auch mal das eine oder andere schöne Projekt hinzaubern als Stiftung. Aber es ist tatsächlich auch nur der einfachere Weg und nicht der Beste, weil man damit halt nicht in das Bestehende System eingreift."

Genau darum aber geht es: Bildungsstiftungen wollen Impulsgeber der Politik sein, partnerschaftlich, aber auch stimmberechtigt. Sie wollen gestalten und das System verändern und beeinflussen. Und sie kopieren damit eine Strategie, die andere vor vier Jahrzehnten schon einmal begonnen und letztlich erfolgreich umgesetzt haben: Aus den Studentenprotesten Ende der 60er-Jahre starteten viele Akteure den langen Marsch durch die Institutionen. So gesehen hat der Umbau des deutschen Bildungssystems gerade erst begonnen. Und darüber, welche Rolle Stiftungen hierbei spielen und wie viel Einfluss sie tatsächlich nehmen können und sollen, wird noch zu diskutieren sein.

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