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StartseiteKalenderblattIn den Händen der Faschisten11.11.2007

In den Händen der Faschisten

Frankreichs dunkle Jahre

Im Juni 1940 besetzten deutsche Truppen Paris. Frankreich wurde zunächst in eine besetzte und in eine sogenannte freie Zone geteilt. Am 11. November 1942 wurde auch die Zone libre besetzt.

Von Ruth Jung

Schon seit 1940 war Paris besetzt. (Stock.XCHNG / chris gordon)
Schon seit 1940 war Paris besetzt. (Stock.XCHNG / chris gordon)

"Der Widerstand des unterdrückten Volkes bildet mit dem Kampf aller freien Menschen eine Einheit, und dies ist der Beitrag Frankreichs zur gemeinsamen Sache."

General Charles de Gaulle am 11. November 1942 in der Londoner Royal Albert Hall. Große Worte in einem Moment der Verzweiflung: Über die Nachricht von der Besetzung auch der "freien Zone" in Frankreich am 11. November 1942 sei der General derart schockiert gewesen, dass er die Widerstandsbewegung insgeheim für gescheitert hielt, heißt es. Nach der militärischen Niederlage Frankreichs hatte De Gaulle im Juni 1940 in London das Komitee Freies Frankreich gegründet, dessen Vorsitzender er war. Seit Juni 1940 war das Land von Nazi-Deutschland besetzt, die besetzte Zone reichte von Nordosten über den Norden, Paris und die Atlantikküste, während sich die sogenannte Zone libre, die freie Zone, von Zentral- bis Südfrankreich erstreckte. Die Regierung unter Vorsitz von Marschall Hénri-Philippe Pétain hatte ihren Sitz nach Vichy verlegt. Theoretisch unterstand das besetzte Frankreich der Vichy-Regierung, praktisch diktierte Hitler-Deutschland die Politik. Mit der Operation Anton am 11. November 1942 - dem französischen Gedenktag des Waffenstillstands 1918 - weitete sich die Schreckensherrschaft nicht nur geografisch aus. Deutsche Truppen besetzten die Zone libre, während die Italiener den Südosten und Korsika einnahmen. Auf militärischen Widerstand stießen sie dabei nicht, die Grande Nation war zu einem Instrument der faschistischen Machthaber geworden.

""Im November 1942 versäumte Frankreich, jedenfalls das der Vichy-Regierung ergebene Frankreich, seine historische Chance","

so der Historiker Jean-Pierre Azéma in seinem Standardwerk "La France des années noires". Statt dem Terrorregime der Nazis die Stirn zu bieten, eilte Regierungschef Pierre Laval am 9. November 1942 nach München, um mit Hitler zu verhandeln. Wenige Tage zuvor waren alliierte Truppen in Nordafrika gelandet. Im letzten Moment wollte Laval die befürchtete Besetzung auch der freien Zone abwehren.

Sein Unternehmen musste scheitern, denn Frankreich hatte in Hitlers Europa politisch längst keine Eigenständigkeit mehr. Gedemütigt reiste Laval zurück.

""Auch nach der Landung alliierter Truppen in Nordafrika 1942 blieb die Résistance, der Widerstand, die Sache einer Minderheit","

resümiert Jean-Pierre Azéma die politische Entwicklung. Nun zeigte sich, in welchem Umfang die Vichy-Regierung zu einem Marionettenregime geworden war, das als verlängerter Arm der Besatzungsmacht handelte. Doch davor verschlossen viele Franzosen die Augen. Hatte sich das Regime mit der Kontrolle über Polizei und Verwaltung zuvor noch den Anschein der Selbstständigkeit gegeben, verlor Frankreich nach dem 11. November 1942 den letzten Rest staatlicher Souveränität, was Laval aber nicht daran hinderte, seine Kollaborationspolitik mit Nazi-Deutschland noch zu verstärken: So weitete er die im Frühjahr 1942 gegründete paramilitärische Miliz nun auf ganz Frankreich aus, bei der Verfolgung und Deportation der in Frankreich lebenden Juden leistete Lavals Miliz tatkräftig Unterstützung. Insgesamt markiert das Jahr 1942 den eigentlichen Durchbruch bei der mörderischen deutsch-französischen Kollaboration: Allein in diesem Jahr wurden 40.000 der etwa 80.000 deportierten und ermordeten französischen Juden nach Auschwitz verschleppt. Gegen die Okkupation und gegen das Schweigen empörte sich der Dichter Paul Eluard auf seine Weise:

""Ich schreie meinen Kummer
Um mit mir zum Aufschrei zu bringen
Die nicht hören,
die gefangen sind
und die der Tag beschimpft","

heißt es in einem Gedicht von 1942. Unter dem Titel "L'Honneur des poétes" erschienen zur Zeit der deutschen Besatzung im Untergrund zwei Broschüren mit anonym veröffentlichten Gedichten engagierter Dichter und Schriftsteller. Es war ein Aufschrei der "ehrenhaften Dichter", die, angeführt von Paul Eluard, ihre Stimmen erhoben gegen Unterdrückung, Verfolgung und Mord. General De Gaulle zitierte im Oktober 1943 in Algier in einer Rede zur Stärkung der Résistance aus Gedichten dieser einzigartigen Sammlung.

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